Wie organisieren Sie sich für den Arbeitskampf?
Interview: Luke Fiedler
Sie arbeiten in einer Münchner Klinik. Was sind dort derzeit die größten Herausforderungen für die Belegschaft?
Das ist der massive Personalmangel. Immer weniger Kolleginnen und Kollegen müssen immer mehr Arbeit leisten. Das führt zu einer dauerhaft hohen Arbeitsbelastung, zu Überstunden, Ausfällen und zu einer enormen psychischen und körperlichen Erschöpfung. Dieser Zustand ist längst zur Normalität geworden. Der Personalmangel ist dabei kein organisatorisches Problem, sondern das Ergebnis jahrelanger Sparpolitik und der Ausrichtung der Kliniken nach betriebswirtschaftlichen Kriterien. Darunter leiden Beschäftigte wie Patientinnen und Patienten gleichermaßen.
Wie verlief der Streik bisher, und wie organisieren Sie sich?
Die Streiks verliefen bisher sehr erfolgreich. Besonders wichtig ist, dass sich in dieser Tarifrunde die Beschäftigten der beiden großen Münchner Unikliniken zusammenschließen und enger vernetzen. Dadurch wächst der Druck deutlich. Unsere Organisation findet direkt im Betrieb statt: Wir gehen von Station zu Station, sprechen Kolleginnen und Kollegen an, informieren über den Stand der Tarifrunde und führen politische Diskussionen. Viele Kolleginnen und Kollegen erleben dadurch zum ersten Mal, dass ihre individuellen Probleme Teil eines kollektiven Konflikts sind.
Sind alle Beschäftigten in der Klinik in den Tarifvertrag der Länder, den TV-L, eingebunden?
Nein, leider nicht. In Kliniken und Unikliniken ist es seit Jahren gängige Praxis, Tochterunternehmen auszugründen. Vor allem das Reinigungs- und Servicepersonal wird so bewusst aus der Tarifbindung herausgelöst. Diese Kolleginnen und Kollegen arbeiten zu schlechteren Bedingungen und zu niedrigeren Löhnen. Dieses Outsourcing dient allein dem Zweck, Kosten zu senken und Belegschaften zu spalten. Eine wirkliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist ohne die Rückführung dieser Bereiche in den TV-L nicht möglich.
Welche Herausforderungen bestehen bei der Organisation der Belegschaft für die Streiks?
Eine zentrale Herausforderung ist die Angst vieler Beschäftigter, durch Streiks Patientinnen und Patienten zu gefährden. Diese moralische Argumentation wird immer wieder gegen uns eingesetzt. Dabei gibt es verbindliche Notdienstvereinbarungen, die sicherstellen, dass die Versorgung gewährleistet bleibt. Gleichzeitig wird ausgeblendet, dass täglich Menschen in Kliniken aufgrund von Personalmangel und Überlastung sterben. Streiks machen diese strukturellen Missstände sichtbar – genau deshalb stoßen sie auf Widerstand.
Welche Rolle spielt diese Tarifverhandlung bezüglich aktueller politischer Entwicklungen in Deutschland?
Diese Tarifrunde findet vor dem Hintergrund massiver gesellschaftlicher Umverteilung statt. Während Milliarden für Aufrüstung bereitgestellt und wohlhabende Teile der Gesellschaft weiter steuerlich entlastet werden, heißt es für Beschäftigte im öffentlichen Dienst, es sei kein Geld da. Die Tarifverhandlung ist daher Ausdruck eines politischen Konflikts um Prioritäten. Sie steht für den Widerstand gegen Sozialabbau und gegen die systematische Entwertung von Arbeit im Gesundheitswesen.
Worin sehen Sie perspektivisch Chancen für erfolgreiche Streiks?
Erfolgreiche Streiks werden auf lange Sicht nur möglich sein, wenn sie politisch geführt werden. Die Kürzungspolitik und die zunehmende Umverteilung von unten nach oben lassen sich nicht allein durch tarifliche Forderungen stoppen. Gewerkschaften müssen beginnen, politische Streiks zu führen und internationale Perspektiven einzubeziehen. Die Angriffe auf Beschäftigte im Gesundheitswesen sind kein nationales, sondern ein globales Problem. Entsprechend braucht es Solidarität über Betriebe und über Ländergrenzen hinweg.
Ronja Pfeiffer (Name geändert) arbeitet in einer der Kliniken in München und engagiert sich bei der Organisation des Streiks der Beschäftigten der Universitätskliniken
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