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Aus: Ausgabe vom 10.02.2026, Seite 5 / Inland
Gesundheitsvorsorge

Kranke Versicherung

Finanzierungslücke im Gesundheitssystem: SPD fordert Kapitalabgabe, Gewerkschaft gibt Rückendeckung, CDU/CSU will lieber Arme schröpfen
Von Niki Uhlmann
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Etikettenschwindel: Gesundheitskarte bald womöglich nur noch zum Legen geeignet

Bei den Ende März fälligen Empfehlungen zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wird es »keine Denkverbote« geben, versprach Bundeswirtschaftsministerin Nina Warken (CDU), als die zuständige Finanzkommission Gesundheit eingerichtet wurde. Diese Ankündigung dürfen die Versicherten, die schon jetzt mit den steigenden Beiträgen zu kämpfen haben, angesichts der laufenden Aushöhlung des Sozialstaats als Drohung begreifen. Auf der Suche nach ihrem sozialen Profil hat sich die SPD nun mit dem altbekannten Vorschlag eingemischt, den Kreis der Beitragszahler auszuweiten. Das begrüßen wie immer die Gewerkschaften, während der Seniorregierungspartner Union so empört reagiert, als hätten die Sozialdemokraten gegen ein Denkverbot verstoßen.

»Heute tragen vor allem die Arbeitseinkommen die Last unseres Gesundheits- und Pflegesystems«, zitierte der Spiegel am Wochenende aus einer Beschlussvorlage des SPD-Parteivorstands. Sozial gerecht sei das nicht. Vor allem aber funktioniert es nicht: Trotz des von 2015 bis 2026 im Schnitt um zwei Prozentpunkte auf 2,9 Prozent gestiegenen Abzugs vom Bruttolohn namens Zusatzbeitrag prognostiziert das Gesundheitsministerium der GKV ab 2027 ein Defizit im zweistelligen Milliardenbereich. Jedenfalls arbeite man »an einer Finanzierungslösung, die auch jene an der Finanzierung der Versorgungsstrukturen beteiligt, die bislang keinen gerechten Beitrag dazu leisten«, so die Vorlage.

Konkret sollen demnach auch Kapitaleinkünfte und Mieteinnahmen herangezogen werden. Da solche zumindest seitens der Profiteure weitgehend leistungslosen Erlöse bislang nur bei den freiwilligen Mitgliedern der GKV und auch dann nur bis zur bescheidenen Beitragsbemessungsgrenze von derzeit rund 1.260 Euro pro Monat berücksichtigt werden, spricht der Spiegel von einem »Paradigmenwechsel«. Ziel sei letztlich, die Beiträge zu senken. Dasselbe Prinzip, Erschließen neuer Einnahmequellen zwecks Entlastung einzelner, wolle die SPD auch bei der gesetzlichen Rentenversicherung durchsetzen. Wie gut das funktioniert, macht Österreich vor, wo das Einzahlen von Selbständigen, Beamten und Politikern 2022 im Durchschnitt 139 Euro mehr Rente bedeutete.

Von solchen guten Beispielen will die Union aber nichts wissen. Die gesundheitspolitische Sprecherin ihrer Bundestagsfraktion, Simone Borchardt (CDU), raunte am Montag gegenüber der Augsburger Allgemeinen, dass der Zugriff auf besagte Einkommen »bestehende Leistungsanreize oder Investitionskraft in unserer Wirtschaft untergraben« könnte und der Vorschlag darum ein »fatales Zeichen« sei. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Lohnabhängigen entweder auf Leistungen verzichten oder noch schonungsloser geschröpft werden müssen. Vom Leistungsanreiz ist dann meist keine Rede mehr – der besteht in der Wahl zwischen Fressen oder Sterben. Fast kann man Warken dankbar sein, dass sie vergangene Woche die Forderung des CDU-Wirtschaftsrats zurückwies, Zahnbehandlungen aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung zu streichen.

Noch reißerischer stellte CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann die vorgeschlagenen Gesundheitsreformen am Sonntag im »Bericht aus Berlin« als Angriff auf »die kleinen und mittleren Sparer« dar. Er würde eher, um die Lohnnebenkosten zu senken, »radikal alle beitragsfremden Leistungen bei der GKV rausnehmen«, allem voran die Gesundheit der Grundsicherungsempfänger. Kurzum: In der CDU will man arme Anleger und Vermieter vor Umverteilung bewahren und statt dessen noch rigoroser bei Erwerbslosen zulangen. Deren Gesundheit – bekanntlich das kostbarste Gut – macht sie vom Kapitalstandpunkt der Volkswirtschaft aus offenbar zu reich und somit zum legitimen Ziel von lebensgefährlichen Sparmaßnahmen.

Zuspruch bekommen die regierenden Sozialdemokraten hingegen von den oppositionellen. Die SPD greife hier eine Position der Linken auf, freute sich Janis Ehling, Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, am Montag. Nur müsse die SPD »das nicht nur in Wahlkämpfen fordern«, sondern »wirklich umsetzen«. Das sei mit der Union voraussichtlich nicht zu machen. Zwecks Kostensenkung in der GKV riet Ehling dazu, die Zahl der Krankenkassen zu senken sowie Arzneimittelpreise zu kontrollieren. Verdi-Chef Frank Werneke begrüßte den Vorstoß der SPD ebenfalls und stellte im DLF-Interview klar, dass man im gesamten öffentlichen Dienst weiterhin für Reallohnsteigerungen streiken werde. Diese stärkten die Binnennachfrage und seien angesichts der Exportschwäche »genau die richtige Antwort«. Zudem räumte er mit einem »Zerrbild« auf: »Gemessen am Sozialprodukt sind die Sozialausgaben heute nicht höher, als sie vor 15 oder 20 Jahren gewesen sind.«

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  • Leserbrief von Stanislav Sedlacik aus Weimar (11. Februar 2026 um 11:33 Uhr)
    Dreiviertel der Krankenhäuser schreiben rote Zahlen. In öffentlichen Einrichtungen sind es 90 Prozent. (Apotheken Umschau 15. 12.25), trotzdem hat sich seit 1991 die Zahl privater Einrichtungen verdoppelt? Krankenhäuser sind zu Profitmaschinen geworden, sel­bst Pflegeheime, Großpraxen und Medizinische Versorgungszentren werden immer häufiger von profitorientierten Großinvestoren betrieben. Warum werden Krankenhäuser privatisiert? Seit Anfang der 90er Jahre vernachlässigen die Bundesländer die stationäre Versorgung, es gibt einen geschätzten Investitionsstau von zirka 50 Milliarden Euro. Selbst Universitätskliniken sind nicht mehr vor einem Verkauf an private Investoren sicher. Die Konsequenz: Das Personal wird abgebaut. Die Löhne und Arbeitsbedingungen verschlechtern sich. Und auch die PatientInnen spüren die Folgen. Es geht weniger um ihr Wohlergehen, sondern um Profit. In Deutschland gab es im Jahr 2023 insgesamt 476.924 Krankenhausbetten. Davon befanden sich 98.435 Betten in privaten Krankenhäusern. Private Krankenhäuser besitzen rund 40 Prozent Kliniken, aber verfügen über weniger Betten pro Haus als öffentliche oder kirchliche Einrichtungen. Private Krankenhäuser (Privatkliniken) von Helios (Fresenius), Asklepios, Rhön-Klinikum und SRH besitzen in der Regel weniger Betten, weil sie sich oft auf spezifische, lukrative Behandlungsfelder konzentrieren, effizienter wirtschaften müssen, um hohe Rendite für die Aktionäre zu erwirtschaften. Während öffentliche Krankenhäuser für flächendeckende Grundversorgung sorgen müssen und auch komplexere, weniger profitable Fälle behandeln. Wenn die Wirtschaft stagniert, werden beim Unternehmen die Produktionskapazitäten heruntergefahren, ihre Angebote umstrukturiert und ineffiziente Prozesse ausgetauscht, um auf die geringere Nachfrage zu reagieren und Kosten zu senken. Warum kann das nicht auch für die 94 gesetzlichen Krankenkassen (Stand: 1. Januar 2025) gelten? Alle gesetzlichen Krankenkassen (GKV) sind gesetzlich verpflichtet, einen grundlegenden Leistungskatalog anzubieten. Dazu gehören beispielsweise Krankenhausbehandlungen, Arztbesuche und die meisten verschreibungspflichtigen Medikamente. Dazu reicht doch auch eine Krankenkasse und wir sparen 94 Vorstände und die dazugehörige Verwaltung. Ein Vorstand verdient nach der Größe seiner Krankenkasse jährlich zwischen 300.000 bis 450.000 Euro (zum Vergleich: Bundeskanzler Friedrich Merz hat ein Jahresgehalt von 360.000 Euro). In Deutschland liegen die Preise für Medikamente oft im Mittelfeld, aber neue Medikamente sind häufig teurer als in anderen EU-Ländern. Länder wie Polen, Österreich und Spanien sind oft günstiger, was Importe für Deutsche attraktiv macht. Eine Krankenkasse kann doch andere Preise mit dem Hersteller vereinbaren, als 94 Krankenkassen. Jeder für sich selbst. Gesundheit ist zur Ware geworden! Jeder Mensch hat das Recht auf eine gute Gesundheitsversorgung und menschenwürdige Pflege. Dazu braucht es mehr Personal, eine bessere Bezahlung und ein Gesundheitssystem, das sich am medizinischen und pflegerischen Bedarf orientiert und nicht nach hoher Rendite! Das Reden über Probleme, löst keine Probleme, sondern das Reden über Lösungen zeigt den Weg sie zu beseitigen!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (10. Februar 2026 um 13:55 Uhr)
    Ich würde »das Einzahlen von Selbständigen, Beamten und Politikern« sofort wahrnehmen und mit Linnemann, folgend Merz, beginnen. Kleine Randbemerkung: Die GKV-Beitragsbemessungsgrenze 2026 liegt bei etwa 5810 Euro pro Monat. Der genannte Betrag von 1260 Euro ist der resultierende Höchstbeitrag. Von Geistesriesen wie Borchardt und Linnemann kann frau nicht erwarten, dass sie auch nur eine entfernte Ahnung von Massenkaufkraft und Inlandsnachfrage hätten. Wenn sie überhaupt eine Ahnung von irgendetwas haben, dann davon, dass Lohn ein »Kostenfaktor« ist. Für ein sanftlebiges Fleisch zu Berlin reicht das vollständig.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (10. Februar 2026 um 12:01 Uhr)
    Der Traum des deutschen Kapitals ist ein Gesundheitssystem nach US-amerikanischem Muster: Versorgt wird, wer so viel Geld hat, dass er sich privat versichern kann. Der Rest pflegt sein englisches Lächeln – die Zähne fest zusammengepresst, damit man nicht sieht, dass keine Zähne mehr da sind. Breit lächelt dann das Kapital, denn Arbeitgeberanteile zur Krankenversicherung brauchte es nicht mehr zu zahlen. Wie krank ist eine Gesellschaft, die so etwas Gesundheitssystem nennt?
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (10. Februar 2026 um 10:38 Uhr)
    »Ans Bett gefesselte Krankenkasse« träfe die Lage wohl besser. Im alten China, so erzählt man, wurden Ärzte bezahlt, solange die Menschen gesund blieben. Ein Geschäftsmodell mit erstaunlich klaren Anreizen. In Europa dagegen scheint Krankheit verlässlicher zu vergüten als Gesundheit. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass diese Logik keineswegs neu ist. Schon die medizinische Fakultät von Salerno riet im 12. Jahrhundert zu standesgemäßem Auftreten: prächtige Kleidung, ein imposanter Auftritt – wer Eindruck macht, darf mehr verlangen. Dem Patienten Zuversicht vermitteln, den Angehörigen jedoch die Schwere des Falls andeuten: Wird der Kranke gesund, steigt das Honorar; stirbt er, sinkt zumindest die Erwartungshaltung. Besonders dringlich sei es, die Bezahlung einzufordern, solange der Patient noch Schmerzen hat – später könnte seine Dankbarkeit schließlich nachlassen. Und selbst wenn keine Behandlung nötig erscheint, empfiehlt sich irgendein Medikament. Nicht dass noch jemand auf den Gedanken kommt, Genesung könne auch ohne ärztliches Zutun erfolgen. Für Patienten war das schon damals ein eigentümliches Arrangement. Das inoffizielle Motto bringt die Pointe bis heute erstaunlich gut auf den Punkt: »Was bringt den Doktor um sein Brot? Weder die Gesundheit noch der Tod.«

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