Den Heiligenschein herunterreißen
Von Günseli Yilmaz
Das religiöse Denken erfährt ein beunruhigendes Revival. Mittlerweile lässt sich trotz der hohen Anzahl der Austritte etwa bei der katholischen Kirche eine klare Tendenz feststellen: Zwar sind etablierte kirchliche Institutionen unbeliebter geworden (auch im Zuge der Skandale um sexualisierte Gewalt), aber Freikirchen und andere sektenähnliche fundamentalistische Gruppen finden Anklang – gerade bei jungen Erwachsenen. Vor allem über die Popkultur erreichen christliche Musikerinnen und Musiker ein Millionenpublikum, das sie von christlichen Wertvorstellungen überzeugen wollen. Im März 2025 landeten beispielsweise die O’Bros, zwei junge deutsche Männer, die in Form von sehr schlechtem Rap christliche Propaganda verbreiten, mit ihrem Album auf Platz eins der deutschen Charts. Als die beiden vor zehn Jahren anfingen, Musik zu machen, kannte man sie nur, weil sie oft parodiert wurden. Ihr jetziger Erfolg mit ausverkauften Hallen in ganz Deutschland wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen zeigt sich ein Stimmungswandel. Spielerinnen der deutschen Fußballnationalmannschaft etwa nutzten die Europameisterschaft 2025, um offensiv für ihre christlichen Überzeugungen zu werben. Die Stürmerin Giovanna Hoffmann trat sogar bei Bibel-TV auf.
Während es sich bei diesen Beispielen noch um relativ harmlose Glaubensbekenntnisse handeln mag, bei denen in erster Linie ihre plötzliche Popularität überrascht, zeigt sich vor allem im Internet die aggressive Seite der neuen Religiösität. So sind religionskritische Künstlerinnen wie etwa die Rapperin Ikkimel, die in ihrem Song »Sweet Baby Jesus« die Doppelmoral vieler Christen angreift, im Netz einem immer stärkeren Hass von religiösen Eiferern ausgesetzt, der in keinem Verhältnis zu den religionskritischen Inhalten ihrer Kunst steht. Zudem erreichen christliche oder muslimische Influencer im Internet eine breite Öffentlichkeit. Einer der wohl bekanntesten deutschen »Christfluencer« ist der »Ketzer der Neuzeit« (mit echtem Namen Leonard Jäger), der mit über 570.000 Abonnenten auf Youtube eine nicht zu vernachlässigende Reichweite besitzt. In seinen Videos hetzt er gegen Feministinnen und queere Menschen. Er besucht linke Veranstaltungen, wie die alljährliche Prideparade, um mit den dort Anwesenden zu »diskutieren«, das heißt vor allem, Videomaterial zu sammeln, mit dem er Menschen vorführen kann. Neben seiner christlichen Propaganda nutzt er seine Reichweite nicht nur dazu, gegen »die Antifa«, Migranten oder abtreibende Frauen zu hetzen, sondern auch, um Werbung für die AfD zu machen – etwa mit einem Interview mit Alice Weidel vor rund einem Jahr, in dem er ihr »Gottes Segen« für die bevorstehenden Wahlen aussprach. Diesen Schulterschluss mit rechten Akteuren, den auch andere Influencer wie etwa die evangelikale Jasmin Neubauer vollziehen, sucht »der Ketzer« nicht nur in der BRD. Viele Videos auf seinem Kanal sind in englischer Sprache verfügbar, um gezielt auch das US-Publikum anzusprechen. Im November 2024 wurde er zusammen mit AfD-Politikern sogar von dem damals designierten US-Präsidenten Donald Trump in Mar-a-Lago empfangen.¹
In den noch stärker evangelikal geprägten USA ist der Trend noch deutlicher, was sich besonders an Phänomenen wie der »Purity Culture«, in der eine strenge Sexualmoral forciert wird und die zahlreiche Mädchen und junge Frauen traumatisiert, und rechten christlichen Jugendorganisationen wie »Turning Point USA« zeigt (vgl. den Artikel »Toxischer Glaube« von Florian Osuch, junge Welt, 21.1.2026). Islaminfluencer in sozialen Medien wie Tik Tok gehen in der Regel traditioneller vor und verbreiten ihren Glauben eher durch klassische Predigten als durch Musik und andere populäre Inhalte, propagieren aber meist ein genauso reaktionäres Frauenbild und Homophobie wie viele ihrer christlichen Kollegen.²
Eigentlich sollten alle Linken, vor allem Marxistinnen und Marxisten, sich aktiv gegen diesen religiösen Trend stellen. Doch statt dessen scheint es auch unter Linken nicht mehr selbstverständlich, sogar kontrovers zu sein, atheistisch zu sein. Im Zuge anderer politischer Kämpfe nehmen die Berührungsängste zu religiösen Milieus und teils fundamentalistischen Gruppen ab. Dabei entstehen teils skurrile Szenen. So organisierte die »Rote Jugend Deutschland« in Vorbereitung auf die Luxemburg-Liebknecht-Demonstration am 10. Januar 2026 eine Abendveranstaltung, die in einer Berliner Kirche stattfand. Vor einem Altar mit brennenden Kerzen und einem geschmückten Weihnachtsbaum wurde dort über revolutionäre Politik diskutiert, wie später auf Instagram zu sehen war. Und in manchen Städten wurde das Programm in Palästina-Solicamps unterbrochen, damit die anwesenden Muslime beten konnten.
Das mag man im Einzelfall mit taktischen Erwägungen in Sachen Bündnispolitik rechtfertigen. Allerdings ist das kein Grund dafür, dass auch eine fundierte Religionskritik unterbleibt. Manche Linke berufen sich darauf, dass eine generelle Ablehnung von Religionen nicht im Sinne des Marxismus wäre. Um diese Behauptung zu begründen, wird insbesondere eine Stelle im Werk von Karl Marx und Friedrich Engels immer wieder herangezogen: die berühmte Bezeichnung der Religion als »Opium des Volkes« in Marxens »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung«³. Dort hält Marx fest, dass die Religion als »Seufzer der bedrängten Kreatur« ein Ausdruck falschen Bewusstseins ist. Dies wird nicht selten jedoch als Exkulpation der Gläubigen verstanden, da diese nur aufgrund der sozialen Missstände der sie umgebenden Welt religiös seien – das »religiöse Elend« als »Protestation gegen das wirkliche Elend«.
Es mag sein, dass religiöses Denken eine Ausflucht aus dem Elend bietet, indem es die weltlichen Verhältnisse nur als vorübergehende Erscheinung, als eine prüfende Etappe hin zum ewigen Leben im Jenseits versteht. Unterschlagen wird in diesem Verständnis aber die vorherige Passage, in der Marx schreibt: »Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen.« Sie dient dazu, die Menschen an die gesellschaftlichen Verhältnisse zu binden und sie nachhaltig daran zu hindern, sich ihrer selbst und ihrer Fähigkeiten bewusst zu werden, um die Verhältnisse zu verändern. Als »Opium« paralysiert die Religion die Menschen nicht nur, sondern verhindert auch, dass sie ihre eigene Handlungsunfähigkeit als solche begreifen können.
Es geht nicht darum, den Glauben zu rechtfertigen, indem er als Ausdruck der Verhältnisse verstanden wird, sondern im Gegenteil darum, die Tragweite der religiösen Herrschaft zu verdeutlichen, die sich nicht nur als private Verblendung einzelner äußert, sondern die Menschen systematisch daran hindert, sich zu befreien. Der Glaube verhindert einerseits, die Welt auch materialistisch aufzufassen und zu erkennen, andererseits sind auch die weltlichen Verhältnisse so gestaltet, dass das religiöse Bewusstsein als das richtige erscheint, so dass der Gläubige darin befangen bleibt.
Im weiteren Verlauf der »Einleitung« fordert Marx explizit die »Aufhebung der Religion als Illusion des Glücks des Volkes«. Denn die Religion sei nur der »Heiligenschein« des irdischen »Jammertals« und als solche zu kritisieren. Es sei, so Marx, die »Aufgabe der Geschichte«, die »Wahrheit des Diesseits zu etablieren«. Die Kritik und die Aufhebung der Religion sind also für Marx elementare Bestandteile der menschlichen Emanzipation.
Keine Privatsache
Wo Marx – obwohl er deutlich macht, wie sehr falsches Bewusstsein den Menschen unterjocht – noch missverständlich sein mag, weil er auch darauf eingeht, wie religiöses Bewusstsein entsteht, wird Wladimir Lenin noch deutlicher. In seinem Aufsatz »Sozialismus und Religion« von 1905 schreibt er: »Die Religion ist (…) ein geistiges Joch, das (…) auf den durch ewige Arbeit für andere, durch Not und Vereinsamung niedergedrückten Volksmassen lastet. Die Ohnmacht der ausgebeuteten Klassen gegen die Ausbeuter erzeugt ebenso unvermeidlich den Glauben an ein besseres Leben im Jenseits, wie die Ohnmacht des Wilden im Kampf mit der Natur den Glauben an Götter, Teufel, Wunder usw. erzeugt.«⁴
Gerade deswegen ist es die Aufgabe von Marxistinnen und Marxisten, Menschen aus diesem falschen Bewusstsein herauszuholen und ihnen die Wirklichkeit ihrer Lebensverhältnisse näherzubringen, damit sie sich selbst befreien können. Der Sozialismus, so Lenin, befreit »die Arbeiter vom Glauben an ein jenseitiges Leben«, indem er sie »zum diesseitigen Kampf für ein besseres irdisches Leben zusammenschließt«.
Statt sich der liberalen Manier, Religion zur belanglosen Privatsache zu erklären, anzuschließen, expliziert Lenin, dass es zwar eine berechtigte Forderung sei, Staat und Religion zu trennen, also »die Religion dem Staat gegenüber Privatsache« sein müsse. Zugleich betont er aber: »Für die Partei des sozialistischen Proletariats ist die Religion keine Privatsache.« Denn die Partei »kann und darf sich nicht gleichgültig verhalten zu Unaufgeklärtheit, zu Unwissenheit oder zu Dunkelmännertum in Form von religiösem Glauben«. Die Forderung der Trennung von Kirche und Staat ist Ausdruck des Kampfes gegen den »religösen Nebel«. Auch zu diesem Zweck, zum »Kampf gegen jede religiöse Verdummung«, sei die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands gegründet worden. Für Lenin ist »der ideologische Kampf keine Privatsache, sondern eine Angelegenheit (…) des gesamten Proletariats«.
Die alte Forderung nach Trennung von Staat und Religion ist also nicht gleichbedeutend mit der heutzutage weit verbreiteten Ansicht, die Religion sei zur Privatsache zu erklären und daher auch im politischen Kampf zu vernachlässigen. Gegenüber solchen liberalen Auffassungen hatte Lenin stets die Notwendigkeit des Kampfes gegen die »religiöse Verdummung« des Individuums hervorgehoben.
Der tätige Mensch
Die Differenz zwischen Liberalismus und Marxismus in dieser Frage ist darin begründet, dass letzterer in wesentlichen Punkten von anderen philosophischen Richtungen und Denkströmungen unterscheidet. Dazu zählt das Verständnis des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur, das Marx als produktives, durch menschliche Arbeit vermitteltes Verhältnis versteht. Der Mensch bewegt sich in der Welt einerseits selbst als Naturwesen und andererseits als Wesen, das mit und an der Natur arbeitet und auf diese Weise sowohl seine eigene als auch die äußere Natur verändert. Marx denkt Mensch und Natur nicht als getrennte Bereiche, die autonom voneinander existieren, sondern als durch die Tätigkeit des Menschen vermittelte Bereiche der Welt. Dabei muss besonders die Arbeit hervorgehoben werden.
Marx bestimmt den Menschen als gegenständlich tätig, das bedeutet, nicht nur als tätig in dem wirklichen Austausch mit der Natur, sondern auch in der Fähigkeit des Menschen, die Welt im Denken wahrhaft erfassen zu können. Diese gedankliche Erfassung seiner selbst und seiner Umwelt unterscheidet den Menschen vom Tier. Die bewusste gegenständliche Tätigkeit hebt den Menschen aus dem Naturzwang heraus und befreit ihn als Gattung. Nur vor dem Hintergrund dieser Auffassung wird auch das marxistische Verständnis von Freiheit und von der entfremdeten Zwangsform der bürgerlichen Gesellschaft, der Lohnarbeit, deutlich.
Die Auffassung des Menschen als gegenständlich tätiges Wesen bildet die Grundlage der marxistischen Weltanschauung. Die Arbeit mit und an der Natur bezeichnet Marx auch als den Stoffwechsel mit und an der Natur, der die Lebensgrundlage des menschlichen Lebens ist. Im Marxismus ist die Natur keine äußere oder feindliche Entität und auch kein innerer unbeherrschbarer Zwang – wie etwa in der Psychoanalyse die Triebe. Marx entwickelte dieses Verständnis, indem er Hegels dialektische Auffassung von Arbeit und Erkenntnis mit dem Materialismus Ludwig Feuerbachs verband. Das Einseitige des letzteren wurde überwunden, indem das menschliche Subjekt bei Marx als tätiges verstanden wird.
Schon anhand dieser kurzen Skizze lassen sich einige wichtige Erkenntnisse ableiten. Insbesondere die Auffassung vom Menschen als einem durch seine Arbeit sich mit der Natur vermittelnden Wesen unterscheidet den Marxismus nicht nur von anderen philosophischen Denkrichtungen, sondern auch von der Religion. In der Religion wird Gott (oder werden Götter) als Ursprung der Welt gesehen, im Materialismus entstehen die Welt und das Sein aus den Dingen selbst. Es gibt keinen Geist, keinen Schöpfer, der die Welt und/oder den Menschen erschuf. Niemand wacht über die Menschheit, niemand schickt seinen Sohn, damit er die Sünden der Menschen durch seinen Tod auf sich nimmt. Die marxistische Weltanschauung kennt weder Propheten noch Heilige noch Märtyrer.
Häufig wird der Materialismus vom Idealismus abgegrenzt. Auch wenn diese Trennung zu einigen Vereinfachungen in der Geschichte der marxistischen Philosophie geführt hat – insbesondere dadurch, dass Denker wie Leibniz oder Hegel als idealistisch verschrien und auf diese Weise häufig unterschlagen wurden –, bleibt sie doch bedeutend. Marx und Engels haben in ihren Schriften eine genuin nichtreligiöse Auffassung des Menschen und des Seins dargelegt. In »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie« schreibt Engels hierzu, dass die Pole Materialismus und Idealismus »erst aufgestellt werden konnten, als die europäische Menschheit aus dem langen Winterschlaf des Mittelalters erwachte. Die Frage nach der Stellung des Denkens zum Sein (…), die Frage: Was ist das Ursprüngliche, der Geist oder die Natur? – diese Frage spitzt sich, der Kirche gegenüber, dahin zu: Hat Gott die Welt erschaffen oder ist die Welt von Ewigkeit da?«⁵ Es geht um nicht weniger als den Ursprung der Welt und des Seins, der entweder in der Natur oder im Schöpfungsmythos verortet wird.
Der Marxismus sieht also im Glauben nicht nur einfach das Symptom einer falschen Weltauffassung, sondern ist wesentlich antireligiös. In diesem Sinne bezeichnet Lenin die wissenschaftliche, materialistische Weltanschauung als Voraussetzung für die »Klarlegung der wahren historischen und ökonomischen Quellen des religiösen Nebels«. Der Kampf gegen die Religion ist Voraussetzung für die Befreiung des Menschen.
Zurück ins Mittelalter
Wenn die marxistische Weltanschauung mit religiösen Auffassungen verglichen wird, zeigt sich die Notwendigkeit einer fundierten Religionskritik noch deutlicher. Die monotheistischen Religionen sehen das Leben im Diesseits als Prüfung und Vorbereitung auf das Jenseits. Das wirkliche Leben verkümmert damit zu einer kurzen Etappe in Anbetracht des ewigen Lebens im Jenseits. Welche langfristigen politischen Interessen kann ein religiöser Mensch, der an dieser Überzeugung festhält, überhaupt entwickeln? Weltweit nutzen Fundamentalisten dies, um Armut und andere politisch vermeidbare Missstände als normale weltliche Erscheinung und als Teil eines übergeordneten Willens darzustellen, während einige wenige Machthaber von der religiösen Demut ihrer Bevölkerung profitieren. Und je ärmer und ausgebeuteter die Menschen in religiösen Regimen werden, desto stärker zieht es zumindest einen Teil der Bevölkerung in den Glauben – ein Teufelskreis.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan beispielsweise setzt schon seit Jahren auf die »Islamkarte« und wirbt mit Propagandabildern, auf denen er Gläubige umarmt und auf denen »Wir treffen uns im Gebet« steht, um Stimmen. Auf anderen Plakaten propagierte er, dass gute Muslime arm und bescheiden zu sein hätten, da Geld und andere weltliche Dinge nach muslimischem Glauben Sünden seien.
Für die Taliban in Afghanistan sind alle Naturwissenschaften weltliche Sünden, wie der Filmemacher Ibrahim Nash’at in seinem Film »Hollywoodgate« von 2023 dokumentierte. Darin begleitete er die Taliban, die seit Sommer 2021 in dem zentralasiatischen Land an der Macht sind, über ein Jahr lang in ihrem Alltag. Zwar konnte er nur unter sehr strengen Auflagen filmen, trotzdem belegt die Dokumentation die Absurdität und Brutalität der Taliban-Herrschaft. In einer Szene sieht man die Folgen der Wissenschaftsfeindlichkeit der Islamisten: Mehrere hochrangige Taliban scheitern an einer einfachen mathematischen Rechenaufgabe.
Im Kern reaktionär
Demgegenüber erscheint das Christentum, vor allem der Protestantismus, wie er heute in Teilen der BRD praktiziert wird, als vermeintlich harmloser Glaube, der sich mittlerweile »gemäßigt« habe. Wie gefährlich es aber ist, den Einfluss extremer Strömungen innerhalb des Christentums zu unterschätzen, zeigt sich nicht nur in den USA, wo die evangelikale Rechte eine maßgebliche Kraft hinter der Trump-Regierung ist, sondern auch in deutschen Freikirchen. Dahinter stecken meist sektenähnliche Vereinigungen, die konservativer und rechtsextremer sind, als ihr mittlerweile populär und modern anmutendes Auftreten nach außen vermuten lässt. Was die Kirchen generell, egal ob protestantische oder die katholische, so gefährlich macht, sind ihre Versprechen, sich um ihre Gemeindemitglieder zu kümmern, während sie gleichzeitig in ihre Predigten politische Propaganda einfließen lassen, mit der die Menschen unter anderem auf die Militarisierung im Zuge der »Zeitenwende« eingeschworen werden sollen (vgl. junge Welt, 10.1.2026).
In kleineren reaktionäreren Freikirchen wird zudem nicht nur die »Staatsräson« vermittelt, sondern auch Homophobie, Rassismus und Frauenfeindlichkeit. Berufen können sich die Prediger dabei immer auf Bibelstellen – etwa zur Darstellung der Frau als Verführerin zur Sünde – oder auf Koransuren – etwa solche, die gegen Homosexualität gerichtet sind. Solche Stellen sind nicht einfach Ausdruck einer früher bestehenden Rückständigkeit in Sachen Gleichberechtigung, sondern werden gerade deswegen tradiert und weiterverbreitet, um die gesellschaftlichen Verhältnisse weiterhin homophob und frauenfeindlich zu gestalten. Bis heute soll den religiösen Regelwerken zufolge die Frau jungfräulich in die Ehe gehen und sich als Mutter ihrem Ehemann unterordnen. Auch gleichgeschlechtliche Beziehungen werden weiterhin bekämpft. Früher oder später finden diese religiösen Gebote immer auch ihren Ausdruck in politischer Repression, wie etwa die Verbote der Istanbul Pride Week in den vergangenen Jahren zeigen.
Manche Gemeinden mögen sich zwar als progressiv vermarkten, doch hat der Glaube an Gott im Kern immer etwas Reaktionäres, da er den Menschen einem imaginierten Wesen unterstellt – dessen Willen selbstverständlich von ganz weltlichen Machthabern ausgelegt werden kann oder sogar muss. Das Potential der monotheistischen Religionen, zu Fundamentalismus und Gewalt zu führen, ist in den Heiligen Schriften angelegt.
Was der religiöse Fanatismus – wie die Überzeugungen, als Märtyrer in einem Heiligen Krieg sterben oder ein angeblich von Gott gewolltes Regime verteidigen zu müssen – anrichtet, zeigt sich gegenwärtig wieder in Ländern wie Syrien und dem Iran. Was dort dieser Tage passiert, lässt sich kaum in Worte fassen. In den sozialen Medien kursierte beispielsweise Mitte Januar ein offenkundig von einem Islamisten gedrehtes Video aus Nordsyrien. Der Soldat sitzt in einem Auto und filmt zwei gefangene junge Frauen auf der Rückbank. Dazu erzählt er mit Stolz, er sei bei einem Einsatz im kurdischen Gebiet gerade »erfolgreich« gewesen und wolle die entführten kurdischen Frauen seinem Offizier in der syrischen Armee »schenken«.
Gerade in diesen Zeiten ist es wichtiger denn je, sich gegen das religiöse Denken in jeglicher Form, selbst wenn es zunächst harmlos wirken mag, zu stellen und gegen die Barbarei und Rückwärtsgewandtheit zu kämpfen, die von der Religion ausgeht. Auch hierzulande, zu jedem Zeitpunkt.
Anmerkungen
1 Vgl. Frankfurter Rundschau, 28.11.2024
3 Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. In: MEW, Band 1, Berlin 1988, S. 378–391, hier: S. 378
4 Wladimir Iljitsch Lenin: Sozialismus und Religion. In: Lenin-Werke, Band 10, Berlin 1967, S. 70–75, hier: S. 70
5 Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: MEW, Band 21, S. 259–307, hier: S. 275
Günseli Yilmaz promoviert zum Arbeitsbegriff bei Marx. An dieser Stelle schrieb sie zuletzt am 20. März 2025 über den Patriarchatsbegriff: »Kategorisch unfrei«
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Adiguezel (11. Februar 2026 um 09:18 Uhr)Hier meldet sich ein Arbeiter zu Wort, der ein gesundes Misstrauen gegen die Studierten hegt. Die Religionskritik von Marx bietet Denkern die Möglichkeit, bei der Frage »Wurzelt der Geist in der Welt, oder die Welt im Geist?« in jede beliebige Richtung zu mäandern, ohne auf den Punkt zu kommen, oder gar eine brauchbare Erkenntnis für den Arbeiter und Gesellschaft zu produzieren. Hier empfehle ich den ZEN, der fragt: Woher kommt Gott? Mein Fokus liegt darauf, dass die Idee, dass es Gott gibt, eine über 2025 Jahre ökonomische sehr erfolgreiche Geschichte ist. Ein Geschäftsmodell, das immer wieder funktioniert, bei jeder neuen Sekte, oder Abspaltungen in der Kirche usw. Es werden immer große Vermögen angehäuft. Es geht immer ums Geld.
- Antworten
-
Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (10. Februar 2026 um 15:32 Uhr)Wie ist es eigentlich zu erklären, dass man inzwischen bereits seit Jahrzehnten so gut wie gar nichts mehr von und über Scientology vernimmt – und dass dieses totale Beschweigen offenbar niemandem weiter aufzufallen scheint? Wo sind all diese Sciento-Faschisten von einst eigentlich alle abgeblieben?
- Antworten
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim Seider aus Berlin (9. Februar 2026 um 14:21 Uhr)Es ist gut, dass sich dieser Artikel so gründlich mit diesem Thema beschäftigt. Es ist die Grundfrage der Philosophie, die eine eindeutige Antwort erfordert: Wurzelt der Geist in der Welt oder die Welt im Geist? Man kann versuchen, sich vor einer klaren Antwort zu drücken, die Frage holt einen trotzdem immer wieder ein, sobald man ins praktische Leben eintaucht. Und die Praxis zeigt dann: Kompromisse sind nicht zu finden, außer sie sind faul und beginnen irgendwann zu stinken. Allerdings dürfen auch Materialisten dem Glauben gegenüber ab und an kompromissbereit sein. Immerhin ist der Glaube einer der Vorgänger des Wissens bei der Erkenntnis der Welt. In den Religionen spiegelt sich eben nicht nur, was die Menschen beherrschbar macht. In ihnen spiegeln sich auch Erkenntnisse früherer Zeiten, die Sehnsüchte und Träume vieler Generationen unserer Vorgänger. Deshalb findet sich in den Religionen auch nicht nur Reaktionäres. Der Humanismus und das Gleichheitsideal der Kommunisten sind eben nicht erst mit Marx aufgetaucht, sie wurzeln unendlich tief in den Sehnsüchten all der Menschen, die vor uns gelebt haben und haben es von dort in die Religionen dieser Erde geschafft. Wir sollten diesen Wurzeln niemals unsere Achtung versagen. Und auch denen nicht, die in echtem humanistischen Glauben genau aus diesen Werten ihre Kraft schöpfen. Für viele Menschen ist der Glaube nicht ein eingebildeter, sondern ein echter Kraftquell. Wir sollten uns hüten, das geringzuschätzen, indem wir sie damit vor den Kopf stoßen, noch nicht da zu sein, wo wir sind. Sie bei Gutem an die Hand zu nehmen und ihnen schrittweise den Weg zu bahnen vom Glauben zum Wissen: Knüpft das nicht sogar ziemlich gekonnt an jene Menschlichkeit an, die der eine aus dem Glauben schöpfen kann und der andere aus seinem Wissen? Religionen kultivieren Besserwisserei. Müssen wir es ihnen darin gleichtun?
- Antworten
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Uwe Fromm-Wiesmann aus Hamburg (9. Februar 2026 um 09:57 Uhr)Ich möchte mich für diesen hervorragenden Artikel bedanken. Seine Ausführungen erweisen sich für mich als äußerst aufschlussreich und verdeutlichen die marxistische Position in prägnanter Weise. Meines Erachtens wird dieser Artikel nicht die Zustimmung aller finden, die sich dem linken Spektrum zugehörig fühlen, da diese allzu oft zu unvorteilhaften Kompromissen neigen, insbesondere gegenüber religiösen Organisationen, die sich vordergründig als sozial darstellen (Caritas, Diakonie, Islamic Relief, Wort des Lebens u.s.w.). Ein großer Dank geht an Günseli Yilmaz und die Mitarbeiter von der Zeitung Junge Welt.
- Antworten
Ähnliche:
gemeinrei13.09.2022Dem Menschen ein Gott
Kimberly White/Reuters06.03.2018Religion ohne Gnade
Murad Sezer/Reuters18.09.2017Falsche Götter