Gegründet 1947 Montag, 16. Februar 2026, Nr. 39
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 16.02.2026, Seite 5 / Inland
Containerschiffahrt

Trojanische Investition

Mærsk kündigt sozial unverträgliche Milliardeninvestition beim North Sea Terminal Bremerhaven an und knüpft sie an die umweltschädliche Außenweservertiefung
Von Burkhard Ilschner
5_NEU.jpg
Neue Containerbrücken könnten den Beruf des Brückenfahrers überflüssig machen (Bremerhaven)

Mit Geschenken ist das so eine Sache: Die der antiken Danaer haben, weil hinterhältig, einen eher schlechten Ruf. Ob die der gegenwärtigen Dänen sich als vertrauenswürdiger erweisen, muss sich erst noch zeigen. Am Freitag voriger Woche kündigte der dänische Schifffahrtskonzern A. P. Møller-Mærsk, Betreiber unter anderem der zweitgrößten Containerreederei der Welt, eine Milliardeninvestition in den Containerterminal von Bremerhaven an.

Seit knapp 500 Jahren treffen sich jeden Februar in Bremens Rathaus einige hundert Kaufleute, Reeder, Nautiker und Politiker zu einer mit vielen traditionellen Gepflogenheiten überladenen – und nicht nur deswegen auch heftig umstrittenen – Veranstaltung unter dem hehren Titel »Schaffermahlzeit«. Bei exklusiven Gerichten und Getränken wird nach strengen Regeln und eng getaktetem Zeitplan geredet und genetzwerkt, auswärtige Gäste dürfen nur einmal in ihrem Leben teilnehmen. Ehrengast der 482. Veranstaltung dieser Art war der Vorstandschef von Mærsk, Vincent Clerk – und der, selbst kein Däne, sondern Schweizer, sorgte mit seinem Investitionsversprechen für eine beachtliche Überraschung.

Seit gut einem Vierteljahrhundert betreibt die Mærsk-Tochter APM Terminals an der Wesermündung einen der drei dortigen Terminals, und zwar gemeinschaftlich mit dem Unternehmen Eurogate, das zu gleichen Teilen dem staatlichen Bremer Logistiker BLG und der Hamburger Eurokai der Betreiberfamilie Eckelmann gehört. Übrigens liegt dieser North Sea Terminal Bremerhaven (NTB) am nördlichen Ende der knapp fünf Kilometer langen Stromkaje und ist damit Eigentum der Stadt Bremerhaven – anders als die übrigen Teile, die aufgrund alter Regelungen quasi als Exklave der Stadt Bremen gehören.

Bekanntlich schwelgt Bremerhaven trotz teilweise maroder Substanz und erheblicher sozialer Probleme derzeit ohnehin in einem Milliardenrausch, seit der von Kriegstüchtigkeit schwärmende Boris Pistorius (SPD) der Stadt einen Marinehafen in Aussicht gestellt hat. Während sich aber diese Planung, abgesichert auch durch das 1,35-Milliarden-Euro-Versprechen des Bundestags-Haushaltsausschusses, im wesentlichen auf den Süden der Stadt konzentriert, wartet die Stromkaje wie andere Hafenteile auch angesichts spärlichster Bundesmittel seit Langem auf mehr Investitionen.

Nun also wollen Mærsk und Euro­gate ihren NTB mit einer weiteren Milliarde aufhübschen: Damit sollen unter anderem die Suprastruktur modernisiert, der jährliche Containerumschlag massiv erhöht und der Terminal selbst mittels vollständiger Elektrifizierung durch Einsatz erneuerbarer Energien zum deutschlandweit ersten emissionsneutralen Umschlagplatz ausgebaut werden. Während Clerc insbesondere letzteres als »langfristig zukunftssicher« hervorhebt, meldet die Gewerkschaft Verdi hier Vorbehalte an: Sie warnte laut Nordsee-Zeitung davor, die Umstrukturierungen »an den Beschäftigten vorbei zu planen«. Die Aussicht, künftige Containerbrücken könnten statt durch menschliche Brückenfahrer an Bord nur noch von einer zentralen Schaltstelle aus ferngesteuert werden – in manchen anderen Häfen bereits üblich –, rangiert auf der Liste der Hafenarbeiterängste weit oben.

Sowohl Mærsk als auch Eurogate forderten übrigens auch die Umsetzung der ausstehenden Außenweservertiefung, machten sie gar zur Bedingung für die versprochene Investition. Das ist fragwürdige Propaganda: Denn Eurogate ist Hauptbetreiber am benachbarten Wilhelmshavener Jade-Weser-Port, der allen gegenwärtigen wie unmittelbar kommenden Großcontainerschiffen ausreichend Tiefgang bietet. Auch der dänische Konzern ist dort aktiv, nämlich durch die Gemini Cooperation in eine Allianz mit Kobetreiber Hapag-Lloyd verwickelt. Ob sozial bedenkliche Modernisierung wie oben oder der Ruf nach derart umweltschädigenden Maßnahmen – Clerc hat in seiner Rede im Bremer Rathaus eine klare Kursvorgabe formuliert: Man werde beim Schaffermahl »daran erinnert, dass Seehandel ein Beruf, eine Branche und sogar ein politisches Schlachtfeld sein kann«. Doch Danaer?

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Regio: