Kurs auf Weltmacht
Von Arnold Schölzel
Am Freitag gab Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in seiner Eröffnungsrede auf der Münchner »Sicherheitskonferenz« deren Leitparole aus: Europa muss sich »mit neuer Stärke, neuer Achtung und Selbstachtung« behaupten – unter deutscher Führung.
Der deutschen Vorgabe folgten alle westeuropäischen Redner. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warb dafür, »Europa« zu einer »geopolitischen Macht« zu machen, und stellte weitere Gespräche über atomare Abschreckung in Aussicht. Der britische Premier Keir Starmer rief auf, sich darauf vorzubereiten, gegen Russland »zu kämpfen«, mit allem, »was auch immer nötig ist«. Er teilte zugleich mit, dass das Vereinigte Königreich seine Flugzeugträgerkampfgruppe in den Nordatlantik und die Arktis entsenden und die atomare Zusammenarbeit mit Frankreich verstärken werde.
Vor Starmer hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein »erwachendes Europa« gefeiert. Die 27 EU-Staaten hätten im vergangenen Jahr rund 320 Milliarden Euro für Rüstung ausgegeben, gegenüber 200 Milliarden Euro vor 2022. Sie verlangte weitere Steigerung und erklärte die russische Wirtschaft für »substantiell geschwächt«.
US-Außenminister Marco Rubio zeigte sich am Sonnabend in seiner Rede in München zufrieden mit den Anstrengungen der EU- und NATO-Europäer: »Wir wollen, dass Europa stark ist. Wir glauben, dass Europa überleben muss.« Ein Ende der transatlantischen Ära sei »weder unser Ziel noch unser Wunsch«. Für »ein wiederbelebtes Bündnis« müsse »Europa« aber in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen. Er schränkte allerdings ein, durch die »Massenmigration« würden westliche Länder »destabilisiert«, kritisierte einen »Klimakult« und warnte vor einer »Deindustrialisierung«. Die Vereinten Nationen stellte er grundsätzlich in Frage, weil sie bei der Lösung internationaler Konflikte »praktisch keine Rolle« spielten. Sie hätten »den Krieg in der Ukraine nicht gelöst«, seien »machtlos«, das Atompotential des Iran einzuschränken, und hätten »die Bedrohung unserer Sicherheit durch einen narkodiktatorischen Diktator in Venezuela nicht angehen« können.
Der Grund: 500 Jahre lang habe sich der Westen bis 1945 ausgedehnt, dann habe er sich »zurückgezogen«. Die Folge: »Die großen westlichen Imperien waren in einen tödlichen Niedergang eingetreten – beschleunigt durch gottlose kommunistische Revolutionen und antikoloniale Aufstände, die die Welt transformieren und über weite Teile die Landkarte mit dem roten Hammer und der Sichel bedecken sollten.« Den Niedergang lehne aber die Trump-Administration ab, die USA wollten nicht »höfliche und ordentliche Verwalter eines Niedergangs des Westens sein«. Deshalb wollten die USA auch nicht, »dass unsere Verbündeten schwach sind, denn das macht uns schwächer«. Das Angebot, Juniorweltmachtpartner zu werden, wurde in München mit stehenden Ovationen beklatscht.
Die deutsche Aufrüstung nimmt dabei, berichtete die FAZ am Sonntag von der Konferenz, mit »schwindelerregenden Bestellgrößen« seit drei Jahren ein enormes Tempo vor. Alleine vor Weihnachten seien im Bundestag Aufträge für Panzer, Flugzeuge, Schiffe und anderes für mehr als 70 Milliarden Euro beschlossen worden. Die Bundeswehr sei damit auf dem Weg, neben der ukrainischen Armee zur stärksten konventionellen Streitmacht auf dem Kontinent zu werden. Die Konferenz wurde in diesem Zeichen zu einer Waffenbörse für die Ukraine. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij zeigte sich entsprechend zufrieden.
Den einzigen Kontrapunkt setzte Chinas Außenminister Wang Yi, der sich für die Stärkung der UN, Kooperation und Multilateralismus einsetzte.
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Leserbrief von Wilfried Schubert aus Güstrow (16. Februar 2026 um 14:42 Uhr)Mit großem Erstaunen konnte ich feststellen, dass die Teilnehmer der Europäischen Sicherheitskonferenz immer nur von Europa sprachen. Bundeskanzler gab die Losung aus: »Europa muss sich mit neuer Stärke« aufstellen. Immer wieder Europa zeugt von Arroganz und maßloser Selbstüberschätzung. Neben NATO und EU gibt es in Europa noch Russland, als größtes europäisches Land mit 3,9 km² von den 10,9 km² gesamteuropäischer Fläche. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Russland mit 5.889 Nuklearwaffen die stärkste Atommacht weltweit ist. Frankreich und England haben zusammen 515. Hinzu kommen taktische Atomwaffen für die atomare Teilhabe der Bundeswehr auf dem Fliegerhorst Büchel. Wie die vorhergegangenen Sicherheitskonferenzen vergaßen die Teilnehmer der 62. Konferenz erneut: Frieden und Wohlstand in Europa gibt es nur mit, nicht gegen Russland. Alles andere birgt die Gefahr eines neuen Weltbrandes in sich und zeugt von maßloser Arroganz und Überheblichkeit. Insofern war München wohl mehr eine Unsicherheitskonferenz.
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (16. Februar 2026 um 09:46 Uhr)Deutschlands internationale Handlungsfähigkeit scheitert nicht an fehlender wirtschaftlicher Stärke, sondern zunehmend an seiner eigenen gesellschaftlichen Mentalität. Die historischen Traumata des 20. Jahrhunderts haben eine politische Kultur hervorgebracht, die militärische Macht nicht nur skeptisch betrachtet, sondern innerlich ablehnt. Diplomatie gilt als moralisch überlegen, Gewalt fast grundsätzlich als illegitim. So sind Generationen entstanden, die in einem beispiellosen Frieden sozialisiert wurden und für die Krieg nicht mehr Teil politischer Realität, sondern ein kaum vorstellbarer Ausnahmezustand ist. Diese Haltung hat Deutschland stabil, wohlhabend und berechenbar gemacht – zugleich aber strategisch abhängig von jenen Staaten, die weiterhin bereit sind, Macht notfalls mit militärischen Mitteln durchzusetzen. Deutschland wirkt daher wie ein geopolitischer Widerspruch: ökonomisch ein Schwergewicht, sicherheitspolitisch jedoch ein Akteur mit ausgeprägtem Hemmreflex. Wer militärische Gewalt kulturell verdrängt, wird sie im Ernstfall kaum entschlossen einsetzen können. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland mehr Waffen beschaffen kann. Sondern ob eine Gesellschaft, die Härte aus ihrer Lebenswirklichkeit verbannt hat, im Ernstfall noch den Willen besitzt, Macht mit militärischer Gewalt zu verteidigen.
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Leserbrief von Reinhold Schramm aus Berlin (16. Februar 2026 um 14:29 Uhr)Die konventionelle und nukleare Aufrüstung Europas schützt nicht vor einem möglichen Atomkrieg zwischen den Nuklearmächten. Die konventionelle Aufrüstung Deutschlands befördert allenfalls einen Atomkrieg in Europa. Hierbei auch Deutschlands und Polens Bevölkerung im Zentrum einer nuklearen europäischen Vernichtung. Entgegen der aktuellen Rüstungs- und Kriegspolitik aller bürgerlichen Parteien, deren Parlamentsmehrheiten und Regierungen wäre der materielle Einsatz für die wirtschaftliche und sozialpolitische Sanierung der jeweiligen Gesellschaft. Das würde auch eine gesamteuropäische Friedenspolitik ermöglichen und zugleich den bescheidenen Wohlstand für die unteren sozialen Schichten der bürgerlichen Klassengesellschaften Europas zugutekommen.
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