Der soziale Sinn der Repression
Von Raphael Molter
Die Auseinandersetzungen um die Innenministerkonferenz im Dezember 2025 waren nur der Auftakt einer Entwicklung, die sich inzwischen auf den Rängen und rund um die Stadien konkret niederschlägt. Während die politische Debatte offiziell um Sicherheit und Gewaltprävention kreiste, verschob sich im Hintergrund die Praxis staatlichen Handelns. Die Frage ist dabei nicht, ob es zu Eskalationen kommt – sondern weshalb.
Wer die zunehmenden gewaltsamen Aufeinandertreffen zwischen Polizeieinheiten und Fanszenen bloß als Folge von Kommunikationsproblemen begreift, verkennt ihren Charakter. Repression ist kein Unfall, sondern erfüllt eine Funktion. Sie richtet sich nicht primär gegen konkrete Gefahrenlagen, sondern gegen eine soziale Praxis, die sich staatlicher Steuerung nur begrenzt unterordnet.
Das lässt sich anhand des Vorgehens der Polizei Berlin am 17. Januar 2026 beim Spiel zwischen Hertha BSC und Schalke 04 im Olympiastadion exemplarisch beobachten. Der Einsatz, bei dem Polizeikräfte in die Ostkurve eindrangen und unterschiedslos Fans angriffen, markiert keinen Ausreißer. Entscheidend ist der Kontext: Die Eskalation ging nicht von einer dynamischen Situation aus, sondern wurde trotz erkennbarer Rückzugsbewegungen der Fanszene aktiv herbeigeführt. Reizgas im Zugangstunnel, Schlagstockeinsätze in dicht gefüllten Abschnitten und Verletzte bis in Rollstuhlbereiche hinein sind keine Mittel zur Gefahrenabwehr, sondern zur Durchsetzung von Kontrolle.
Warum greift der Staat hier so durch? Die Antwort liegt nicht in einer angeblichen Zunahme der Fangewalt. Die Statistiken der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze weisen das Gegenteil aus. Gewalt nimmt nicht zu, der polizeiliche Zugriff hingegen schon. Dieser Widerspruch ist kein Zufall. Die Eskalation erzeugt erst die Bilder, mit denen anschließend politische Maßnahmen legitimiert werden können. Dabei geht es nicht um Fußball im engeren Sinne. Fußball ist hier das Feld, auf dem sich ein allgemeines Problem zeigt: Der Staat stößt auf eine soziale Sphäre, die sich nur begrenzt in seine Ordnungsvorstellungen einfügt. Organisierte Fanszenen sind kollektiv, emotional, eigensinnig. Sie funktionieren nach eigenen Regeln, verfügen über eigene Strukturen und entziehen sich der Vereinzelungslogik. Genau das macht sie verdächtig. Repression setzt an diesem Punkt an. Sie soll bestrafen und disziplinieren. Das zeigt sich auch daran, dass nicht nur Fans selbst ins Visier geraten, sondern zunehmend auch die Strukturen, die bislang deeskalierend gewirkt haben. Die Durchsuchung des Dortmunder Fanprojekts am 28. Januar ist dafür ein mahnendes Beispiel.
Fanprojekte sind keine »Fanlokale«, sondern sozialpädagogische Einrichtungen, deren Wirksamkeit auf Vertrauen und klarer Trennung von Polizei beruht. Wird diese Grenze aufgehoben, verliert Prävention ihre Grundlage. Dass ausgerechnet in einer Phase verschärfter Sicherheitsdebatten diese Trennung in Frage gestellt wird, ist natürlich kein Zufall. Fanprojekte, Fanhilfen und selbstorganisierte Kurven stehen einer sicherheitspolitischen Logik entgegen, die Konflikte nur verwalten will. Ihre Existenz verweist darauf, dass es Alternativen zur polizeilichen Eskalation gibt. Genau deshalb geraten sie unter Druck.
Die Vielzahl der übereinstimmenden Berichte aus unterschiedlichsten Fanszenen – von Dresden über Münster bis Kaiserslautern – belegt, dass es sich nicht um lokale Missstände handelt. Überall zeigt sich dasselbe Muster: überzogene Polizeipräsenz, Provokationen, frühzeitige Eingriffe und die Bereitschaft zur Gewaltanwendung auch ohne akute Gefahrenlage. Diese Praxis ist Ausdruck eines veränderten Umgangs mit Fankultur.
Der Hintergrund ist ein politischer. In Zeiten sozialer Krisen, wachsender Ungleichheit und zunehmender Militarisierung nach außen wächst das Bedürfnis nach Ordnung im Inneren. Der deutsche Fußball eignet sich als Experimentierfeld, weil er öffentlich, emotional und institutionell gut zugänglich ist. Wer hier Kontrolle durchsetzt, sendet ein Signal über diesen Raum hinaus. Repression im Stadion ist somit Teil einer umfassenderen Ordnungspolitik. Sie richtet sich gegen Formen kollektiver Selbstorganisation, die sich der Verwertungs- und Disziplinierungslogik entziehen; gegen Räume, die sich staatlicher Steuerung nur begrenzt unterwerfen. Der Fußball und seine Fankultur sind dabei kein Sonderfall, nur ein besonders sichtbares Feld.
Wer die Eskalationen nur auf kommunikative Fehler oder einzelne Einsatzleitungen und problematische Einsatzhundertschaften reduziert, verkennt den Zusammenhang. Die Gewalt ist Teil einer Politik, die in Zeiten sozialer und politischer Krisen nach innen greift. Ein Staat, der seine Gesellschaftsstruktur nicht mehr ausreichend ideologisch legitimieren kann, setzt zunehmend auf Zwang.
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