Gegründet 1947 Donnerstag, 12. Februar 2026, Nr. 36
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 26.01.2026, Seite 3 / Ansichten

Zoff unter Imperialisten

Trump verärgert NATO-Staaten
Von Jörg Kronauer
imago807201208.jpg

So zofft man sich unter Imperialisten. Hat US-Präsident Donald Trump da wirklich gesagt, die NATO-Staaten Europas hätten den USA noch nie beigestanden, und in Afghanistan seien ihre Soldaten, feige wie sie nun mal sind, stets in großem Abstand zur Front geblieben? Da legte prompt eine wirklich ungewöhnliche Koalition von Mark Rutte bis Prinz Harry empört Protest ein: Doch, als Washington nach »9/11« den Bündnisfall ausgerufen habe, eilten ihm die europäischen Verbündeten zu Hilfe. Doch: Sie hatten ebenfalls viele Todesopfer zu beklagen, umgerechnet auf die Bevölkerungsgröße oft mindestens ebenso viele wie die USA. Und eines stimmt ja: Dass der Ballsäle bauende Immobilien- und Kryptomogul den Familien und Freunden der europäischen Toten aus seiner vergoldeten Villa direkt ins Gesicht rotzt, indem er ihre Opfer ignoriert, ist widerwärtig. Beistand einfordern und dann auf ihn spucken, das spricht für sich.

Dennoch – die gesamte Debatte um die getöteten Soldaten aus Europa ist ignorant. Der Krieg, den der Westen in Afghanistan führte, brachte vor allem afghanischen Zivilisten den Tod; Hunderttausende fielen ihm zum Opfer. Westliche Truppen begingen reihenweise Kriegsverbrechen; manche – vor allem US-Militärs und -Agenten – folterten und ermordeten afghanische Gefangene; nächtliche Überfälle auf Dörfer und Gehöfte, bei denen ganze Familien dahingemetzelt wurden, waren Legion. Letzten Endes erwies sich der zwei Jahrzehnte dauernde Afghanistan-Krieg mit all seinen Grausamkeiten gegenüber der Zivilbevölkerung als denkbar mörderischste Methode, die Taliban zurück an die Macht zu bringen. Die afghanischen Opfer aber, die Opfer der unterworfenen Bevölkerung, sind im Zoff unter Imperialisten wie üblich völlig egal. Auch in Europa.

Dabei geht die Debatte in anderer Hinsicht glatt in die Irre. Denn wer Trump und seine Clique am Wahrheitsgehalt ihrer Äußerungen misst, hat schon den ersten Fehler begangen. In Zeiten von X, Grok und Grokipedia geht es weniger denn je um Wahrheit; es geht um Lautstärke und um Macht. Wenn Trump Europas Streitkräfte denunziert, geht es darum, US-Dominanz zu manifestieren. Es gab eine Ära, da konnte man derlei als Propaganda einstufen und mit Aufklärung versuchen, dagegen zu halten. Die Trumpsche Herrschaftsmethode beruht nun aber darauf, mit systematischen Lügen, gebrüllten Frontalattacken auf Social Media und einer zur Perfektion gesteigerten Arroganz alles, was einmal als Wahrheit galt, zu zertrümmern und die eigene politische Basis zu befeuern. Europa? Man soll es verachten, deshalb waren seine Soldaten feige. Venezuela? Es wird unterworfen; also war sein Präsident ein Drogendealer oder was auch immer. Hängen bleibt: Maduro muss weg; Europa ist Vasall. Wer bessere Argumente zu haben meint, wird von Karoline Leavitt, X und Grok hinweggefegt. Wahrheit ist maschinell austauschbar geworden.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (26. Januar 2026 um 14:58 Uhr)
    In der Geschichte der Menschheit sind Despoten noch nie mit Argumenten besiegt worden. Es waren stets die Gesetze der Physik, auf die am meisten Verlass war. Und zuweilen traf eine Kugel auch präzise ihr Ziel – und nicht bloß ein Ohr. Die Hoffnung bleibt!

Ähnliche:

  • Von den vollmundigen Ankündigungen verschiedenster deutscher Ste...
    08.12.2025

    »Wir bleiben«

    An den »Grenzen der Analysefähigkeit«. Deutsches Regierungspersonal zum Doha-Abkommen und dem Abzug aus Afghanistan. Bilanzen eines überflüssigen Krieges 2001–2021 (Teil 2 und Schluss)
  • Laut US-Militärs wurde der Krieg in Afghanistan mit unklaren Zie...
    06.12.2025

    Illusion des Erfolgs

    Der Krieg in Afghanistan war entgegen den öffentlichen Verlautbarungen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Bilanzen eines überflüssigen Krieges 2001–2021 (Teil 1 von 2)
  • Die Wiederbewaffnung der BRD stieß in der Bevölkerung nicht gera...
    12.11.2025

    Wieder zurück an der NATO-Ostflanke

    Von der Armee des »Frontstaats« im Kalten Krieg über weltweite Einsätze bis zur erneuten Rüstung gegen Russland. Eine kurze Geschichte der Bundeswehr, die vor 70 Jahren gegründet wurde

Regio:

Mehr aus: Ansichten