Des Heinrichs neue Kleider
Von Eileen Heerdegen
So endet die Geschichte hier wie sie begann / mit uns / was die Regierung Heinz vergiftet und verwandelt hat / im Land / den Körpern / uns / zurückverwandelt werden kann / wir möchten / müssen / glauben dran.«
Nein, es geht im Text des Österreichers Ewald Palmetshofer nicht um seinen Landsmann Heinz-Christian Strache, der war auch nur Vizekanzler; der naiv-hoffnungsfrohe Agitpropchor des Ensembles bildet den Schlusspunkt eines dekonstruierten »Heinrich IV.« nach William Shakespeare.
Nur, mit dran glauben, möchten oder müssen, wird es nicht getan sein. Absichtserklärungen – 1,5 Grad, »We feed the world«, »Nie wieder Krieg« – haben eine kürzere Halbwertzeit als die oft recht zähen drei Stunden (inkl. Pause) dieses gehypten Stückes eines noch gehypteren Dramatikers.
Die ebenfalls zur Zeit hoch gehandelte Regisseurin Luise Voigt lässt ihre Figuren in einer bunten Dystopie agieren. Eine klug konstruierte weiße Riesentreppe, die je nach Drehung und Lichteinfall (Bühne: Natascha von Steiger, Licht: Jan Haas) Königsthron, Unterwelt und Club ist, wird komplettiert durch Drohnen und Videowalls.
John Falstaff, Shakespeares komisch-aufmüpfige, lebenslustige Gegenfigur zu Sitte, Anstand und Obrigkeit, wird hier zum Heiligen der Ausgestoßenen. Julian Greis erschafft einen unglücklich dauergeilen nach Liebe suchenden Normenverweigerer mit anarchistischer Konsequenz nach dem Vorbild eines Hermes Phettberg, genügend Selbstbewusstsein um Mitleid zu verhindern, doch leider auch abstoßend statt zu berühren.
Das Schicksal beginnt im Klo, Prinz Harri (Marius Huth) muss aus der Pissrinne gerettet werden. »He, Kleiner! … / es ist die Scheißkabine hier als Bett nicht ideal / verstanden? / o fuck, fuck, fuck / Mann, jetzt bitte nicht gestorben sein! /na gut / dann muss ein Finger in den Mund / und Kotze pulen aus dem Schlund.« Doch das schöne, undankbare Königskind: »Lass mich allein / ich fucking möcht gestorben sein.«
Während sich das ungleiche Paar näherkommen kann, erklärt das Volk in der Bar der Frau Flott (Sandra Flubacher) die Vorgeschichte. »Quasikönig« Heinrich, genannt Heinz, hatte leichtes populistisches Spiel, seinen Vorgänger Richard II. und dessen Worthülsenpolitik per gewaltsamer Machtübernahme zu ersetzen: »keine Agenda ›Doppelneu‹, kein ›Pakt für Morgen‹, kein Innovations-Beschleunigungs-Turbo-Zukunfts-Boost – nicht Expert:innenbeiräte noch Weisenrats-Leitplanken-Papiere – you fucking name it.«
Doch alles hat ein Ende, nur die fucking Wurst hat zwei, der todkranke Autokrat muss nicht nur das aufmüpfiger werdende Volk fürchten, auch die Nachfolge ist unklar. Wäre Hitzkopf (Jeremy Mockridge mit metallenem Silbergemächt) dem flatterhaften Harri mit seinem Hang zum Substandard vorzuziehen? Spoiler: Am Ende sind beide Jungs dahin. Die große Politik geschieht auf der Showtreppe, trotz Begleitung von Mundwerk (Samuel Mikel) und Hirn (Denis Grafe) ist es für Heinz (André Szymanski) dort oben sehr einsam. Schöne, sprechende Choreographie von Tony De Maeyer, der die Dreifaltigkeit in seltsam sich drehenden tänzerischen Bewegungen die Stufen hinauf schickt.
Die Adaption des zerhackten Shakespeare bietet einiges an multimedial Gelungenem, und doch ist alles immer einen Tick zuviel. Ein Song zuviel, ein Film zuviel, eine Stunde zuviel, als habe man sich berauscht an der eigenen Genialität. »Porno« – ich denke an die zwei jungen Männer im ICE, die gemeinsam an etwas arbeiteten und vor Begeisterung immer wieder »Porno« schrien.
Gutes Stichwort. Palmetshofers Sprache ist angeblich »extrem musikalisch und poetisch«. »Fotze«, »fuck«, »ficken« und immer wieder »Schwanz«, mittlerweile doch reichlich ausgelutscht, um im passenden Assoziationsbereich zu bleiben? Shakespeares Verse, die Wortspielereien werden imitiert und verdreht, eine künstliche, abgehackte Syntax lässt die Sprache nicht fließen. Gelesen gewinnt sie, gehört ist sie anstrengend, wirkt wie Satire oder die holprige Übersetzung eines Siebtklässlers.
Das kann man außerordentlich finden, Palmetshofer hat schließlich eine Vielzahl an Preisen gewonnen. Zumindest polarisiert er, in der ersten Vorstellung nach der Premiere waren jedenfalls die Reihen nach der Pause deutlich gelichtet. Vielleicht ist der Kaiser doch einfach nackt?
Nächste Vorstellungen: 18., 21.2., 5., 10., 13.3.
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