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Aus: Ausgabe vom 13.02.2026, Seite 15 / Feminismus
FGM_C

»Was unerzählt bleibt, ist der Moment davor«

Der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung, filmisch aufgearbeitet. Ein Gespräch mit Fatou Mandiang Diatta und Leah Meinhof
Von Interview: Clara Ehrhardt
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Die Tochter schützen oder an gewaltsamen Traditionen festhalten? Fragen, die der Film »Bouge comme une fille« thematisiert

Seit 2003 wird am 6. Februar mit dem International Day of Zero Tolerance for FGM_C (weibliche Genitalverstümmelung/Beschneidung) diese Form der Gewalt an Mädchen und Frauen angeprangert. Welche Bedeutung hat dieser Tag für Sie, Fatou Mandiang Diatta, als Überlebende und Aktivistin bei der Berliner Koordinierungsstelle gegen FGM_C?

Fatou Mandiang Diatta (F. M. D.): Es ist für mich immer wieder eine Ehre, die Menschen am 6. Februar daran zu erinnern, dass wir, FGM-Überlebende, existieren. Dieser Tag ist nicht nur eine Feier, es ist ein Kampftag gegen FGM und ein Tag der Erinnerung an all die Mädchen, die wegen dieser Praxis nicht mehr unter uns sind.

Die Berliner Koordinierungsstelle leistet wichtige Arbeit gegen FGM_C hier vor Ort. Wie sieht diese aus?

F. M. D: Zunächst einmal geht es darum, Mädchen zu schützen, die in Europa geboren sind und potentiell Opfer von FGM werden könnten. Dafür leisten wir Bildungs- und Präventionsarbeit, besonders wenn die Frauen und Mütter kein Deutsch sprechen und sich nicht bewusst sind, dass FGM in Deutschland verboten ist. Aber wir unterstützen auch die Überlebenden von FGM, geben ihnen Kraft und zeigen ihnen, dass sie nicht allein sind. Wir stellen den Frauen und Mädchen psychische und medizinische Hilfe zur Verfügung und zeigen ihnen die Möglichkeiten, die sie haben, etwa dass die Krankenkasse die Kosten der Rekonstruktion übernimmt oder dass sie als Betroffene von FGM Asyl beantragen können.

Sie arbeiten als Expertinnen der Koordinierungsstelle nicht nur in Berlin eng mit den verschiedenen Communitys zusammen, sondern auch in Ihren jeweiligen Ländern. Wie unterscheidet sich die Arbeit in Senegal von der in Berlin?

F. M. D: Meine Philosophie ist: Wenn wir FGM in unseren Heimatländern beenden, werden die Menschen diese Praktiken nicht mitbringen. Bei meiner Arbeit in Senegal bringe ich neue Ideen mit, weil FGM dort noch sehr verbreitet ist. In Deutschland mache ich eine Art Konzeptualisierung der Realität. Ich versuche, die Mädchen aus der Diaspora, die in Berlin leben, zu schützen. Gleichzeitig habe ich aber auch ein Auge auf die Mädchen in Senegal.

Leah Meinhof, Sie haben einen Film zum Thema gedreht. Worum geht es darin konkret, und wieso haben Sie sich entschieden, den Film zusammen zu machen?

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Gemeinsam kämpfen: Regisseurin Leah Meinhof und die Aktivistin Fatou Mandiang Diatta

Leah Meinhof (L. M.): »Bouge comme une fille« ist eine intime Auseinandersetzung mit Loyalität, Mutterschaft und Selbstbestimmung. Im Zentrum des Films steht Fatou, deren Mutter aus dem Senegal zu Besuch nach Berlin kommt. Sie bringt die unausgesprochene Erwartung mit, dass Fatous siebenjährige Tochter bald »zur Frau gemacht« werden soll. In dem Film beschäftigen wir uns mit den Fragen: Was macht jemanden zur Frau? Und wie lassen sich Zyklen durchbrechen?

F. M. D.: Viele der Aktivistinnen gegen FGM sind auch Überlebende. Und wir müssen unsere Geschichten erzählen. Wir müssen zeigen, was in unserem täglichen Leben in unseren Communitys passiert. Und wir brauchen in diesem Kampf gegen FGM mehr Mitstreitende. Wir brauchen Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde, Filmschaffende oder Songwriter.

FGM_C ist trotz wachsender Aufmerksamkeit noch immer ein eher unbekanntes Thema. Würden Sie sagen, dass Ihre Geschichte eine bisher unerzählte ist?

F. M. D.: Die Realität, die wir in diesem Film zeigen, ist die Realität von Tausenden von Frauen, die sich fragen: Soll ich es tun? Oder soll ich den Zyklus brechen? Sie müssen sich entscheiden zwischen den eigenen Kindern und der Gemeinschaft und den Traditionen.

L. M.: Es gibt bereits viele Dokumentarfilme zu dem Thema, die aufklären und politische Zusammenhänge sichtbar machen. Was unerzählt bleibt, ist der Moment davor: der innere Konflikt, das Zögern, das Ringen im Privaten. Der Moment vor dem »Cycle Breaking«. Der Film soll den Raum zur Diskussion öffnen, um das Thema darüber hinaus weiterzudenken.

F. M. D.: Der Film ist sehr respektvoll erzählt. Er lädt dazu ein, die eigene Geschichte zu teilen, und hoffentlich ermutigt er all diese Frauen, eine Entscheidung zu treffen. Er zeigt, dass es möglich ist, »Nein« zu sagen, und dass wir nach Alternativen und Lösungen suchen sollten. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Film viele Frauen und Familien erreichen und sie davon überzeugen kann, sich für den Schutz ihres Kindes zu entscheiden.

Fatou Mandiang Diatta (r.), auch bekannt als Sister Fa, lebt in Berlin und Dakar. Sie ist nicht nur Vorreiterin des weiblichen HipHops in Senegal, sondern auch Aktivistin gegen FGM_C

Leah Meinhof (l.) studiert Regie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Dort drehte sie 2025 den Film »Bouge comme une fille«

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