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Aus: Ausgabe vom 13.02.2026, Seite 1 / Ansichten

Wissenschaft ungültig

Trump kippt Klimaschutzgrundlage
Von Daniel Bratanovic
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Die Menschheit hat sich im Laufe des bürgerlichen Zeitalters ein paar allgemein anerkannte Erkenntnisse von gewisser Relevanz erarbeitet, hinter die zurückzugehen lange ausgeschlossen schien. Die kopernikanische Wende gehört dazu, Darwins Evolutionsbiologie ebenso. Und seit mindestens 35 Jahren weiß oder könnte die Weltbevölkerung wissen, dass die fortgesetzte Emission von Treibhausgasen das globale Klima erwärmt, was einige unerquickliche Konsequenzen mit sich bringt, die Jahr für Jahr deutlicher erkennbar sind: Dürren, Unwetter, Flutkatastrophen et cetera.

In den USA, nicht nur dort, folgten aus diesem Wissen einige gesetzliche Bestimmungen. Die sogenannte Gefährdungsfeststellung der US-Umweltbehörde EPA aus dem Jahr 2009 bildete die rechtliche Grundlage zur Reduzierung der nationalen Kohlendioxidemissionen, woraus sich Vorgaben zum CO2-Ausstoß von Fahrzeugen sowie Gas- und Kohlekraftwerken ableiteten. Mit Präsidialdekret von Donnerstag soll diese »Gefährdungsfeststellung« keine Gültigkeit mehr haben. Das heißt mit anderen Worten: Donald Trump erklärt die wissenschaftliche Erkenntnis für ungültig, wonach Treibhausgase ökologisch und gesundheitlich ein ernstes Problem darstellen.

Hinter dieser wirkmächtigen Realitätsverweigerung beziehungsweise Konstruktion alternativer Wirklichkeit qua Amt mag man einen ideologischen Wahn vermuten, wie er auch evangelikalen Eiferern zu eigen ist, die von der Evolutionslehre nichts wissen wollen. Wer mag, erblickt darin allerdings schlichtweg ein Konjunkturprogramm. Der Schritt werde »die größte Deregulierungsmaßnahme in der amerikanischen Geschichte« sein, sagt Trumps Sprecherin Karoline Leavitt; die damit gewonnenen Einsparungen entfielen auf geringere Kosten für Neuwagen.

Bisher war anzunehmen, dass ein bürgerlicher Staat bisweilen gegen die kurzfristigen Profitinteressen einzelner Kapitale die allgemeinen Bedingungen der Kapitalakkumulation aufrechtzuerhalten sucht, wozu inzwischen auch ökologische Vorgaben gehören, da ein vollständig ausgelaugter Planet, der die materiellen Grundlagen kapitalistischen Reichtums nicht mehr bietet, auch unter dem Gesichtspunkt des Kapitals fatal ist. Mit Trumps Dekret wird man diese Annahme von der Zweckrationalität zu beerdigen haben. Ideologischer Wahn und der des Profits beenden ein Zeitalter.

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  • Leserbrief von Ulf-Dietrich Braumann aus Leipzig (15. Februar 2026 um 20:10 Uhr)
    So einfach ist es nicht, sich auf »die Wissenschaft« zu beziehen! Es hat, sicherheitshalber möchte ich das betonen, nichts mit irgendeiner Leugnung zu tun: nur anhand der Messdaten kann man keineswegs belegen, dass das Kohlendioxid ursächlich ist für den Temperaturanstieg, auch wenn derlei überall gesagt wird. Ich verweise dazu auf den lesenswerten Artikel von Demetris Koutsoyiannis und anderen von vor ca. drei Jahren, die anhand aller, auch und gerade historischer Daten, eine mögliche Kausalität zwischen Kohlendioxid und Temperatur (und vice versa) unter die Lupe genommen haben: https://doi.org/10.3390/sci5030035 Zur Überraschung kommt raus, daß man allenfalls den umgekehrten Effekt belegen kann, nämlich dass der Temperaturanstieg dem Kohlendioxidanstieg vorauseilt. Das ist das Gegenteil dessen, was sonst als Faktum dargestellt wird. Ich empfehle diesen Artikel »On Hens, Eggs, Temperatures and CO2: Causal Links in Earth’s Atmosphere« zur Lektüre. Die Autoren operieren ausdrücklich nicht mit Klimamodellen, sondern nur mit Daten. Und damit man mich immer noch richtig verstehen möge: es geht mir selbstredend nicht um das weitere hemmungslose Verfeuern fossiler Energieträger. Auch nicht um eine Rechtfertigung von Trump und seinen Spießgesellen. Ich weiß auch nichts von Verschwörung. Ich weiß aber, wie traurig es in der Wissenschaft zugehen kann: je mehr dramatisiert werden kann, desto stärker sprudeln die Fördergeldquellen. Ein auf Drittmittel angewiesener Meteorologe oder Hydrologe oder dergleichen kann es sich unter keinen Umständen (mehr) leisten, eine Sondermeinung zum Klimawandel zu vertreten, mag sie noch so sehr unfalsifiziert geblieben sein. Koutsoyiannis aus Athen und seinen drei Kollegen (darunter einer aus Polen und einer aus England) wurde vorgeworfen gekauft zu sein. Meiner Kenntnis nach hat niemand bisher gezeigt, dass die Ergebnisse dieses Teams falsch sind. Das müßte man aber, und zwar ohne Modelle (denn in denen stecken immer Annahmen), nur mit Daten.
  • Leserbrief von Roland Weinert (13. Februar 2026 um 18:01 Uhr)
    Drüben wie hüben:Es wird euphemistisch Demokratie genannt. In Wahrheit leben wir darin: 1) Idiokratie (vgl. den Film »Idiocracy«): Das Wort leitet sich von altgriechisch ἰδιώτης idiotes ab,[1] das in etwa »Privatperson« bedeutet. Es bezeichnete in der Polis Personen, die sich aus öffentlichen-politischen Angelegenheiten heraushielten und keine Ämter wahrnahmen, auch wenn ihnen dies möglich war. In der Attischen Demokratie, die auf informierten und aktiven Bürgern (Politai) beruhte, waren die Idiotai wenig geschätzt. Man wurde als Idiotes geboren und blieb es, wenn nicht Erziehung und Bildung den politisch bewussten Bürger schufen (Tocqueville).[2][3] Wer sich während der Volksversammlungen öffentlich dem Nichtstun widmete, wurde bestraft. Ins Lateinische als idiōta entlehnt, verschob sich die Bedeutung des Wortes hin zu »Laie«, auch »Pfuscher«, »Stümper«, »unwissender Mensch«. Später wurde der Begriff allgemein auf Laien oder Personen mit einem geringen Bildungsgrad angewandt. (https://de.wikipedia.org) – 2)Kakistokratie bezeichnet in der Politikwissenschaft eine Herrschaft der Schlechtesten. Das Fremdwort leitet sich aus altgriechisch κάκιστος kákistos, deutsch »am schlechtesten«, dem Superlativ von altgriechisch κακός kakós, deutsch »schlecht«, und altgriechisch κρατία kratia, deutsch »Herrschaft« ab. (https://de.wikipedia.org) – 3) it dem von der soziologischen Eliteforschung entwickelten Begriff Mediokratie, abgeleitet von lateinisch mediocris »mittelmäßig« und altgriechisch κρατειν kratein, deutsch »herrschen«, beschreiben Sozialwissenschaftler eine hierarchische Situation, in der eher mittelmäßig begabte Menschen die entscheidenden Schaltstellen einer Gesellschaft besetzt halten und ihre Macht dazu nutzen, um höher begabten Konkurrenten den Aufstieg zu verwehren. Von Bedeutung ist der Begriff vor allem in Studien zur herrschenden Klasse in Politik und Wirtschaft. (https://de.wikipedia.org) – 4)Infantilokratie.
  • Leserbrief von Rayan aus Unterschleißheim (13. Februar 2026 um 14:49 Uhr)
    Mein Vorschlag an etwaige, irgendwann auf diesem Planeten anlandende Aliens oder an die in nur ein paar Millionen Jahren den Platz von uns einnehmende Spezies wäre: Verleiht Trump stellvertretend für den religiösen Wahn stellvertretend für den Kapitalismus stellvertretend für die Menschheit doch bitte posthum den Darwin-Award!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Andreas E. aus Schönefeld (13. Februar 2026 um 13:55 Uhr)
    Nun wird demnächst Trump in seiner umfassenden »Weisheit« per Dekret die Erde zur Scheibe erklären und zum Zentrum des Universums. Zum Zentrum der Erde wird Washington erklärt und zum Zentrum Washingtons das Weiße Haus. Damit wäre Trump der Nabel der Welt. Zumindest führt er sich so auf. Warum vergehen vier Jahre nur so quälend langsam?
  • Leserbrief von Günter Buhlke (13. Februar 2026 um 13:46 Uhr)
    Das Volk hat einen Freitag, den 13., nicht ohne Wissen zum Unglückstag erhoben. Die Regierungen der Welt sollten endlich Präsident Trump zum Unglücksbringer erklären. Nicht nur weil er Staatspräsidenten entführen lässt, Öltanker kapert. Gesetzeswerke der US-Regierung mit einem Stift einfach streicht. Er akzeptiert seit dem 12. Februar 2026 auch nicht mehr die »Wissenschaftliche Gefährdungsfeststellung« der eigenen US-amerikanischen EPA. Die hohe Zahl der Überschwemmungstoten in aller Welt sind ihm offensichtlich egal! Wann endlich wird Donald Trump öffentlich zum Unglück der Zeit erklärt?
  • Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (13. Februar 2026 um 09:55 Uhr)
    Die USA leben seit Jahrzehnten auf Kosten der ganzen Welt. Trumps neueste Entscheidung ist lediglich eine weitere Bekräftigung dessen, dass man dort Raub für legitim hält, weil man die Macht zum Rauben hat. Nun also raubt man der Welt die Luft zum Atmen. Aus Sicht des US-amerikanischen Finanzkapitals ist das mehr als nur gerecht: Sollen sie doch verrecken, die Kleinen. So war sie immer, die »Moral« der Raubritter. Bis man sie schließlich fing und hängte, weil es so nicht weitergehen konnte.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (12. Februar 2026 um 17:37 Uhr)
    Von derart weitgehenden Prognosen sollte man absehen. Die materiellen Grundlagen kapitalistischen Reichtums sind noch lange nicht erschöpft, jedenfalls was die Quellen angeht. Bei den Senken sieht es anders aus. Man denke an das (Plastik-)Müllproblem. Für die Atmosphäre bleibt noch ein Restbudget an CO2-Eintrag, je nachdem, welchen Temperaturanstieg man ansetzt. Und jetzt kommt der Knackpunkt: Je mehr die Temperatur des Planeten steigt, desto weniger seiner Oberfläche wird für Menschen bewohnbar. Gewisse Anteile werden »einfach so« nutzbar sein, andere durch (technische) Vorkehrungen, viele überhaupt nicht. Die zukünftigen Auseinandersetzungen werden also territoriale und um Wasser sein. Kurz gesagt: Dem Weltkapital ist es gleichgültig, um wie viele Milliarden die Weltbevölkerung durch die Klimakatastrophe verkleinert wird, solange es seine Vorherrschaft behält. Wozu es fähig ist, zeigt die Geschichte der letzten hundertzwanzig Jahre. Nebenbei bemerkt: In Europa und speziell in der BRD sieht es klimaschützerisch nicht viel besser aus als in Trumpland. Nur wird nicht ganz so dümmlich vorgegangen, da folgt ein Europa-Omnibus dem nächsten.
    • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (13. Februar 2026 um 11:08 Uhr)
      Wir Menschen haben die Erde nicht erschaffen und letztlich kontrollieren wir auch nicht die Bedingungen, unter denen sie existiert. Planetare Entwicklungen unterliegen Kräften, die weit über menschliche Einflussmöglichkeiten hinausgehen. Deshalb erscheint es mir problematisch, wenn Prognosen so formuliert werden, als läge das Schicksal der Erde vollständig in unserer Hand. Das bedeutet nicht, dass unser Handeln folgenlos wäre — wohl aber, dass eine gewisse intellektuelle Bescheidenheit angebracht ist. Statt uns als zentrale Steuerungsinstanz des Planeten zu begreifen, sollten wir anerkennen, dass wir Teil eines komplexen Systems sind, dessen Dynamiken wir nur begrenzt verstehen. Der Mensch ist ein Einflussfaktor, aber nicht der Maßstab aller planetaren Entwicklungen.
      • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (13. Februar 2026 um 12:34 Uhr)
        Bescheiden intellektuell Ausgerüstete gibt es in den höchsten Ämtern, wie man sieht. Ihre Forderung ist also bereits erfüllt. Zum Glück gibt es noch die Physik, deren Gesetze entkommt keiner. Gemäß dem derzeitigen Wissensstand der physikalischen Kosmologie dürfen wir annehmen, dass habitable Zonen wie die Erde eine große Seltenheit sind und ihre Entstehung eine ausgesprochen geringe Wahrscheinlichkeit hat. Ferner wissen wir bewiesenermaßen, dass nicht alles berechenbar ist. Ein paar ungelöste Probleme, die David Hilbert 1900 aufgeschrieben hat, liegen auch noch vor. Aber: Ebenfalls im Jahr 1900 hat Max Planck das heute so genannte Plancksche Wirkungsquantum eingeführt und damit die Quantenphysik begründet. Von genau dieser wissen wir, wie der Treibhauseffekt funktioniert. Er ist eben kein klassischer Fall von »Gib mir einen festen Punkt, und ich werde die Erde aus den Angeln heben«. Winzige Mengen an Stoff mehr hat riesige Folgen: 100ppm mehr Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre in zweihundert Jahren haben die mittlere Temperatur der Atmosphäre um annähernd 1,5 Grad Celsius erhöht. Dass eine derart geringe Mengenzunahme einen derartigen Effekt hat, ist klassisch nicht erklärbar, da braucht es die Quantenphysik. Die Dynamik der Erde ist zweifellos nur begrenzt verstanden, aber die Schranken sind schon ganz schön weit nach außen versetzt. Leute, die glauben, der Storch bringe die Kinder, brauchen sich natürlich nicht um popelige Physik und so Kram kümmern.

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