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Aus: Ausgabe vom 03.02.2026, Seite 1 / Titel
Sozialstaat

Es muss wehtun

Nur bei privater Zahlung zum Zahnarzt, fordert der CDU-Wirtschaftsrat, und löst einen Wutschrei aus. Selbst die Bundesregierung will das angeblich noch nicht
Von Arnold Schölzel
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Aus Mündern lässt sich noch jede Menge herausholen

Der CDU-Wirtschaftsrat schwenkte am Sonntag mal wieder die Sozialabrissbirne und erntete Empörung. Der als Parteigliederung getarnte Lobbyverein preschte mit einem Streichkatalog unter dem Titel »Agenda für die Arbeitnehmer in Deutschland« vor und geriet vor allem mit der Forderung, Zahnarztbehandlungen aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen zu nehmen, in die Schlagzeilen. Das gleiche soll ihm zufolge für Unfälle auf Arbeitswegen gelten, außerdem soll die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld auf ein Jahr begrenzt und die Rente durch verschiedene Einschränkungen – vor allem durch ein erhöhtes geetzliches Renteneintrittsalter – gekürzt werden.

Die hemmungslose Schnöselei verstörte einen guten Monat vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg auch Teile der CDU. Der Chef der sozialpolitischen CDU-Gruppierung CDA, Dennis Radtke, stöhnte am Montag in der Süddeutschen Zeitung: »Hier erklärt eine Gruppe von Superprivilegierten anderen Leuten, auf was diese verzichten sollen.« So, wie es derzeit laufe, dürfe man sich nicht wundern, dass »bei den Umfragen für die Union bei 27 Prozent eine gläserne Decke eingezogen ist«.

Gleichzeitig mit dem Arroganzpapier des Wirtschaftsrats machte CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann in Bild am Sonntag Kindergeldbetrug und Sozialmissbrauch als Bremse fürs Wirtschaftswachstum aus. Letzteres wiederum erklärte CDU-Fraktionschef Jens Spahn am Montag im Handelsblatt zur »Schicksalsfrage unserer Nation« und kündigte an, wann und wie er das Schicksal beeinflussen möchte: »Im zweiten Quartal wollen wir die sozialen Sicherheitssysteme und die Lohnnebenkosten angehen.« Er behauptete, »das Thema Arbeitskosten« fehle noch im Regierungshandeln. Zuvor hatte die Wirtschafts- und Mittelstandsunion der CDU (MIT) mit einem Antrag für den CDU-Bundesparteitag am 20. und 21. Februar in Stuttgart »Kein Recht auf Lifestyle-Teilzeit« verlangt. Nach negativem Echo will die Antragskommission »Lifestyle« aber streichen. Ersatzweise stellte die MIT am Donnerstag fest, dass bei der Bundesagentur für Arbeit 4,4 Milliarden Euro Schulden von aktuellen und ehemaligen Grundsicherungsempfängern offen sind, die »schnellstmöglich zurückgezahlt« werden müssten.

Hintergrund: Am Mittwoch senkte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) die Prognose fürs Wirtschaftswachstum im Jahr 2026 von 1,3 auf 1,0 Prozent. Danach brach offensichtlich in CDU und CSU Panik aus.

Davon möchte die Bundesregierung nicht angesteckt werden, ist aber beunruhigt: Am Montag antwortete der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer in Berlin auf Fragen zur privaten Zahlung bei zahnärztlicher Versorgung: »Derartige Pläne gibt es in der Bundesregierung nicht«. Vizekanzler und SPD-Kochef Lars Klingbeil äußerte am Montag sogar bei einem Besuch in Warschau sein Unverständnis: »Ich glaube nicht, dass wir in unserem Land wollen, dass man vom Zustand der Zähne ablesen kann, wie der Geldbeutel ausgestattet ist.« Auf solche Vorstöße könne er nur mit Kopfschütteln reagieren. Zugleich kritisierte er, es gebe seit Wochen eine Debatte im Land, in der fleißigen Menschen gesagt werde, sie müssten mehr arbeiten oder sich hier oder da hinten anstellen. Dabei könnten die nötigen Reformen nur funktionieren, wenn man alle mitnehme und nicht einzelne Gruppen immer die Last trügen.

Fehlte nur noch CSU-Chef Markus Söder. Der steuerte im ARD-»Bericht aus Berlin« zum sozialen Abrisswahn bei: »Eine Stunde Mehrarbeit in der Woche würde uns enorm viel Wirtschaftswachstum bringen und ist wirklich nicht zu viel verlangt.«

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  • Leserbrief von Wilfried Schubert aus Güstrow (4. Februar 2026 um 11:52 Uhr)
    Es gibt bessere Möglichkeiten des Sparens, als die Vorschläge des christlich-demokratischen Wirtschaftsgipfels. Warum brauchen wir 94 gesetzliche Krankenkassen für die 74,6 Millionen Versicherten im Zeitalter der Digitalisierung und der KI? Alle haben eigene Immobilien, Einrichtungen und Mitarbeiter. Noch viel effektiver wäre die deutliche Reduzierung der 108 Mrd. Euro (mit Sondervermögen) für Militärausgaben 2026. Hinzukommen 11,56 Mrd. Euro Kriegsunterstützung für die Ukraine. Russland, das mit der gesamten NATO Europas im Krieg steht, will nur 141 Mrd. Euro aufwenden. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass die 2 Mio. Beamten ihre Krankenversicherung nur teilweise selbst aufbringen. Und zu guter Letzt, während normale Bürger ihre Visage selbst bezahlen, übernimmt das, für die gutbetuchten Regierungsmitglieder die Staatskasse.
  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus Berlin (3. Februar 2026 um 17:33 Uhr)
    Der CDU-Wirtschaftsrat: Wer Arm ist, der soll früher sterben! Ein kapital-faschistisches Entsorgungsprogramm für die Einsparung von Sozial- und Gesundheitsleistungen. Für die Minderung der Kosten für die gesetzlichen Krankenkassen und für die gesetzliche Rentenversicherung. Insbesondere für den zunehmenden Ausschluss der materiell Armen und meist eigentumslosen Bevölkerung und bei deren Reduzierung der Lebenserwartung. Derzeit befinden sich 16 Prozent der Bevölkerung, mehr als 13 Millionen Menschen unterhalb der statistischen Armutsgrenze in Deutschland. ► Gesunde Zähne steigern die Lebenserwartung: Zu diesem Ergebnis kommen japanische Forscher, die Daten von über 85.000 Bewohnern in Altenheimen analysiert haben. Laut Studie ist es für die Lebenserwartung und die Gesundheit äußerst bedeutsam, wie viel eigene Zähne noch vorhanden sind. Wer noch mindestens 20 eigene Zähne hat, trägt viel dazu bei, gesünder älter zu werden. Durch gezielte Maßnahmen können Zähne und Zahnfleisch wieder in einen guten Zustand versetzt werden. (dr-birkelbach.de) ► Schlechte Mundgesundheit verkürzt nachweislich das Leben. Die Gründe sind biologisch nachvollziehbar: systemische Entzündungen, Gefäßschädigungen, metabolische Belastung (bspw. durch Insulinresistenz). (Zahnarztzentrum.ch) ► Die Frankfurter Rundschau am 23.10.2025: Ein Forschungsteam der Sichuan University hat über 8.000 ältere Menschen mehrere Jahre lang begleitet. Verläuft der Zahnverlust besonders rapide, besteht ein deutlich höheres Risiko, früher zu sterben. Je mehr Zähne fehlten, desto höher lag das Sterberisiko. So kann man die Lebenserwartung positiv beeinflussen: Zähne mit fluoridhaltiger Zahnpasta putzen, regelmäßige zahnärztliche Kontrollen, Zuckerarme und ballaststoffreiche Ernährung, Rauchstopp, ausreichende Versorgung mit Vitamin D und Kalzium.
    Je schneller Zähne verloren gehen, desto höher das Sterberisiko. Zahnverlust kann auf gesundheitliche Probleme wie Entzündungen, Mangelernährung oder psychische Belastungen hinweisen und ist damit ein wichtiger Indikator für den Allgemeinzustand. Regelmäßige Zahnpflege, zahnärztliche Kontrollen und gesunde Ernährung können helfen, das Risiko zu senken und die allgemeine Gesundheit zu schützen. Vgl. Studie warnt: Wer schnell Zähne verliert, lebt statistisch kürzer 03.02.2026, R.S.
  • Leserbrief von Thomas Bartsch-Hauschild aus Hamburg (3. Februar 2026 um 11:43 Uhr)
    Wenn das Wachstum fehlt und die Steuereinnahmen nicht mehr sprudeln, dann ist für die CDU-Wirtschaftslobbyisten der Zeitpunkt gekommen, die Rechte und den Schutz der Arbeitnehmer komplett zu streichen. Das war immer schon so in allen Krisenzeiten der Vergangenheit, die einzige ideologisch unbrauchbare Antwort der CDU/CSU-Minister auch heute wieder in der Regierung Merz. Die kommenden Landtagswahlen in den Bundesländern sind eine Möglichkeit der CDU/CSU die Regierungsmehrheit zu entziehen.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (3. Februar 2026 um 10:18 Uhr)
    Abrisspolitik! Wer nur die Abrissbirne kennt, erkennt in Problemen vor allem Einsparpotenziale. Wer ausschließlich kürzt, verliert den Blick für Innovation, Gestaltung und Zukunft. Eine zukunftsfähige Politik darf nicht vom Streichen leben, sondern braucht Ideen und Perspektiven. Ohne Ideale fehlen einer Gesellschaft langfristig Orientierung und Zuversicht. Die Aufgabe eines Wirtschaftsrats sollte nicht darin bestehen, den Bürgern immer kleinere Kuchen anzubieten, sondern die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass größere Kuchen gebacken werden können.
  • Leserbrief von gerhard keller aus Nordrhein-Westfalen - Witten (3. Februar 2026 um 10:06 Uhr)
    Damit liefert die »christliche Partei« nach der verfassungswidrigen Totalsanktionierung des Bürgergeldes einen weiteren Beitrag zur staatlich organisierten Sterbehilfe. Mit Karies, der keine Zahnschmerzen verursacht, könnte man lange leben. Im schlimmsten Fall folgt eine Myokarditis mit lebensbedrohlichen Folgen. Auch andere Krankheiten im gesamten Körper sind kausal auf unbehandelte Zahndefekte zurückzuführen. Es ist unwahrscheinlich, dass der Wirtschaftskommission diese Folgen ihres schändlichen Verhaltens nicht bekannt sind.
  • Leserbrief von Roland Weinert (2. Februar 2026 um 22:13 Uhr)
    Mir ist in meinem bisherigen Berufsleben (seit 1980) aufgefallen, dass neoliberale (heute libertäre) Gesinnungs-Kapitalismus-Ausbeutungsverbände im Verbund mit den üblichen Verdächtigen von der CDU/CSU wie auch der SPD immer und immer primär auf jene gnadenlos einschlagen, welche das ganze System am Laufen halten, nämlich auf die Otto Normal ArbeitnehmerInnen. Interessant ferner, dass insbesondere solche Sachverständige zu Grausamstem greifen, welche den Beamtenstatus innehaben. Sooo schlecht und so wenig kann der deutsche Otto Normal Arbeitnehmer gar nicht arbeiten, wenn ich mir die Entwicklung des DAXes einerseits sowie die Entwicklungen der Unternehmensrenditen samt Entwicklungen der Top-Manager-/Führungskräftegehälter andererseits im Verlaufe der letzten 25 Jahre anschaue. Die sog. »Agenda 2010« der SPD lieferte Otto Normal ArbeitnehmerInnen der Wirtschaft ans Messer; entrechtete ferner Otto Normal Arbeitnehmer in nie gekanntem Ausmaß nach dem Zweiten Weltkrieg. Und nebenbei bemerkt: Mir ist keine andere Industrienation bekannt, in welcher derart zynisch mit Otto Normal Arbeitnehmer umgesprungen wurde – und dann auch noch seitens einer sog. ‚Arbeiterpartei wie der SPD – wie in Deutschland. Ich sage nur Gabriel / Susanne Neumann/»Gerechtigkeitskonferenz«: https://www.youtube.com/watch?v=frv6S6F-kEI. Für immer höhere Abgaben gibt es immer weniger Gegenleistung der Gesundheitssysteme/des Staates. Und angesichts der von Politik und Wirtschaft allein verschuldeten schlechten Lage fordern Sie nun diverse PolitikerInnen (Wortbruch-Bundeskanzler Merz wie auch Interessenvertretungen, dass Otto Normal Arbeitnehmer die Zeche zahlen soll? Perfider geht es wohl kaum. Allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern kann ich nur dazu aufrufen: Macht kaputt, was Euch kaputtmachen will. Ihr seid der Souverän!
    • Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (3. Februar 2026 um 10:46 Uhr)
      Das Problem ist nur, dass der Souverän immer noch fest daran glaubt, seine Macht auszuüben, indem er am Wahltag eine Stimme abgibt. So wird aus dem Souverän ein Riese mit gefesselten Händen. Er wird wieder lernen müssen, seine Stimme zu behalten und zu gebrauchen. Und dabei auch die Hände wieder freizukriegen, damit man ihm eben all diese Sauereien nicht mehr ungestraft androhen kann. Der Streik im Nahverkehr zeigt: Er hat wirklich die Kraft, alle Räder stillstehen zu lassen, wenn nur sein Kopf das endlich will.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (2. Februar 2026 um 19:09 Uhr)
    Was kann man von einem Verein, der seinen Namen vom MIT plagiieren muss, anderes als solchen Blödsinn erwarten? Wer soll denn das Zeug, das durch (nichtnotwendige) Mehrarbeit erzeugt wird, kaufen? Ein Kapitalist investiert nur, wenn er Aussicht hat, dass seine Profiterwartungen erfüllt werden. Auf den Massenkonsum kann er hierzulande nicht zählen, bleibt nur der staatlich garantierte Umsatz. Durch die vorgesehenen Maßnahmen kommt das variable Kapital durch die größer werdende industrielle Reservearmee unter Druck. Da muss man noch nicht einmal mit Marx argumentieren, gesunder Menschenverstand reicht. Aber wenn man schon Reiche heißt.

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