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20.01.2026, 15:15:35 / Sport
Fußballrealität

Sittenbild mit Dame

Berliner Polizei eskaliert beim Hertha-Heimspiel, Innensenatorin Iris Spranger ist mittendrin
Von Lara Schauland
Hertha BSC - FC Schalke 04.jpg
Irgendwann reicht’s: Hertha-Fans verlassen die Ränge (Berlin, 17.1.2026)

Am Sonnabend kam es vor dem Zweitligaheimspiel von Hertha BSC gegen den FC Schalke 04 im Berliner Olympiastadion zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Polizeikräften und Fußballfans. Die Berliner Polizei ging mit Pfefferspray, Schlagstöcken und Festnahmen gewaltsam gegen die Ostkurve vor. Infolgedessen kam es zu zahlreichen Verletzten, einige Hertha-Anhänger mussten im Anschluss im Krankenhaus behandelt werden.

Während die Polizei routinemäßig von »Ausschreitungen« und Angriffen auf Einsatzkräfte spricht, zeichnen Faninitiativen und Augenzeugen ein anderes Bild der Vorfälle: Der Einsatz sei durch Polizeikräfte gezielt eskaliert, Fans von Polizisten bereits am Einlass provoziert und bedrängt worden, rekonstruiert Fritz Müller von der Fanhilfe Hertha BSC in einem Interview mit dem Fußballmagazin 11Freunde. Es kam zu einer Festnahme am Einlass, die Fanszene bewegte sich daraufhin gedrängt durch Polizeibeamte ins Stadion. »Als die Fans versuchten, Abstand zur Polizei aufzubauen, rückte die Polizei nach und griff an. Videoaufnahmen, die kursieren, zeigen deutlich, dass die Fans defensiv waren und die Polizei in die Kurve hinein angegriffen hat« so Müller weiter.

Die Darstellung in der offiziellen Pressemitteilung der Polizei Berlin folgt einem bekannten Muster: Die Fans seien gewaltbereit gewesen, von Flaschenwürfen unter anderem mit Glasflaschen ist die Rede. Der Einsatz körperlichen Zwangs sowie der Einsatz von Waffen werden als notwendiges Mittel beschrieben. Auffällig ist, dass der offizielle Polizeibericht eine Reihe von Mutmaßungen enthält. Die Berliner Fanhilfe beschreibt die Mitteilung der Polizei als »gespickt mit eklatanten Widersprüchen zur eigenen Darstellung am Samstag abend, fehlerhaften Informationen, im Konjunktiv formulierte Spekulationen die als Fakten herhalten sollen und krampfhaften Versuchen eine Rechtfertigung für den beispiellosen Gewaltexzess der Beamten zu finden«.

Der gewaltsame Einsatz nur einen Tag nachdem sich der Tod des ehemaligen Hertha-Präsidenten Kay Bernstein zum zweiten Mal jährte, ist der vorläufige Höhepunkt einer schon länger andauernden Eskalation der Berliner Polizei gegenüber der Hertha-Fanszene. Bereits bei den bisherigen Heimspielen der Saison kam es im Stadion immer wieder zu Provokationen durch Polizeikräfte. In den Tagen vor dem Spiel gegen Schalke hatte es außerdem wegen des Vorwurfs geringfügiger Sachbeschädigungsdelikte Hausdurchsuchungen bei Hertha-Anhängern gegeben, die laut Berichten mit erheblicher Gewaltanwendung und mutmaßlichen Rechtsverstößen einhergingen.

Der Polizeieinsatz am Sonnabend hatte laut Polizeibericht mindestens 31 verletzte Fans und 21 verletzte Polizeikräfte zur Folge. Während alle verletzten Beamten im Dienst bleiben konnten, wurden einige Fans mit schweren Verletzungen in Krankenhäuser gebracht. Die Fanhilfe Hertha BSC berichtet, dass vermummte und behelmte Einsatzkräfte anschließend vor dem Krankenhaus Menschen daran hinderten, zu den Verletzten zu gelangen.

Auch die Königsblaue Hilfe, eine Solidargemeinschaft von Schalkern, kritisierte das Auftreten der Berliner Polizei. Insbesondere rund um die An- und Abreise der Gästefans habe es gefährliche Situationen gegeben, als Einsatzkräfte ohne ersichtlichen Grund in dichten Menschenmengen vorgingen und u. a. Stürze provozierten.

Der Verein Hertha BSC selbst reagierte mit einer vorsichtigen Stellungnahme. Man nehme die Vorfälle »mit Sorge« zur Kenntnis, fordere Aufklärung und Dialog. Gleichzeitig distanzierte sich der Klub von Gewalt.

Das aggressive Vorgehen der Berliner Polizei an diesem Abend ist Teil einer bundesweiten Entwicklung: Fußballspiele dienen als Experimentierfeld polizeilicher Aufstandsbekämpfung, die autonomen Freiräume aktiver Fans werden aggressiv durch Polizei und Staat bekämpft. Massenüberwachung, Pfefferspray- und Schlagstockeinsatz sind im Stadion längst normalisiert. Alles wegen vermeintlicher Gefahren, die von den Fans ausgehen würden. Dieses Narrativ verstärken Polizeigewerkschaften und Innenminister immer wieder, wie zuletzt im Rahmen der Innenministerkonferenz im Dezember deutlich wurde. Die Folge sind immer neue Forderungen nach noch weiteren Befugnissen für die Polizei und noch mehr Überwachung für die Fans.

Besonders pikant: Die Berliner Senatorin für Inneres und Sport, Iris Spranger von der SPD, war selbst bei dem Hertha-Heimspiel gegen Schalke zugegen. Im Vorfeld waren mehrere Vermittlungs- und Gesprächsangebote des Vereins von der Polizei und der Innensenatorin ausgeschlagen worden. Hertha BSC ruft nun erneut dazu auf, »schnellstmöglich wieder eine belastbare Gesprächsebene zwischen Clubs, Sicherheitsbehörden und Fans herzustellen.« Spranger teilte mit, dass sie Mitte der Woche mit Polizei und Hertha-Geschäftsführung zusammenkommen werde.

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