Station unter Eis
Von Jörg Kronauer
Die Einschätzung der US-Experten ließ keinen Raum für Zweifel. »Die Kontrolle über Grönland ist für die Vereinigten Staaten unverzichtbar.« Diese klare Botschaft habe ihm der Planungs- und Strategieausschuss des Vereinigten Generalstabs bei ihrem Treffen übermittelt, hielt John Hickerson, ein Angestellter des US-Außenministeriums, in einer Aktennotiz fest. Nahezu alle Mitglieder des Gremiums hätten die Auffassung vertreten, »unser wirkliches Ziel mit Blick auf Grönland« müsse es sein, die Insel »durch Kauf von Dänemark zu erwerben«. Geld habe man ja wohl schließlich genug. Das war im April 1946. Die Debatte über das Anliegen der US-Militärs wurde in Washington fortgesetzt. Am 14. Dezember 1946 trug Außenminister James Byrnes die Angelegenheit schließlich seinem dänischen Amtskollegen Gustav Rasmussen vor. Der war sichtlich schockiert. Nach jahrelangen Verhandlungen einigte man sich schließlich auf eine Lösung, mit der beide Seiten gut leben konnten: Ein Abkommen vom 27. April 1951 erlaubte es den USA, Militärbasen auf Grönland zu errichten, und dies faktisch nach Belieben.
Was trieb die Joint Chiefs of Staff 1946 dazu, von der US-Regierung unter Präsident Harry Truman den Kauf Grönlands zu fordern? Es gab mehrere Gründe. Die US-Militärs hatten im Zweiten Weltkrieg Erfahrungen auf der Insel gesammelt, auf der sie ab 1941 Stützpunkte errichtet hatten – dies in Abstimmung mit dem dänischen Botschafter in Washington und mit dem Ziel, nach dem Beginn der deutschen Besatzungsherrschaft in Dänemark ein etwaiges Übersetzen der Wehrmacht in die damalige dänische Kolonie zu verhindern. Dabei zeigte sich: Der Schritt nach Grönland war nicht nur erforderlich, um die Deutschen fernzuhalten und die weltgrößte Kryolithmine im Süden Grönlands zu sichern – Kryolith war unersetzlich in der Aluminiumproduktion. Flugplätze auf Grönland waren außerdem sehr nützlich, um US-Militärflugzeugen auf dem Weg nach Großbritannien die notwendigen Zwischenstopps zu gestatten. Mit dem heraufdämmernden Kalten Krieg kam nun aber noch ein dritter Faktor hinzu: Eine der wichtigsten Routen, die sowjetische Bomber bei etwaigen Angriffen auf die USA hätten nutzen können, verlief über die Arktis.
Dem trugen die USA nach der Unterzeichnung ihres Militärabkommens mit Dänemark im April 1951 rasch Rechnung. Konnten sie auf Grönland zunächst die militärische Infrastruktur nutzen, die sie während des Zweiten Weltkriegs aufgebaut hatten, so errichteten sie nun ihren ersten großen und auf Dauer auch bedeutendsten Stützpunkt: die Thule Air Base an der Küste weit im Nordwesten Grönlands. Zunächst wurden dort Kampfjets und Bomber stationiert: Einerseits sollten etwaige sowjetische Angriffe abgewehrt, andererseits – bei Bedarf – eigene Attacken auf die Sowjetunion mit Hilfe weit vorn stationierter Flugzeuge ermöglicht werden. Im Lauf der Zeit kamen Radareinrichtungen und eine Anlage zur Warnung vor anfliegenden sowjetischen Raketen hinzu. Mit dem Ende des Kalten Kriegs verlor der Stützpunkt zunächst seine strategische Bedeutung und wurde 2020 an die U. S. Space Force übertragen. Seit 2023 heißt er Pituffik Space Base. Er ist die letzte verbliebene US-Militärbasis auf Grönland; die Zahl der dort stationierten Militärs wird mit kaum 200 angegeben.
Das ist fast nichts im Vergleich zu den mehr als 10.000 US-Soldaten, die sich während des Kalten Kriegs zeitweise auf Grönland aufhielten. Ihnen standen laut Angaben des Congressional Research Service in Washington 17 Militärbasen zur Verfügung. Die Zahl der dort installierten Einrichtungen – Flugplätze, Radaranlagen und vieles mehr – wird auf über 50 beziffert. Die US-Streitkräfte unterhielten Häfen, betrieben Wetterstationen und arbeiteten zeitweise an einem Vorhaben, dessen wirkliches Ziel strikt geheimgehalten wurde: »Project Iceworm«. Die Arbeiten begannen 1959 mit dem Bau eines ersten Elements – Camp Century. Dabei handelte es sich um einen Stützpunkt, der östlich der Thule Air Base tief unter der Eisoberfläche errichtet wurde. Die Tunnel, aus denen er bestand, sollen alles in allem nahezu drei Kilometer lang gewesen sein. Bis zu 200 US-Militärs konnten sich dort aufhalten. Die offizielle Darstellung lautete, Camp Century sei eine Forschungsstation.
In Wirklichkeit ging es um viel mehr. Von Camp Century ausgehend, sollte »Project Iceworm« zahlreiche Tunnel mit einer Gesamtlänge von mehreren hundert Kilometern umfassen. Darin sollten bis zu 600 atomar bestückte Mittelstreckenraketen gelagert werden, die man jederzeit auf einem Schienensystem zu den verstreuten Endpunkten der Tunnel hätte bringen können, um die Sowjetunion überraschend über den Nordpol hinweg anzugreifen. Dass das Vorhaben scheiterte und 1967 endgültig aufgegeben wurde, lag nur daran, dass sich die Konstruktion der Tunnel unter dem Eis als zu instabil erwies. Seit fast sechs Jahrzehnten rotten die Reste von Camp Century dort nun vor sich hin. Die Eisschmelze wird sie irgendwann wohl freilegen, mit allem, was die US-Militärs dort hinterlassen haben: Millionen Liter gefrorener Abwässer, Tonnen an Müll, asbestumhüllte Rohre, giftige Bleifarbe, krebserregendes PCB. Die Arktis, nebenbei, gilt als ein hochsensibles Ökosystem.
Hintergrund: Die verlorene Bombe
Der 21. Januar 1968 war der Tag, an dem die US-Streitkräfte in Grönland eine Atombombe verloren. Das hatte etwas mit ihrer damaligen Abschreckungspraxis zu tun. Stets in Furcht, es könne der Sowjetunion gelingen, in einem Erstschlag ihre nukleare Bomberflotte zu zerstören, hatten die USA 1961 eine Operation namens »Chrome Dome« gestartet: Rund um die Uhr hielten sie mit Atomwaffen bestückte B-52-Bomber in der Luft, um im Fall des befürchteten sowjetischen Erstschlags sofort den nuklearen Gegenschlag starten zu können. Die B52-Bomber flogen drei Routen, die sie in relative Nähe zur Sowjetunion brachten – eine über Spanien in Richtung Mittelmeer, eine über den Pazifik in Richtung Ostasien sowie eine nach Grönland, von wo sie über den Nordpol hätten angreifen können.
Das beständige Herumfliegen mit Atomwaffen war hochriskant, und an jenem 21. Januar 1968 ging es schief. Ein B-52-Bomber mit vier B-28-Wasserstoffbomben an Bord geriet über Grönland in Brand und stürzte unweit der Thule Air Base ab. Sofort begann die hektische Suche nach den Bomben, die glücklicherweise nicht scharfgestellt waren, also nicht explodierten. US-Militärs sowie Arbeiter aus Grönland und Dänemark sammelten Trümmer ein, schaufelten Tausende Kubikmeter kontaminiertes Eis zusammen, das dann per Schiff in US-Deponien gebracht wurde. Drei Bomben fanden sie, die vierte nicht; sie war wohl durch das Eis auf den Meeresboden gesunken. Auch die Suche mit einem U-Boot, das die US-Marine prompt zur Unfallstelle entsandte, half nicht; die Bombe blieb verschwunden.
Am 22. Januar 1968 stellten die US-Streitkräfte alle Chrome-Dome-Flüge komplett ein. Der Unfall war allerdings nur der Auslöser: Schon zuvor hatte sich in Washington die Erkenntnis durchzusetzen begonnen, die Weiterentwicklung der Militärtechnologie habe die Maßnahme eigentlich überflüssig gemacht. Dennoch ließ sich Ärger nicht vermeiden. Dänemark hatte sich 1957 offiziell zum atomwaffenfreien Land erklärt. Dass die Vereinigten Staaten das missachteten, kam nicht gut an, auch wenn sich Washington damit herauszureden versuchte, der B-52-Bomber sei nur ausnahmsweise zur Thule Air Base umgeleitet worden. Als 1995 herauskam, dass die B52-Flüge über Jahre kontinuierlich stattfanden und dass die Regierung in Kopenhagen jahrelang angestrengt wegsah, um nicht protestieren zu müssen, löste dies einen Skandal aus. Arbeiter, die Anfang 1968 ohne angemessene Schutzkleidung und ohne Aufklärung über die Risiken Trümmer und kontaminiertes Eis beseitigt hatten, wurden 1995 mit einer geringfügigen Entschädigung abgespeist. Viele von ihnen waren damals bereits an Krebs gestorben. (jk)
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