Warum engagieren Sie sich gegen den Ausbau?
Interview: Gitta Düperthal
Am Montag morgen haben Mitglieder der Umweltgruppe »Krokodil gegen Hessen Mobil« Büros der Außenstelle des Unternehmens Hessen Mobil in der Ortschaft Schotten besetzt. Die Firma ist für Planung und Umsetzung der B 49 zwischen Lindenstruth und Reiskirchen zuständig. Was hat es mit dem Namen Ihrer Gruppe auf sich und was sind Ihre Anliegen?
Wir nennen uns »Krokodil gegen Hessen Mobil«, weil es sich reimt und es eine schöne Vorstellung ist, dass ein Krokodil die Straße frisst. Unser politisches Ziel ist es, für Aufmerksamkeit zu sorgen für den Skandal, der dieser Neubau der umstrittenen Bundesstraße ist. Deshalb findet auch seit einer Woche die Baumbesetzung an der geplanten Trasse der B-49-Südumgehung statt. Ab diesem Februar drohen hier Abholzungen, um den Straßenneubau vorzubereiten.
Aus diesem Grund drangen Aktivistinnen und Aktivisten gegen zehn Uhr morgens in die Büroräume von Hessen Mobil ein und hängten ein Protestbanner aus dem Fenster. In der Folge verließen bis zu 15 Personen, überwiegend Angestellte, das Gebäude. Wenig später rückten Polizei und Feuerwehr an und räumten die Besetzung. Gegen Mittag befanden sich nur noch jene Personen in den Büros, die sich dort festgeklebt hatten.
Was ist das Problem an dem geplanten Ausbau der B 49?
Die Mittel, die CDU-Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder für den Straßenneubau umgewidmet hat, werden dringend für die Sanierung maroder Brücken und Straßen sowie für den Ausbau des Schienennetzes benötigt. Auch Hessens Verkehrsminister Kaweh Mansoori von der SPD drängt darauf, dass die Bagger rollen. Begründet wird die angebliche »Notwendigkeit« des Projekts mit Prognosen aus dem Planverfahren. Demnach sollten auf dem betroffenen Streckenabschnitt täglich rund 13.100 Fahrzeuge unterwegs sein – der Verkehr würde demnach zunehmen. Die Realität zeigt jedoch ein anderes Bild. Die Zahl der tatsächlich gezählten Fahrzeuge ist seitdem deutlich gesunken – auf 7.417 Autos pro Tag. Klartext: Die Bundesstraße wird nicht benötigt.
Sie beklagen zudem drastische Einschnitte für Mensch und Natur – welche?Die Jossolleraue steht unter dem Schutz der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie. Die geplante Trassenführung verläuft unmittelbar entlang der Grenze dieses sensiblen Schutzgebietes. Von dem Vorhaben wären zudem das Martinsheim, eine Einrichtung zur Betreuung psychisch erkrankter Menschen, sowie die Kirschbergschule, eine Grundschule in Reiskirchen, unmittelbar betroffen. Die damit einhergehenden Belastungen durch Lärm, Luftverschmutzung und eine erheblich beeinträchtigte Umgebung würden insbesondere für Kinder und kranke Menschen in Kauf genommen werden. Darüber hinaus würden landwirtschaftlich genutzte Weide- und Anbauflächen dauerhaft zerstört.
Sind Landwirtinnen und Landwirte auf Ihrer Seite?Es gibt Biohöfe und konservative Bauern, die sich untereinander nicht unbedingt immer einig sind. Aber alle sind dagegen, dass ihnen ihre Höfe genommen werden sollen. Durch die Trasse verlieren sie alles.
Sie sprechen sich für den Wiederaufbau alter Bahnstrecken, wie etwa der zwischen Nidda und Schotten, sowie für kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr aus. Wie sehr ist man in hessischen Kleinstädten vom Verkehr abgeschnitten und aufs Auto angewiesen?
Lindenstruth hat keinen eigenen Bahnhof oder Zughalt. Von Reiskirchen fahren Züge tagsüber nur im Stundentakt, nachts gar nicht mehr. Die Menschen sind ans Auto gebunden. Aber das wäre vermeidbar. Durch Einsparen der Förderung von Anschaffungsprämien für Elektro- und Hybridautos wäre Geld für eine gute Anbindung mit dem öffentlichen Nah- und Regionalverkehr vorhanden. Man könnte so die Anzahl der Autos noch weiter minimieren
Wie ist Ihre Initiative vernetzt?
Viele Initiativen sind mit uns solidarisch: von den Aktiven in Frankfurt am Main, die sich in Fechenheim gegen Rodung wehrten, bis zu den Kohlegegnern in Lützerath.
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