Zoff unter Imperialisten
Von Jörg Kronauer
So zofft man sich unter Imperialisten. Hat US-Präsident Donald Trump da wirklich gesagt, die NATO-Staaten Europas hätten den USA noch nie beigestanden, und in Afghanistan seien ihre Soldaten, feige wie sie nun mal sind, stets in großem Abstand zur Front geblieben? Da legte prompt eine wirklich ungewöhnliche Koalition von Mark Rutte bis Prinz Harry empört Protest ein: Doch, als Washington nach »9/11« den Bündnisfall ausgerufen habe, eilten ihm die europäischen Verbündeten zu Hilfe. Doch: Sie hatten ebenfalls viele Todesopfer zu beklagen, umgerechnet auf die Bevölkerungsgröße oft mindestens ebenso viele wie die USA. Und eines stimmt ja: Dass der Ballsäle bauende Immobilien- und Kryptomogul den Familien und Freunden der europäischen Toten aus seiner vergoldeten Villa direkt ins Gesicht rotzt, indem er ihre Opfer ignoriert, ist widerwärtig. Beistand einfordern und dann auf ihn spucken, das spricht für sich.
Dennoch – die gesamte Debatte um die getöteten Soldaten aus Europa ist ignorant. Der Krieg, den der Westen in Afghanistan führte, brachte vor allem afghanischen Zivilisten den Tod; Hunderttausende fielen ihm zum Opfer. Westliche Truppen begingen reihenweise Kriegsverbrechen; manche – vor allem US-Militärs und -Agenten – folterten und ermordeten afghanische Gefangene; nächtliche Überfälle auf Dörfer und Gehöfte, bei denen ganze Familien dahingemetzelt wurden, waren Legion. Letzten Endes erwies sich der zwei Jahrzehnte dauernde Afghanistan-Krieg mit all seinen Grausamkeiten gegenüber der Zivilbevölkerung als denkbar mörderischste Methode, die Taliban zurück an die Macht zu bringen. Die afghanischen Opfer aber, die Opfer der unterworfenen Bevölkerung, sind im Zoff unter Imperialisten wie üblich völlig egal. Auch in Europa.
Dabei geht die Debatte in anderer Hinsicht glatt in die Irre. Denn wer Trump und seine Clique am Wahrheitsgehalt ihrer Äußerungen misst, hat schon den ersten Fehler begangen. In Zeiten von X, Grok und Grokipedia geht es weniger denn je um Wahrheit; es geht um Lautstärke und um Macht. Wenn Trump Europas Streitkräfte denunziert, geht es darum, US-Dominanz zu manifestieren. Es gab eine Ära, da konnte man derlei als Propaganda einstufen und mit Aufklärung versuchen, dagegen zu halten. Die Trumpsche Herrschaftsmethode beruht nun aber darauf, mit systematischen Lügen, gebrüllten Frontalattacken auf Social Media und einer zur Perfektion gesteigerten Arroganz alles, was einmal als Wahrheit galt, zu zertrümmern und die eigene politische Basis zu befeuern. Europa? Man soll es verachten, deshalb waren seine Soldaten feige. Venezuela? Es wird unterworfen; also war sein Präsident ein Drogendealer oder was auch immer. Hängen bleibt: Maduro muss weg; Europa ist Vasall. Wer bessere Argumente zu haben meint, wird von Karoline Leavitt, X und Grok hinweggefegt. Wahrheit ist maschinell austauschbar geworden.
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