Kartoffelkretin des Tages: Reinhold Würth
Von Felix Bartels
Arbeiten, um zu leben – der Fehler im System Mensch. Im System Kapital leben Menschen, um zu arbeiten. Folglich wird die Elegie vom freizeithungrigen Angestellten periodisch angestimmt, seit 16-Stunden-Tag und Sieben-Tage-Woche abgeschafft wurden.
Heute müssen ein dreizehntes Monatsgehalt und 30 Tage Urlaub gewährt, Inflation ausgeglichen und Lohn bei Krankheit fortgezahlt werden, sogar ein Obstteller soll in der Gemeinschaftsküche stehen. Logischerweise werden Arbeitende da übermütig. Doch nicht mit dem kartoffeldeutschen Schraubenkönig Reinhold Würth, der seinen Jahresumsatz von 20,7 Milliarden Euro ganz allein erarbeitet und davon noch 86.000 Angestellte ernährt. »Wir müssen wieder mehr schaffen in Deutschland«, klagt er in der Augsburger Allgemeinen, »wir müssen fleißiger werden«. Es sei verrückt, aufs Wochenende fallende Feiertage nachzuholen. Wer so was fordert, glaube, dass Geld »wie Schneeflocken vom Himmel« fällt. Natürlich fällt Geld nicht vom Himmel. Milliardäre wie Würth malochen es herbei und füttern damit sogar noch 86.000 Angestellte durch. Doch es »kann einem angst und bange um Deutschland werden: In anderen Ländern wird bei deutlich niedrigeren Stundenlöhnen länger gearbeitet.« Stimmt, in Bangladesch zum Beispiel, wo selbst die Kinder lieber Hosen nähen als zu chillen. Wir aber sind »an der Kante vom Sein zum Vergehen«. Das Deutsch eines Schraubenkönigs kann recht geschraubt sein. »Die Work-Life-Balance wurde immer mehr in Richtung Life-Balance verschoben.« Wer kennt sie nicht, die Balance zwischen Life und Life. Nanananana.
Eins aber weiß Würth: Wir wären würdiger, wären wir würdig wie Würth. Selbst mit 90 arbeite er noch und schwimme »jeden Tag eine halbe Stunde«. Vermutlich in dem Geld, das er selbst gezüchtet hat und damit sogar noch 86.000 Angestellte durchbringt.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Mehr aus: Ansichten
-
Gängelei zur Plackerei
vom 29.01.2026 -
Sinkendes Schiff Sachsen-Anhalt
vom 29.01.2026 -
Hässliche Aussichten
vom 29.01.2026