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Aus: Ausgabe vom 26.01.2026, Seite 1 / Ansichten

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Gespräche über ­Beendigung des ­Ukraine-Kriegs
Von Reinhard Lauterbach
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Angesichts der Verschwiegenheit, die alle drei Seiten nach den Gesprächen in Abu Dhabi bisher gewahrt haben, muss man versuchen, Schlüsse aus Äußerlichkeiten zu ziehen. Da wäre zunächst die Tatsache zu erwähnen, dass schon in einer Woche die nächste Gesprächsrunde stattfinden soll. Immerhin. Früher hatten sowohl die russische als auch die ukrainische Seite Verhandlungen immer bis auf weiteres verschoben. Was also ist jenes »Weitere«, das jetzt die Frist bis zur nächsten Runde verkürzt? Klar, darauf drang wohl vor allem die US-Seite, deren Präsident langsam Ergebnisse sehen will.

Für einen gewissen, neuerdings eingezogenen Pragmatismus auf allen Seiten spricht entgegen dem ersten Anschein allerdings der Umstand, dass die Delegationen auf russischer Seite vollständig und auf ukrainischer überwiegend aus Militärs und Geheimdienstlern bestanden. Denn über deren informelle Kontakte sind seit Kriegsbeginn diejenigen Gespräche geführt worden, die immerhin zum Austausch von Kriegsgefangenen und Gefallenen geführt haben.

Nur geht es im Kern jetzt nicht um solche technischen Einzelheiten, sondern um Fragen, die nur politisch zu entscheiden sind: die Zukunft des Donbass, die »Sicherheitsgarantien« für Kiew und künftige »Friedenstruppen«. Für beide Seiten hängt viel politisches Prestige daran, welches Ergebnis sie jeweils ihrer Öffentlichkeit präsentieren und damit den Krieg im späteren Frieden rechtfertigen können.

Für Russland ist es letztlich womöglich gar nicht so schlecht, wenn sich die Selenskij-Administration hier noch eine Weile ziert. Denn das ist ein Spiel auf Zeit, die der Ukraine wegläuft: Jede weitere Zerstörung eines Kraftwerks macht es ihr schon technisch schwieriger, weiterzukämpfen. Zweitens und in Verbindung damit macht jedes weitere Zögern der ukrainischen Seite ihren europäischen Unterstützern deutlicher, dass von der Regierung in Kiew außer Kosten nichts zu erwarten ist. Russland spielt über die Bande. Es weiß, dass es sich politisch an der ukrainischen Regierung die Zähne ausbeißt; den entsprechenden Druck auf Kiew soll der Westen ausüben. Wenn es dem denn um Frieden in der Ukraine geht.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (26. Januar 2026 um 11:29 Uhr)
    Fakt ist: Wir wissen nicht, worüber genau verhandelt wurde. Sicher ist nur, dass Russland von Anfang an seine erklärten Ziele verfolgt. Die Krim war nie Verhandlungsgegenstand. Die vier Oblaste sowie eine stark reduzierte ukrainische Militärpräsenz entsprechen von Anfang an russischen Forderungen. Ohne eine Einigung in der territorialen Frage gemäß der »Formel von Anchorage« werde es keine Friedenslösung geben! Unter der »Formel von Anchorage« versteht Moskau den während des russisch-amerikanischen Gipfels im August in Alaska besprochenen Rückzug der Ukrainer aus den noch nicht russisch besetzten Teilen des Donbass und die Schaffung einer entmilitarisierten Zone dort. Russland habe zwar einer Freihandelszone im Donbass zugestimmt – eine Idee, die die Amerikaner vorantreiben –, beharre aber auf der Kontrolle durch die Nationalgarde. Diese ist nicht Teil der Armee, aber integraler Bestandteil der russischen Kriegsführung. Die Ukraine lehnt aber es ab. Mein persönlicher Eindruck: Der Krieg wird wahrscheinlich bis zu den Zwischenwahlen in den USA fortgesetzt. Gewinnt Trump, könnte möglicherweise eine Lösung gefunden werden. Wenn nicht, wird die Ukraine weiter territorial schrumpfen – wohl ohne Kontrolle über die Schwarzmeerküste.
    • Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (26. Januar 2026 um 15:45 Uhr)
      Das zentrale Moment waren nie Territorialfragen. Das zentrale Moment war von Anfang an, dass die NATO das Messer wieder vom Hals Russlands zurücknimmt, das seit 1990 schrittweise dorthin vorgeschoben wurde. Über alles andere kann man reden und Kompromisse erzielen. Über seine Sicherheit wird Russland nie wieder mit sich reden lassen. Dazu brennen die Wunden der letzten zweihundert Jahre zu schmerzhaft.

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