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Aus: Ausgabe vom 06.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Epstein-Files

»Es gibt eine Menge zu bereden«

Die Enthüllungen aus den Epstein-Files drohen Noam Chomskys moralische und politische Reputation zu zerstören
Von Susann Witt-Stahl
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Sie mochten sich: Noam Chomsky (l.) und Jeffrey Epstein (undatiert)

Eine Ikone der US-amerikanischen Linken befindet sich im freien Fall. Vergangenen Freitag hatte das US-Justizministerium eine weitere Tranche von Akten zum Missbrauchsskandal um den 2019 verstorbenen Multimillionär Jeffrey ­Epstein zugänglich gemacht, die nicht nur übliche Verdächtige unter den »Celebrities« weiter belasten, sondern auch den weltweit renommierten Linguisten Noam Chomsky. Und das schwerer, als zu erwarten war: Dass der mittlerweile gesundheitlich schwer angeschlagene 97jährige eine freundschaftliche Beziehung zu Epstein pflegte, war bereits enthüllt worden. Aber nun drohen bisher unbekannte E-Mails, Chomskys Reputation als integren Intellektuellen regelrecht zu zerschmettern.

So beklagte Chomsky 2019 die »schreckliche Behandlung« des wegen erzwungener Prostitution verurteilten Epstein durch Presse und Öffentlichkeit. Obwohl der Investmentbanker zudem Minderjährige vergewaltigt und einen Ring zur sexuellen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen betrieben haben soll, riet Chomsky ihm, die Angriffe einfach zu »ignorieren«. Im vergangene Jahr war schon ein undatiertes Unterstützerschreiben aufgetaucht, in dem Chomsky den Austausch mit Epstein als »sehr wertvolle Erfahrung« beschreibt – es ist nicht bekannt, ob er es abgesendet hat. Die Buchung eines Hotelzimmers für 1.400 US-Dollar pro Nacht und die Einladung in ein New Yorker Luxusapartment, die er und seine Frau Valeria angenommen haben, indizieren, dass Chomsky auch gegenüber geldwerten Gefälligkeiten von Epstein nicht abgeneigt war. In einer Mail vom Juli 2016 an ihn schreibt Chomsky über seine »Phantasie über die karibische Insel« – ob damit Little Saint James gemeint war, die der ebenfalls in den Sexskandal verstrickte US-Präsident Donald Trump Epsteins »Hureninsel« nennt, wird die Welt wahrscheinlich nie mehr erfahren.

Verhängnisvoll könnte Chomskys Freundschaft zu Epstein wegen dessen Beziehung zum israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad gewesen sein. In den jetzt freigegebenen Akten findet sich auch ein FBI-Memo, das die Einschätzung einer Quelle festhält, dass Epstein unter der Anleitung von Israels ehemaligem Ministerpräsidenten und Militärgeheimdienstchef Ehud Barak zum Spion ausgebildet wurde, um kompromittierendes Material über einflussreiche Personen des öffentlichen Lebens zu beschaffen. Epstein, ein Zionist, der sich im IDF-Sweatshirt ablichten ließ, hatte 2015 auch ein Treffen von ­Chomsky mit Barak organisiert – einem der mutmaßlich Hauptverantwortlichen für Kriegsverbrechen während der Gazaoffensive 2008/2009, der er als Verteidigungsminister Israels war. Nicht minder irritierend ist eine andere Verbindung: Der gemeinsame Freund »Jeffrey« stellte für Chomsky 2018 einen Kontakt zu dem Alt-Right-Publizisten und Ex-Chefstrategen Trumps, Steve Bannon, her. »Ich hoffe, wir können bald etwas arrangieren«, schrieb ihm Chomsky. »Es gibt eine Menge zu bereden.« Ein Foto aus den Epstein-Files, das seit Dezember in den sozialen Medien verbreitet wird, zeigt ihn lachend Arm in Arm mit dem MAGA-Propagandisten.

In der langen Liste der Topprominenz, die sich bereitwillig in die toxische Honigfalle locken oder auf andere Weise korrumpieren ließ, ist Noam Chomsky die einzige Beute, die Epstein in der gesellschaftlichen Linken machen konnte. Was zudem ans Tageslicht kam: Norman Finkelstein, Politikwissenschaftler und scharfer Kritiker von Israels Besatzungspolitik, ließ ihm sogar eine wütende Abfuhr übermitteln, als ein Harvard-Professor ihn mit Epstein zusammenbringen wollte, und sprach unverhohlen seine Abscheu gegenüber dessen »Pädophilenring« aus.

Das hält Transatlantiker hierzulande, wie Springers Welt, nicht davon ab, nach dem Motto »So was kommt von so was« Zusammenhänge zwischen Antikriegspositionen, vor allem zur imperialistischen Aggression der USA gegen Nordvietnam, die ­Chomsky vertreten hat, und seinen nun aufgedeckten Verfehlungen zu konstruieren. Jungle World, der besonders Chomskys Eintreten für die geschundenen Palästinenser ein Dorn im Auge ist, holte bereits Anfang Januar zur Generalabrechnung aus: »So gesehen ist Chomsky vielleicht nie ein moralischer Gegenpol zur Rechten gewesen, sondern nur ein verzerrtes Spiegelbild derselben.«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marc P. aus Cottbus (10. Februar 2026 um 09:42 Uhr)
    Es gibt inzwischen vermehrt Versuche von einzelnen Politikern und Journalisten, den Informationswert der Epstein Files zu leugnen und herunterzuspielen. Über die Gründe darf man mutmaßen. In WELT-TV empörte sich der US-Journalist Erik Kirschbaum (von deutschen Medien gern nachgefragter Kommentator für US-Politik) über die Berichterstattung über die Clintons. Kirschbaum erzeugte den Eindruck, dass ihn alleine die Erwähnung der Clintons im Zusammenhang mit Epstein schon erzürnt. Dann sagte Kirschbaum wahrheitswidrig, dass die Akten ja nun alle veröffentlicht wären und auch gar nichts Neues enthielten. Clinton-Fan Kirschbaum kommt aus New York, so wie auch auffällig viele der Protagonisten in dem Skandal, Förderer und Mentoren von Epstein und wie die Clintons und Trump, z. B. In der »Süddeutschen Zeitung« meint man, die Epstein Files seien ein großer Haufen Trash, zumindest möchte die Zeitung das ihre Leser glauben machen. Andere Medien nehmen die Files zum Anlass, ihre eigenen Verschwörungstheorien zu stricken. So fantasieren Journalisten der personell miteinander verflochtenen ÖRR-Anstalten ZDF und Deutschlandfunk von Epstein als russischem Agenten, der im Auftrag Putins ein Pädophilennetzwerk errichtet hätte, um damit Einfluss auf die amerikanische und europäische Politik zu nehmen. Bei all dem ignorieren die »Qualitätsjournalisten« geflissentlich den großen blau-weißen Elefanten im Raum. Falls Epstein überhaupt im Interesse und im Auftrag irgendeines Staates agiert hat, dann war es Israel. Es ist sicher kein Zufall, dass Terje Rød-Larsen und seine Ehefrau Teil von Epsteins Netzwerk gewesen sind und deren Kinder in Epsteins Testament bedacht wurden. Das Paar gehörte zu den Architekten des Oslo-Abkommens. Epstein wäre damit in die Fußstapfen des Vaters seiner Dauerfreundin Ghislaine Maxwell getreten, deren Vater, Robert Maxwell, laut den Aussagen von Seymour Hersh und des ehem. Mossad-Offiziers Victor Ostrovsky ebenfalls ein Agent des Mossad gewesen ist.
  • Leserbrief von Emmo Frey aus Dachau (9. Februar 2026 um 14:47 Uhr)
    Protest! Hier wird ein großer alter Mann, der ein monumentales Werk an politischer Aufklärung geschaffen hat, wegen einiger Mails an Epstein und einer fragwürdigen Freundschaft demontiert. Was hat Chomsky denn verbrochen? Hat er minderjährige Mädchen missbraucht? Hat er Spionage für Israel betrieben? Nichts davon kann ich erkennen. Hier werden Gerüchte und Nebensächlichkeiten aufgebauscht, eine Substanz ist nicht zu erkennen. Ich habe viele Bücher von Chomsky gelesen. Er hat mir die Augen geöffnet wie kein anderer Autor zum Thema Außenpolitik der USA. Und nun sei Chomskys Reputation als integrer Intellektueller zerschmettert? Ist das nicht lächerlich? »Aufgedeckte Verfehlungen«? Welche bitte?
  • Leserbrief von Bernd Jacoby aus Wiesbaden (9. Februar 2026 um 09:39 Uhr)
    Ich staune über die Anziehungskraft der Honeytrap bis zum heutigen Tag und natürlich darüber hinaus auch angesichts der Anzahl von Reaktionen allein in Facebook zum jW-Artikel. Was ist denn der Honig hier, wenn es ja die Mädchen nicht mehr sind? Waren es denn nur »die Mädchen«, die lockten? Ist es jetzt die Lust, ganz fix zu be- oder verurteilen, »dabei zu sein«: Der war noch nie ganz koscher, ich hab’s doch gewusst? Ist das politische Moral, die sich hier beweist, oder moralische Politik auf Höhe ihrer Anwendung im gegenwärtigen Deutschland? Wenn tatsächlich »politische Ikonen« stürzen, gestürzt werden – wir haben das ganz anschaulich 1989 und in Folgejahren gesehen –, gibt es ganz viel Stoff, sehr, sehr tiefgehend nachzudenken.

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