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Aus: Ausgabe vom 29.01.2026, Seite 1 / Ansichten

Gängelei zur Plackerei

Flexibilisierung der Arbeitszeit
Von Daniel Bratanovic
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Auch in diesem Bürogebäude in München werden Nachtschichten eingelegt. Und dann noch mehr arbeiten? (Symbolbild)

Der Kanzler befiehlt seinem Volk: »Wir müssen mehr arbeiten.« Fragt sich: warum eigentlich? Zu welchem Ende? Für wen? Bevor passende Antworten auch nur erwogen werden können, reiten Regierung und Unionsparteien eine Attacke nach der anderen auf das Arbeitsrecht. In der angezettelten Debatte um den Krankenstand und die telefonische Krankschreibung klingt die Unterstellung an, die Nation sei eine von Blaumachern. Teile der CDU fordern die Abschaffung des Rechts auf Teilzeit, weil sich dahinter nichts als die persönliche Sorge um den eigenen Lifestyle verberge. Jetzt folgt der Angriff auf die bisherige Arbeitszeitbeschränkung.

Gelegentlich der Verabschiedung einer Nationalen Tourismusstrategie durch das Bundeskabinett hieß es aus den Reihen der Regierungsparteien, das Arbeitsministerium werde in den kommenden Monaten einen Entwurf zur »Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes« vorlegen, wonach zukünftig eine wöchentliche statt eine tägliche Höchstarbeitszeit gelten soll. Damit könnte Arbeitstage von bis zu 13 Stunden möglich werden. Lapidarer Satz aus der Agenturmeldung: »Die Tourismusbranche begrüßte dies.«

Der wissenschaftliche Apparat der Gewerkschaften allerdings hat schon im vergangenen Frühjahr auf Risiken für die psychische und körperliche Gesundheit aufmerksam gemacht: vermehrte Unfallgefahr, Burnout, Schlaganfall, Krebs.

Begründet wird die Gängelei zu mehr Plackerei, die den früheren Tod und – Achtung! – einen höheren Krankenstand verspricht, also mit der Behauptung, es werde zuwenig gearbeitet. Gleichgültig, dass Studien zufolge die Produktivität nach acht Stunden sinkt, die Fehleranfälligkeit hingegen steigt. Und macht gar nichts, dass gemessen an geschwächter Nachfrage eher zuviel gearbeitet wird, denn darum geht es gar nicht. Die Ziele sind die alten: erstens die absolute (länger arbeiten) und relative (produktiver, also intensiver arbeiten) Mehrwertrate erhöhen, zweitens das Arbeitskräfteangebot vergrößern, um Druck auf die Löhne auszuüben.

Die Gewerkschaften haben angedeutet, dass eine Abschaffung des Achtstundentags für sie nicht verhandelbar sei. Kommt es zur Arbeitszeitverlängerung per Gesetz, wird man die Gewerkschaften an diese Haltung erinnern müssen. Bleibt es dann bei müden Aktionen, darf man über den weiteren Nutzen dieser Organisationen nachzudenken beginnen.

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  • Leserbrief von Margitta Mattner (30. Januar 2026 um 14:32 Uhr)
    Laut TAZ-Bericht, so lese ich heute in der Medienschau, wird die Bundeswehr Mitte Mai zwecks Werbung ein »Karrierecamp« auf dem Brocken im Harz veranstalten. Jetzt aber, Leute, heraus zum Protest! Jeder kann mitmachen, wirklich jeder und jede! Und das Beste ist: Ihr müsst nicht einmal »heraus«, um zu protestieren, müsst nicht einmal ein selbstgebasteltes Plakat hochhalten, Euch nicht irgendwelcher Gefahr aussetzen. Ihr könnt Euren Protest bequem von zu Hause aus manifestieren, direkt vom Sofa, indem Ihr einfach da sitzen bleibt – oder Euch andere Ausflugsziele sucht. Der Protestaufruf sollte lauten: Wir gehen nicht hin! Wir boykottieren die Bundeswehrwerbung und den damit verbundenen Rüstungswahnsinn! Aber ach, leider werden es nicht wenige Menschen sein, die sich mit Kind und Kegel dorthin begeben, die sich der Faszination der Waffenschau nicht entziehen können. Bedauerlich, denn hier könnte, wenn sich das Interesse an den Mordwerkzeugen in Grenzen hielte, ein Zeichen gesetzt werden. Alle, die ihren Kopf zum Denken haben, sollten sich darin einig sein: Einfach nicht hingehen!! Der Versuchung widerstehen, die »tolle Waffentechnik« aus der Nähe bewundern zu wollen, sich ihre verheerende Wirkung ins Bewusstsein rufen! Nicht hingehen! Dieser Protest wäre vermutlich wirksam und bereitet Euch nicht einmal Mühe!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (28. Januar 2026 um 20:23 Uhr)
    Nachdenken darf man immer, ob frau das »dann bei müden Aktionen« auch tun wird, ist fraglich. Welche Organisation unter welchen Bedingungen für wen welchen Nutzen hat, ist eine spezielle Frage, auf die spezifische Antworten möglich sind.

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