Die »eurasische Option«
Grönland, Davos, Trump, Trump und nochmals Trump. Noch immer sind die Schockwellen, die spätestens seit Jahresbeginn die Staaten der Europäischen Union erfasst haben, nicht abgeklungen. Langsam, aber sicher verbreitet sich in Paris, Brüssel oder Berlin die Erkenntnis von der transatlantischen Obdachlosigkeit. Die USA und deren schützender Schirm scheinen mit einem Mal weit weg. Allein, allein. In dieser Lage kennen die überregionalen Zeitungen denn auch immer noch kein anderes Thema.
Josef Kleinberger versucht es in der Süddeutschen Zeitung mit ein bisschen Galgenhumor: »Herzlichen Dank für die Grönland-Show, Mister President! So viel Interesse an der Europäischen Union gab es in Deutschland schon lange nicht mehr.« In München weiß man ungefähr um die Widersprüche, die eine ernstzunehmende politische Einheit der EU verhindern, was den Zweckoptimismus nicht trüben soll: »Vielleicht ist die Hoffnung naiv. Aber die Staats- und Regierungschefs, zumindest die allermeisten von ihnen, haben sich (…) geschworen, jetzt definitiv an einem unabhängigen Europa zu arbeiten.«
Gleicher Inhalt, im Ton aber deutlich schriller Jacques Schuster in der Welt am Sonntag: »Wacht endlich auf! Sonst werdet ihr zertreten. Die Welt, aus der ihr stammt, gibt es nicht mehr. (…) Die Vereinigten Staaten unter ihrem Präsidenten Donald Trump haben aufgehört, das zu sein, was sie seit 1776 waren. (…) Aus und vorbei«. Schuster sitzt im Panic Room: »Europa muss endlich lernen, so zu handeln, als wäre es allein in der westlichen Welt. (…) Europa darf niemals wieder ein Sandkorn im Sturm der Weltpolitik sein«. Wer alle Maßstäbe verliert, droht ins Delirium zu fallen.
Die entstandene Einsamkeit spürt am deutlichsten der gekränkte Berthold Kohler in der FAS. »Trumps Amerika ist nicht mehr das Land, das die Transatlantiker in Europa so schätzten, wenn nicht gar liebten. (…) Die Bande zu Europa hat Trump wie mit einer Kettensäge zertrennt«. Nur vier Jahre nach der ersten ist die »zweite Zeitenwende« angesagt, weshalb jetzt alte Vorschläge zu neuem Recht kommen müssen: Mangelt es am übergreifenden Willen aller Staaten der EU zu mehr Einigkeit, »darf die Idee von einem Kerneuropa nicht länger nur ein Gedankenspiel bleiben. Deutschland und Frankreich müssen dieses Projekt anführen«.
Deutlich frischer als diese olle Kamelle ist der Vorschlag von Eric Gujer in der NZZ. Wenn Trump so weitermache, »kommt Europa nicht umhin, eine Neuorientierung seiner Bündnispolitik in Betracht zu ziehen. (…) Die Alternative ist eine Annäherung an China.« Klingt ungewöhnlich, aber »die Umkehr der Bündnissysteme in kurzer Zeit, ereignete sich in der europäischen Geschichte (…) immer wieder«. Die »eurasische Option« – das ist, was US-amerikanische Geopolitik noch nie akzeptieren konnte. (brat)
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