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Künstliche Intelligenzprobleme

Von Lucas Zeise
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Schon wieder hatte die Aktienbörse in der vergangenen Woche einen Nervositätsanfall: Sorgen bereiten – wie im vergangenen Jahr – die großen und mehrere Billionen US-Dollar schweren Hightechkonzerne. Nach schon zwei schwachen Tagen rutschte der Nasdaq-Index am Donnerstag um weitere 1,6 Prozent ab, der Tiefststand im noch jungen laufenden Jahr. Die Google-Mutter Alphabet hatte über ein grandioses Werbegeschäft und entsprechend satte, steigende Umsätze (immerhin über 400 Milliarden US-Dollar) sowie treffliche Profite im vergangenen Jahr berichtet – die Gewinne machten mit 132 Milliarden US-Dollar ein Drittel des Umsatzes aus. Da konnte man als Aktieninhaber wirklich nicht klagen.

Dann folgte der Clou: Um zu beweisen, dass das tolle Unternehmen weiter mit hohem Tempo wachsen wird, kündigte der Vorstand an, im laufenden Jahr 175 bis 185 Milliarden US-Dollar vor allem in Rechenzentren für künstliche Intelligenz (KI) investieren zu wollen. Schon 2025 waren es 91 Milliarden US-Dollar gewesen. Damit kamen wieder die Zweifel bei den Investoren hoch.

Microsoft war schon in der Woche zuvor nicht gut bei den Aktienanlegern angekommen, als die Firma ein um 66 Prozent gesteigertes Investitionsbudget von 140 Milliarden US-Dollar angekündigt hatte. Wie bei den anderen Techgiganten soll das viele Geld in die Ausweitung der Rechnerkapazität investiert werden. Die wiederum gilt für unbedingt erforderlich, um im Wettbewerb mit der KI zu holende Riesenprofite auf die eigenen Systeme lenken zu können.

Der große Zahltag liegt allerdings noch in der Zukunft. Bisher laufen einige KI-Sprachmodelle über die Rechner der großen Anbieter, wofür die Nutzer nichts bezahlen, weil sie so die Reichweite der verkauften Werbung erhöhen. Aber der Zweck der Übung ist es schließlich auch und vor allem, die Unternehmen für KI-Anwendungen zahlen zu lassen, die bei diesen »Rationalisierungen« Personalabbau und damit eine spürbare Senkung der Kosten ermöglichen soll.

Die Unternehmensberatungsfirma Boston Consulting hat ermittelt, dass 90 Prozent der in den USA befragten Firmenchefs schon 2026 mit einer nennenswerten Kostenersparnis durch den Einsatz der KI rechnen. Allerdings haben nach einer anderen Studie 95 Prozent der Chefs bis jetzt noch nichts dergleichen festgestellt. Die KI-Revolution findet also in diesem Jahr statt – oder sie erweist sich als teurer Flop. Um, wie es so schön heißt, die »Produktivität der Mitarbeiter« durch KI merklich zu steigern, sind offensichtlich noch ein paar Zwischenschritte erforderlich. Jemand muss erst die Software entwickeln, um bei der Fertigungsablaufplanung, im Personalwesen, im Risikomanagement und in der Produktentwicklung mittels KI wirklich spürbare Effizienzfortschritte zu erzielen.

Ein Beispiel: Die deutsche Firma SAP hat sich seit den 80er Jahren zu einem Monopolisten bei der Software für das computergestützte Rechnungswesen entwickelt. Diese mittels KI zu installieren und flexibel anzupassen, scheint bisher noch nicht gelungen zu sein. Die Enttäuschung über diesen Umstand hat SAP in den vergangenen Monaten den Verlust des ersten Platzes an der deutschen Börse gekostet.

Die Rieseninvestitionen in die KI haben das Zeug dazu, den wild gewordenen Spekulationstaumel in einen Crash münden zu lassen.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Aachen.

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