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Aus: Ausgabe vom 29.12.2025, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Armut in Mittelamerika

Guatemala erhöht Mindestlohn

Treibstoffpreise auch gesenkt. Regierung hofft auf Mittelstand außerhalb oligarchischer Strukturen
Von Thorben Austen, Quetzaltenango
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Auf einer Palmölplantage in Chisec

Die sozialdemokratische Regierung von Bernardo Arévalo in Guatemala hat das zweite Jahr in Folge per Dekret den Mindestlohn erhöht. Die generelle Erhöhung liegt bei 7,5 Prozent, in der Landwirtschaft sollen Arbeiter ab Januar 2026 5,5 Prozent mehr bekommen, und in der exportorientierten Industrie, vor allem in den Maquilas, den Bekleidungsfabriken für den Weltmarkt, sind es vier Prozent. Bereits für 2025 hatte die Regierung eine Gehaltserhöhung von sechs bis zehn Prozent angeordnet. Damit erhalten Arbeiter ab dem 1. Januar 2026 zwischen 4.254 Quetzales (Q.) (473 Euro) und 3.660 Q. (407 Euro). Am gleichen Tag kündigte die Regierung eine Reduzierung der Preise für Treibstoff an: Reguläres Benzin und Super sollen 0,70 Q. pro Gallone (3,78 Liter) weniger kosten, Diesel 0,40 Q. Auch das zum Kochen verwendete Propangas kostet pro 25-Pfund-Zylinder künftig nur noch 98 Q., statt wie bisher 110 Q.

Trotz der Maßnahmen liegen die Lebenshaltungskosten weiter deutlich über dem Mindestlohn. Im städtischen Umfeld musste im November 2025 eine Person 2.243 Q. für Lebensmittel, Wohnung, Gesundheit etc. ausgeben, bei einer fünfköpfigen Familie sind das 11.313 Q. im Monat. Auf dem Land liegen die Lebenshaltungskosten mit 1.408 Q. pro Person niedriger.

Außerdem erreicht die Gehaltserhöhung nur die formell Beschäftigten. Laut aktuellen Statistiken arbeiten mehr als 70 Prozent der Guatemalteken im informellen Sektor ohne festes Gehalt und ohne Sozialleistungen wie die staatliche Krankenversicherung IGSS oder einen Rentenanspruch.

Von seiten der Regierung wurde die Gehaltserhöhung mit wachsenden Wirtschaftszahlen begründet. »Unsere Wirtschaft ist in diesem Jahr gewachsen, und damit müssen auch die Chancen für guatemaltekische Familien wachsen.« Die Gehaltsanpassung sei »Teil einer Politik zur Einführung eines existenzsichernden Lohnes«, hieß es in einer Mitteilung des Arbeitsministeriums.

Von der oppositionellen sozialdemokratischen Partei VOS (Voluntad, Oportunidad y Solidaridad) kam die Kritik, die Gehaltserhöhung sei nicht ausreichend. Die Regierung habe dem »Druck des Unternehmersektors nachgegeben«, der »Mindestlohn decke nicht den Bedarf der Lebenshaltungskosten«. Die Entscheidung sei die »Aufgabe des realen Kampfes gegen Armut, Ungleichheit und soziale Ausgrenzung«, hieß es in einer Mitteilung der Partei. Orlando Joaquín Blanco, Kongressabgeordneter von VOS, hatte kurz vor dem Dekret des Staatspräsidenten eine mindestens zehnprozentige Gehaltserhöhung im Kongress gefordert.

Der mächtige Unternehmerverband CACIF (Comité Coordinador de Asociaciones Agrícolas, Comerciales, Industriales y Financieras) dagegen lehnte die Gehaltserhöhung als zu hoch ab. Die Erhöhung »ignoriere die negativen Auswirkungen auf Beschäftigung, Formalität und Wettbewerbsfähigkeit«. Die Gehaltserhöhungen 2025 hätten bereits die Schaffung von »40.000 neuen Arbeitsstellen verhindert« und würden »2026 mehr junge Leute in die Informalität« treiben, schrieb der CACIF in einer Mitteilung.

Der CACIF gilt als Vertreter der klassischen Oligarchie in Guatemala. Präsident Arévalo und seine Partei Semilla hatten bereits in der Vergangenheit mehrfach versucht, die Macht des Unternehmerverbandes einzuschränken und mittelständische Unternehmen außerhalb des Verbandes zu stärken. So brachten Abgeordnete der Partei Raíces, die wegen der Suspendierung von Semilla von einem Teil der Abgeordneten in diesem Jahr als Nachfolger gegründet worden war, erst im November einen Antrag ins Parlament ein, den CACIF aus Verträgen für öffentlich-private Wirtschaftsaktivitäten auszuschließen.

Guatemala, die größte Volkswirtschaft Mittelamerikas, ist gleichzeitig das Land der Region mit dem höchsten Bevölkerungsanteil in Armut und extremer Armut. Laut Zahlen von 2024 leben 56 Prozent der Bevölkerung in Armut, davon 16,2 Prozent in extremer Armut. Im Gegensatz zu anderen Ländern des Kontinents ist die Armut in den vergangenen Jahren kaum gesunken.

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