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Aus: Ausgabe vom 10.02.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Tata Steel Niederlande

Tata-Bosse sahnen ab

Umrüstung von niederländischem Stahlwerk mittels EU-Milliarden geplant. Trotzdem Stellenabbau in großem Stil und höhere Gehälter für Chefetage
Von Gerrit Hoekman
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Gewerkschaft spricht von »purer Selbstbereicherung« des Managements: Arbeiter in niederländischem Tata-Stahlwerk

Das Stahlwerk von Tata Steel im niederländischen IJmuiden ist eine Dreckschleuder, die Unmengen an Schadstoffen in die Umwelt bläst – 20mal mehr als erlaubt. Ende Dezember bekam der Konzern deshalb ein Bußgeld von 8,5 Millionen Euro auferlegt. Sollte die Klimabilanz nicht besser werden, drohen sogar Strafen von insgesamt fast 27 Millionen Euro. Und am Ende könnte der Entzug der Betriebserlaubnis für eine der hauseigenen Kokereien stehen. Nicht zu vergessen: die Sammelklage von etwa 330.000 Anwohnern, die von Tata Steel rund 1,4 Milliarden Euro Schadenersatz fordern – für Gesundheitsschäden und die Wertminderung ihrer Häuser.

»Grüner Stahl« ist das Zauberwort. Das bedeutet: Bis 2045 müssen auf dem riesigen Betriebsgelände neue Hochöfen entstehen, die mit umweltfreundlichen Energieträgern betrieben werden anstatt mit Kohle wie aktuell. In einer Übergangsphase sollen Gas und Biomethan genutzt werden, schlussendlich dann Wasserstoff. In diesem Jahr entscheidet sich, ob Tata Steel für die Veränderungen bis zu zwei Milliarden Euro Subventionen vom niederländischen Staat erhält.

Zusätzlich müsste Tata zwischen zwei und 4,5 Milliarden aus eigener Tasche beisteuern. »Ohne die zwei Milliarden an Unterstützung wird das ein unmögliches Unterfangen«, befürchtete die Betriebsratsvorsitzende Cinta Groos am Donnerstag gegenüber NH, dem öffentlich-rechtlichen Regionalsender der Provinz Noord-Holland. In trockenen Tüchern ist die Subvention aber längst nicht, zum Beispiel muss die EU-Kommission noch prüfen, ob sie überhaupt zulässig ist. Insgesamt stehen gegen Tata Steel mittlerweile Bußgelder in Höhe von 27 Millionen Euro im Raum. »Wir versuchen uns zu verbessern, aber wir werden auch rechtliche Schritte nicht ausschließen«, zitierte NH Hans van den Berg, den Chef von Tata Steel IJmuiden. Laut der zuständigen Umweltbehörde ist eine der firmeneigenen Kokereien in einem so erbärmlichen Zustand, dass sogar innerhalb eines Jahres der Entzug der Betriebserlaubnis droht.

»Wir waren immer führend in Europa, haben aber in den letzten Jahren an Boden verloren«, so van den Berg. »Leider tragen die Lohnkosten maßgeblich dazu bei«, stimmt auch er das ewige Klagelied der Bosse an. Im vergangenen April teilte das Unternehmen mit, 1.600 der 9.000 Jobs in den Niederlanden streichen zu wollen. In Gesprächen mit der Gewerkschaft und dem zentralen Betriebsrat ließ sich Tata Steel auf 1.200 Vollzeitstellen herunterhandeln. Die Arbeitsplatzvernichtung soll in den nächsten Monaten beginnen.

Alleine in der Abteilung für Forschung und Entwicklung sollen ein Viertel der 800 Jobs abgewickelt werden. Der Betriebsrat hält die Zahl für zu hoch und will laut der niederländischen Nachrichtenagentur ANP dagegen vor die Handelskammer ziehen. »Diese Abteilung ist fundamental für die Produktentwicklung und technologische Innovation«, so die Betriebsratsvorsitzende Groos am vergangenen Donnerstag in der Boulevardzeitung De Telegraaf.

Geld genug scheint aber dazusein: Die Gehälter im Management haben sich laut der investigativen Nachrichtenseite Follow the Money seit 2020 auf durchschnittlich 1,1 Millionen Euro im Jahr verdoppelt. Die größte Gewerkschaft in den Niederlanden FNV spricht daher von »purer Selbstbereicherung«. Aufgrund der angespannten finanziellen Lage bei Tata haben die Gewerkschaften »mehrere Krisentarifverträge und Nullprozent-Gehaltserhöhungen unterzeichnet. Und dann hört man so etwas«, war FNV-Funktionär John Mol bereits im vergangenen Oktober empört. 2027 stehen die nächsten Tarifverhandlungen an. »Tata kann sich auf was gefasst machen«, sagte Marten Jukema von der christlichen Gewerkschaft CNV bei NH eine heiße Runde voraus. »Wenn das Management eine Gehaltserhöhung bekommt, dann sollten die Beschäftigten das auch bekommen.«

Diejenigen, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Stahlwerks wohnen, zweifeln schon lange an der Redlichkeit des Konzerns. Vergangenes Jahr stellte sich heraus, dass Tata 2024 in seinem jährlichen Umweltbericht an die zuständige Behörde betrogen hat. Zwar wies der Bericht im Vergleich zu den Vorjahren unter anderem einen Anstieg von Benzol, Blei und Arsen aus. In Wirklichkeit waren die Werte aber viel höher als angegeben. Das bewiesen Messungen, die das Umweltamt des sogenannten Nordseekanalgebiets, in dem IJmuiden liegt, an einigen Stellen vornahm. Die Stiftung »Frisse Wind. Nu!« (Frischer Wind. Jetzt!) strengte unterdessen eine Sammelklage gegen die permanente Luftverschmutzung durch das Stahlwerk an.

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