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Aus: Ausgabe vom 14.02.2026, Seite 2 / Inland
Pressefreiheit in der BRD

Wie sehr sind Journalisten in Gefahr?

Polarisierung und rechte Medienakteure verschärfen die Lage von Reportern in Deutschland, berichtet Christopher Resch
Interview: Henning von Stoltzenberg
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Anlässlich Ihres Jahresreports zur Lage der Pressefreiheit in Deutschland fordern Sie, nicht einzuknicken vor denen, »die den Informationssektor zugunsten von Machtanspruch und wirtschaftlichen Interessen aushöhlen wollen«. Wer genau ist damit gemeint?

Gemeint sind unterschiedliche Akteure mit sehr verschiedenen Motiven, die sich in ihrer Wirkung jedoch ähneln. Dazu gehören autoritäre und rechte Akteure, die Journalismus gezielt delegitimieren, um demokratische Institutionen zu destabilisieren. Gemeint sind aber auch große Techplattformen, deren Geschäftsmodelle Reichweite, Zuspitzung und Desinformation begünstigen und damit unabhängigen Journalismus strukturell schwächen.

Können Sie Beispiele für die Akteure und deren Vorgehensweise nennen?

Wir beobachten, dass sich ein neues rechtes Medienökosystem formiert, das professionell aufgemacht und oft gut finanziert ist, dabei aber hinter einer journalistischen Verpackung häufig blanken Aktivismus und Alarmismus bietet, Kampagnen fährt oder Desinformation verbreitet. Relevant für das Thema Pressefreiheit wird es, wenn Portale systematisch gegen andere Medienhäuser oder einzelne Medienschaffende vorgehen. Berichte investigativer Medien werden als »aktivistisch«, »politisch motiviert« oder »unvollständig« angegriffen, und Empörungsdynamiken erschweren dann die journalistische Arbeit. Tatsächlich ist Desinformation ein riesiges Thema: Nicht nur die sozialen Medien, sondern generell ist der digitale Raum voll davon. Vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr etwa wurde eine groß angelegte russische Desinformationskampagne aufgedeckt, durch die mit KI-generierten Falschmeldungen und Deepfakes deutsche Politikerinnen und Politiker diskreditiert werden sollten.

Sie beobachten »zunehmende Polarisierung und ein rauer werdendes gesellschaftliches Klima«. Inwiefern führt das zu Angriffen auf Medienvertreter, und wie sehen diese aus?

Seit den »Pegida«-Demonstrationen und verschärft durch die zurückliegende Coronapandemie beobachten wir eine aufgeheizte Debattenkultur und einen vergleichsweise hohen Stand an Angriffen. 2025 hat RSF 55 Angriffe auf Medienschaffende verifiziert, hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer. Neben körperlichen Angriffen sind Reporterinnen und Reporter auch von Cyberattacken, Sachbeschädigungen und koordinierten Onlinehetzkampagnen betroffen, die reale Bedrohungslagen erzeugen.

Als besonders gefährlich bezeichnen Sie die Berichterstattung bei Aufmärschen sowie Recherchen und Filmaufnahmen in neonazistischen Milieus. Werden Medienvertreter Ihrer Meinung nach nicht ausreichend geschützt?

Der Schutz ist vielfach unzureichend, vor allem für freie Reporterinnen und Reporter. Gerade bei Recherchen im rechtsextremen Umfeld erleben Medienschaffende koordinierte Einschüchterung, gruppendynamische Gewalt und gezielte Angriffe. Besonders betroffen sind Lokaljournalistinnen und -journalisten, vor allem in Ostdeutschland. Von einschlägigen Veranstaltungen der Szene berichten viele Journalistinnen und Journalisten nur noch mit Begleitschutz. Oder sie ziehen sich ganz aus der Berichterstattung zurück.

Sie kritisieren persönliche Diffamierungen und Hetzkampagnen in der Debatte darüber, was Antisemitismus ist und was legitime Kritik an der israelischen Regierung darstellt. Wie gehen Sie damit um?

Diese Debatte ist stark polarisiert. Wir beobachten, dass Journalistinnen und Journalisten, die zu diesem Thema arbeiten, persönlich angegriffen, diffamiert und online bedroht werden. Aber auch in Redaktionen gab es Konflikte: Seit über zwei Jahren berichten uns Reporterinnen und Reporter, dass sie Menschenrechtsverletzungen der israelischen Armee nicht in derselben Weise thematisieren können wie Verbrechen in anderen Staaten und Kriegen – auch weil ihnen innerhalb ihrer eigenen Redaktionen Steine in den Weg gelegt wurden.

Wie bewerten Sie EU-Sanktionen gegen Journalisten wegen deren Berichterstattung?

Sanktionen gegen Journalistinnen und Journalisten sind ein hochsensibles Instrument, das nur nach sorgfältiger Einzelfallprüfung in Erwägung gezogen werden sollte.

Christopher Resch ist Pressereferent bei Reporter ohne Grenzen (RSF)

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