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Aus: Ausgabe vom 10.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Welche Träume blieben unzerstört?

»Der irrende Planet«: Texte von Robert Walser am Wiener Akademietheater
Von Eileen Heerdegen
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Der Autor als junger Mann: Robert Walser (15.4.1878–25.12.1956)

Die Langsamkeit der Schweizer ist nicht nur ein Klischee. Die Antworten des für gigantische Seifenblasen berühmten ­Roncalli-Clowns Pic (ein St. Gallener) in einem Rundfunk-Liveinterview kamen so spät, dass er schließlich selbst anmerkte, »jetzt ist eine Pause im Radio«.

Statt einer Pause gibt es in den anderthalb Stunden »Der irrende Planet« mit und nach Texten des Schweizers Robert Walser im Wiener Akademietheater kleine musikalische Unterbrechungen. Meist von Josh Sneesby an Klavier oder Melodica dargeboten, manchmal singt Elisa Plüss ein englisches Lied mit gelegentlich angsteinflößend hohen Tönen.

»Es dünkt mich, wenn ich so sagen darf, schön und gut, dass dann und wann zwei unbekannte Menschen frei und harmlos miteinander reden, wozu wir Bewohner dieses irrenden, seltsamen Planeten, der uns ein Rätsel ist, ja schließlich Mund und Zunge und die sprachliche Fähigkeit haben, welch letztere an und für sich schon so schön und seltsam ist.«

Robert Walser (1878–1956) hat neben vier Romanen, unter anderem ein fiktiv-poetisches Tagebuch »Jakob von Gunten« (1909), in dem sich reale Erlebnisse mit kafkaesken Träumen und Phantastereien vermischen, vor allem Kurzgeschichten und literarische Skizzen geschaffen, die er in späteren Jahren, als ihm die Welt von seltsam zu bedrohlich wurde und er in psychiatrischen Einrichtungen lebte, in winziger deutscher Kurrentschrift schrieb, deren Buchstaben schließlich kaum mehr höher als ein Millimeter waren.

»Der irrende Planet« basiert hauptsächlich auf Walsers Erzählung »Der Spaziergang« und weiteren Texten, die leider so geheim bleiben wie Text und Titel der Songs. Möglicherweise hat das grauenvolle neue Corporate Design der Wiener Burg (zu der das Akademietheater gehört) den Etat derart strapaziert, dass für Programmhefte kaum etwas übrigblieb.

Rätselhaft auch die Bühne, meist in tiefem Schwarz, eine einsame Holzbank im Vordergrund. Nur zeitweise offenbart sich ein planetenartiges, stimmungsvoll beleuchtetes Gebilde (Bühne: Martin Zehetgruber) und etwas Riesenmenschenartiges, das kopfüber in einer Kunstblumenwiese steckt. Das verspricht phantasievoll Versponnenes, doch Regisseurin Barbara Frey hat dem Ensemble um den 88jährigen Martin Schwab als Walsers Alter ego eher unspektakuläre Episoden aus des Schweizers Gedanken- und Beobachtungswelt ausgesucht. Manchmal mit leiser Komik und ausnahmslos gut gespielt, etwa wenn die von Max Simonischek angeflirteten Damen Elisa Plüss und Dorothee Hartinger nur mit kurzen Blicken und Kopfbewegungen ihre ganze Verachtung zeigen.

Für die etwas lautere Komik darf ­Sabine Haupt »Die Wurst« zitieren, ein drolliges kleines Gedankenstückchen über die Tragik, etwas genossen und damit vernichtet zu haben. Mehr Lacher bekommt nur Maria Happel. Bei ihr – wie früher bei Henry Vahl im Hamburger Ohnsorg-Theater – wird schon gegluckst und gekichert, wenn sie nur die Bühne betritt. Natürlich erfüllt sie die Erwartungen, man sieht sie förmlich ersticken und vor Angst kollabieren, wenn sie die Erinnerung an ein Abendessen bei Frau Aebi zum besten gibt, die sich mit ihrem Gast einen grausamen Spaß erlaubt, bis er fürchtet, von ihr zu Tode gemästet zu werden. »Sie sagen ganz bestimmt nicht die Wahrheit, wenn Sie sagen, dass Sie bereits am Ersticken seien. Ich bin verpflichtet, zu glauben, dass das nur Höflichkeiten sind. Wir alle müssen eines Tages irgendein großes Opfer bringen. Gehorchen Sie und essen Sie.«

»Welcher redliche Mann war im Leben nie hilflos, und welches menschlichen Wesens Hoffnungen, Pläne, Träume sind im Laufe der Jahre gänzlich unzerstört geblieben?«

Zeitgenossen wie Walter Benjamin, Hermann Hesse, Franz Kafka, Robert Musil und Kurt Tucholsky schätzten die unkonventionellen, oft rätselhaften Werke Robert Walsers. Trotzdem ist er in seiner Schweizer Heimat sehr viel bekannter als in Deutschland und Österreich. Der leider, trotz aller Kürze, in ermüdendem Sinne lang(sam)e Abend wird daran kaum etwas ändern. Immerhin endet er berührend, mit Martin Schwab und einem sehr melancholischen Song von Johnny Mathis: »One more mountain, one more river / One more mile, and I’ll be home / Is she waitin’ like she promised / Or, have I been gone too long?«

Nächste Vorstellungen: 10., 15.2. und 7., 24., 29.3.

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