Tränengas gegen Palmölbauern
Von Thorben Austen, Quetzaltenango
Bei einer Kundgebung von Arbeitern der Palmölplantagen im Landkreis Sayaxché des Departamento Petén im Norden Guatemalas kam es am Mittwoch vergangener Woche zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Auf Videos in sozialen Netzwerken ist zu sehen, wie Arbeiter mit Tränengas beschossen werden und flüchten. Die Demonstranten hätten angegeben, sich friedlich versammelt zu haben vor Niederlassungen der Konzerne Tikindustrias und Palma Sur, die vor Ort gemeinsam Palmöl produzieren, so der für Telesur tätige Journalist Santiago Boton gegenüber jW.
Bei den Protesten gehe es demnach um die Arbeitsverträge. Durch einen Wechsel in der Betriebsleitung Anfang dieses Jahres sollen alle Arbeiter neue Verträge erhalten. Im Gegensatz zu den vorherigen seien diese befristet. »Einzeln wurden die Arbeiter zur Geschäftsleitung gerufen, um die neuen Verträge zu unterzeichnen, als hätte es die alten nie gegeben«, beschrieben mehrere Beschäftigte die Schikane in sozialen Netzwerken.
Nach dem Polizeieinsatz am Mittwoch haben die Arbeiter ein Protestcamp vor den Palmölplantagen in der Ortschaft Las Arenas errichtet. Sie fordern direkte Verhandlungen mit der Firmenzentrale. Neben den Verträgen wollen sie auch bessere Arbeitsausrüstung und die Bezahlung von Überstunden verhandeln. Letztere würden oft nicht vertragsgemäß vergütet. Bisher gebe es weder vom Unternehmen noch von den zuständigen Zweigstellen des Arbeitsministeriums eine Stellungnahme zu den Vorgängen, sagte Boton gegenüber jW.
Die Palmölindustrie ist in Guatemala ein wachsender Zweig der industriellen Landwirtschaft. Rund 30.000 Arbeitsplätze hängen direkt, weitere etwa 150.000 indirekt von ihm ab. Die Arbeits- und Produktionsbedingungen stehen in der Kritik. In einem Beitrag bei Radio Victoria, das von der Landarbeiterorganisation Codeca (Comité de Desarrollo Campesino) betrieben wird, berichtete ein Arbeiter von seinen Erfahrungen: Der Tag gehe von fünf Uhr morgens bis 18 Uhr abends; trotz der körperlich schweren Arbeit und dem tropischen Klima gebe es an den 13-Stunden-Tagen höchstens eine Stunde Pause. Der Tageslohn von 112 Quetzales (circa 12,30 Euro) entspreche zwar dem gesetzlichen Mindestlohn, der aber für einen Arbeitstag von maximal acht Stunden vorgesehen sei. Lediglich Unterkunft und einfaches Essen – »Tortillas, Reis, Bohnen und Nudeln« – würden vom »Arbeitgeber« gestellt sowie die staatliche Krankenversicherung bezahlt. Arbeitsfrei seien nur der Sonntag und einige Tage um Weihnachten und Ostern: »so sieben bis zwölf Tage pro Jahr«. Ansonsten werde durchgearbeitet – ohne Festanstellung. Obwohl nach drei Monaten Beschäftigung beim gleichen Unternehmen eigentlich ein Anspruch auf eine Festeinstellung besteht, würden immer nur monatsweise Verträge angeboten.
Neben den Arbeitsbedingungen stehen auch Umweltprobleme und Landraub beim Anbau der Palme, deren Öl für Biodiesel, Kosmetik und in der Lebensmittelproduktion genutzt wird, am Pranger. 80 Prozent des Palmöls wird exportiert, Hauptabnehmer ist die EU. Die Anbaufläche der seit 1965 in Guatemala kultivierten Pflanze ist allein zwischen 2009 und 2019 um 191 Prozent gestiegen, mittlerweile ist Guatemala der sechstgrößte Produzent der Welt. Prognosen gehen davon aus, dass das Land 2030 weltweit den dritten Platz in der Produktion belegen wird. Dementsprechend wächst auch der Bedarf, weitere Flächen für den Anbau von Ölpalmen zuzurichten. Im Schnitt sind diese nur 20 bis 25 Jahre nutzbar, danach muss der Baum gefällt werden und das Land eine Zeitlang brach liegen. Konzerne sind daher stets auf der Suche nach neuen Ländereien, vielfach kommt es zu Landraub. Ein Gemeindeaktivist aus dem Departamento Alta Verapaz erklärte im vergangenen Jahr gegenüber jW, in seiner Region seien »Vertreibungen durch Großgrundbesitzer an der Tagesordnung«.
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