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Aus: Ausgabe vom 09.02.2026, Seite 3 / Inland
Bezahlkarte für Geflüchtete

Wie erfahren Asylsuchende von Ihrer Wechselstube?

Initiative berät in Frankfurt am Main zum Gutscheintausch für Geflüchtete. Der ist legal, sagt Johanna Stoll
Interview: Gitta Düperthal
Wechselstube für kommunale Bezahlkarten.jpg
Solche Geschenkkarten der Supermärkte können Inhaber kommunaler Bezahlkarten in inoffiziellen Wechselstuben gegen Bargeld eintauschen (Offenbach, 12.11.2025)

Am Freitag hat die erste Wechselstube der Initiative »Frankfurt sagt nein zur Bezahlkarte« in der ADA-Kantine im Stadtteil Bockenheim eröffnet. Geflüchtete, deren Bargeld durch die Karte auf 50 Euro begrenzt ist, können dort ab jetzt Gutscheine gegen Bargeld tauschen: jeden ersten und dritten Freitag im Monat. In Hessen gibt es schon viele solcher Wechselstuben. Warum ist Frankfurt Nachzügler?

Unsere Wechselstube öffnet zunächst gar nicht für die Frankfurterinnen und Frankfurter. In Hessen gibt es zwei Städte, in denen die Bezahlkarte noch nicht eingeführt wurde: Hanau und Frankfurt. Wir öffnen jetzt, um Initiativen in anderen Städten zu unterstützen, wo die Nachfrage groß ist. Ob aus dem Kreis Offenbach, dem Main-Taunus-Kreis oder der Stadt Wiesbaden: Wir wissen, dass Geflüchtete Fahrtweg in Kauf nehmen, um ihre von großen Supermärkten mit der Karte erworbenen Gutscheine in Bargeld umzutauschen.

Wie kommt es, dass diese Städte die Karte noch nicht haben?

Der Bundestag hat die Einführung im April 2024 beschlossen. Im Fall von Frankfurt klappt die technische Umsetzung noch nicht, es muss noch getestet werden. Vermutet werden kann, dass dieser Umstand der Frankfurter Sozialdezernentin Elke Voitl von Bündnis 90/Die Grünen nicht unangenehm sein dürfte. Sie hatte die Bezahlkarte stets abgelehnt. Denn 50 Euro Bargeld pro Person reichen keinesfalls.

Welche Probleme gibt es?

Offenbar wäre das Monatsgeld bei Menschen, die ihres nicht aufgebraucht hatten, zum Monatsende verfallen. Das darf nicht sein. Auch braucht es Personalaufwand, um das Kartensystem zu verwalten. Müssen etwa Kindergeld oder andere Sonderposten auf sie geladen werden, müssen Sachbearbeiterinnen das freigeben. Weiterhin gibt es entweder eine Positivliste, dass alles von der Karte überwiesen werden kann, nur Überweisungen ins Ausland nicht, oder aber eine Negativliste, was alles nicht überwiesen werden darf. Für Ausnahmen muss dann für jeden Einzelfall eine Genehmigung eingeholt werden. Ein immenser bürokratischer Aufwand!

Wie läuft die praktische Umsetzung an?

Raum für die Wechselstube stellt uns die ADA-Kantine zur Verfügung. Das ist eine solidarische Küche im Stadtteil Bockenheim, die täglich in der ehemaligen »Akademie der Arbeit« auf dem alten Unicampus mit freiwilligen Helfern freitags bis montags Mittagstisch gegen eine Spende anbietet. In der Karl-Marx-Buchhandlung kann während der Öffnungszeiten Bargeld gegen Gutscheine getauscht werden. So entsteht ein Netzwerk praktischer Solidarität, das die bürokratische Entmündigung Geflüchteter durchbricht. Das ist bereits angelaufen. Wir können jetzt öffnen.

Wie erfahren Asylsuchende von Ihrer Wechselstube?

Wir verteilen Flyer bei Veranstaltungen oder Projekten, die demokratisch und links sind. Wir pflegen Kontakte zu Menschen, die in Unterkünften arbeiten oder Deutsch unterrichten. Und es gibt Mundpropaganda. Unterstützer erfahren es aus der Zeitung, bei Filmvorführungen oder Demos.

Für welche Zwecke ist Bargeld für Geflüchtete wichtig?

In kleineren Geschäften und Märkten, etwa beim Flohmarkt, kann man mit der Karte nicht einkaufen. Bei einigen Läden kann man auch erst ab zehn Euro mit der Bezahlkarte kaufen.

Handeln sich Unterstützer rechtlichen Ärger ein, wenn sie Gutscheine gegen Bargeld tauschen?

Nein, das ist legal. Nur die AfD nutzt den Gutscheintausch zur Stimmungsmache gegen Migration und stellt Anfragen nach Kontrolle.

Falls andere Menschen dem Beispiel folgen möchten: Wie haben Sie Ihr Engagement auf die Beine gestellt?

Bislang gibt es solche Projekte in mehreren Städten, aber nicht flächendeckend. In Frankfurt wollten sich gleich zu Beginn der Einführung der Karte viele Menschen engagieren. Also hatten wir uns gegründet. Nachdem sich alles verzögerte, hatten dann manche andere Pläne. Als wir aber von der großen Nachfrage im Umfeld hörten und auch die ADA mitmachen wollte, ging es los.

Johanna Stoll ist Sprecherin der Initiative »Frankfurt sagt nein zur Bezahlkarte«

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