Dunkelfeld erhellt
Von Carmela Negrete
Die Bundesregierung hat eine Dunkelfeldstudie mit dem Titel »Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag« vorgelegt, in der das Ausmaß der Gewalt untersucht wurde, die nicht zur Anzeige gebracht wird. Zum ersten Mal wurde dabei auch psychische Gewalt erfasst. Die Ergebnisse sind erschreckend: Lediglich rund fünf bis zehn Prozent der Betroffenen melden diese Taten bei der Polizei. Untersucht wurden Fälle, die in der offiziellen Kriminalstatistik nicht auftauchen – weil sie nicht angezeigt werden – mittels Opferbefragungen. Für diese Studie wurden dazu über zwei Jahre lang 15.479 Interviews mit repräsentativ ausgewählten Teilnehmenden zwischen 16 und 85 Jahren geführt. Ergebnis für beide Geschlechter: Jede sechste Person hat schon einmal Gewalt (hier in der weiter gefassten sozialwissenschaftlichen Bedeutung) durch einen Partner bzw. Expartner erlebt.
Danach ereignen sich etwa 90 Prozent der körperlichen Gewalt innerhalb von Partnerschaften. 8,4 Prozent der männlichen Betroffenen und 5,6 Prozent der weiblichen Betroffenen berichten von körperlicher Gewalt nach Beendigung der Beziehung. Dass diese jedoch häufig sehr gravierende Folgen haben kann – vor allem für Frauen –, zeigt die Polizeistatistik. 2024 sind in Deutschland 308 Frauen und Mädchen gewaltsam getötet worden, 191 davon durch Partner, Expartner oder andere Familienmitglieder. Bundesweite Zahlen für 2025 liegen bislang nicht vor. Die Studie hält fest, dass 1,5 Prozent der Frauen und 0,2 Prozent der Männer in den vergangenen fünf Jahren Opfer einer Vergewaltigung wurden.
Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) sowie Familienministerin Karin Prien (CDU) stellten gemeinsam mit Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), am Dienstag die Studie in der Bundespressekonferenz vor. Die Studie bestätige, was befürchtet worden sei: »Das Ausmaß ist noch größer als erwartet«, so Dobrindt. Erklärt wurde zudem, dass neben Frauen auch junge Menschen, queere Personen und Frauen mit Mi-grationshintergrund besonders betroffen seien. Eine Neuerung kündigte der Innenminister an: Künftig solle die Anwendung von K.-o.-Tropfen rechtlich wie der Einsatz einer Waffe behandelt werden. Prien ergänzte, dass Frauen nicht nur häufiger von partnerschaftlicher und geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen seien, sondern auch härter davon getroffen würden. Sie fürchteten die Konsequenzen einer Anzeige, die »Folgen für Kinder, ihre Wohnsituation oder ihre Existenz«. Im Gespräch mit Tagesschau 24 wies Ministerin Prien am Mittwoch auch auf die »außerordentliche Bedeutung« ökonomischer Unabhängigkeit von Frauen hin. Zudem müsse der psychosoziale Prozess bei den Behörden so gestaltet sein, »dass Frauen sich trauen, Anzeige zu erstatten«. Doch die Ministerin versprach lediglich: »Daran müssen wir weiterarbeiten«, und kündigte keine konkreten Maßnahmen an.
Kaum erstaunen kann das Ergebnis der Studie, dass Frauen deutlich häufiger schwerwiegendere Gewalt in Partnerschaften erleben. Eine Referentin für häusliche und sexualisierte Gewalt der Frauenorganisation Terre des Femmes erklärte gegenüber NDR Info, die Ergebnisse hätten sie nicht überrascht. Sie erhoffe sich nun eine Reaktion der Politik auf diese Zahlen. Das Zuhause sei kein sicherer Ort, vor allem nicht für Frauen, und das »spiegele patriarchale Verhältnisse in unserer Gesellschaft wider«. Man brauche mehr Kompetenz im Gesundheitssystem und müsse als Gesellschaft mehr Haltung zeigen und weniger wegschauen. Das Betroffensein von körperlicher Gewalt innerhalb von (Ex-)Partnerschaften in den vergangenen fünf Jahren fiel jedoch bei Männern (14 Prozent) und Frauen (18 Prozent) nahezu gleich hoch aus. Und während psychische und körperliche Gewalt zu einem Großteil vom jeweils anderen Geschlecht ausgeübt wird, sind die Täter bei sexuellen Belästigungen und Übergriffen auf Männer in rund der Hälfte der Fälle ebenfalls Männer.
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