Provinz mit Perspektive
Von Wolfgang Müller
Sofern hierzulande überhaupt jemand etwas mit dem Begriff »Xinjiang« verbinden kann, assoziiert der Name dieser chinesischen Provinz wahrscheinlich brutale Verfolgung und (kulturelle) Auslöschung einer ganzen Ethnie, der Uiguren – ein Turkvolk, meistens Muslime. Verfolgt und ausgelöscht von der chinesischen Regierung wegen ihrer Religion und weil sie keine Han-Chinesen sind. So lautet die im Westen gängige Erzählung.
Im vergangenen Jahr bekam ich die Einladung vom chinesischen Außenministerium, an einer Reise von ausländischen Journalisten und Publizisten durch Xinjiang teilzunehmen. Zweifellos wollte das Außenministerium damit eine positive Botschaft von der Lage der offiziell Autonomes Uigurisches Gebiet Xinjiang benannten Region verbreiten. Mir war klar, wir würden keine Gefängnisse oder Arbeitslager sehen. Aber ich wollte verstehen, was dran ist an den Berichten von der brutalen chinesischen Repression gegen die Uiguren.
Der Gesamteindruck aus den drei großen Städten, die wir besuchten (wir waren nicht in den ländlichen Regionen): Das Leben ist nicht anders als sonstwo in China. Das gilt auch für die Polizeipräsenz und die angebliche Überwachung rund um die Uhr. Kein Vergleich zu der im Frühjahr 2022 persönlich erlebten Militärpräsenz etwa in Jerusalem oder in den besetzten palästinensischen Gebieten. Im Straßenbild in Xinjiang mischen sich Menschen verschiedenster Ethnien. Straßenschilder, offizielle Aushänge etc. sind in Mandarin und in arabischen Schriftzeichen. Xinjiang wird mit umfassenden staatlichen und privaten Investitionen entwickelt, den Menschen dort geht es vergleichsweise gut, sie haben eine Perspektive. Die Provinz mit ihren wundervollen Landschaften ist inzwischen auch Ziel von Millionen chinesischer Touristen.
Soweit das Auge reicht
In unserer Reisegruppe waren 24 Journalisten, Schriftsteller und Medienvertreter aus 19 Ländern. Unsere achttägige Tour führte von der Provinzhauptstadt Ürümqi nach Südwesten ins 1.500 Kilometer entfernte Kaschgar (chinesisch: Kashi) mit mehrheitlich uigurischer Bevölkerung und in die Region Ily im Nordwesten.
Xinjiang nimmt über 17 Prozent der Fläche von ganz China ein und grenzt an die Äußere Mongolei, Russland, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Afghanistan und Pakistan. Es ist also »Grenzland«, was auch der chinesische Name für die Region, »neue Grenze«, reflektiert. Große Teile sind Wüste oder unwirtliche Hochgebirge; der zweithöchste Gipfel der Welt, der K2, liegt in Xinjiang. Das Gebiet ist dünn besiedelt mit nur 15 Einwohnern pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: In der Provinz Shandong an Chinas Ostküste leben 646 Menschen auf derselben Fläche. Von den knapp 26 Millionen Einwohnern (2020) sind 45 Prozent Uiguren und 40 Prozent Han-Chinesen. Der Rest verteilt sich auf andere Ethnien wie Hui, Kasachen, Kirgisen, Mongolen, Tadschiken, Usbeken, Russen und Tibeter.
Xinjiang ist wegen seiner exponierten Lage zum benachbarten Zentralasien, zum indischen Subkontinent und als Einfallstor ins chinesische Kernland historisch eine begehrte und umkämpfte geopolitische Region. Für das chinesische Kaiserreich waren die Kontrolle und Sicherung der westlichen Grenzen eine strategische Aufgabe. Davon zeugen alte Festungen, zum Beispiel in der Gegend von Ily nahe der Grenze zu Kasachstan. Für jeweils fünf Jahre schickte der Kaiser Beamte aus Beijing als Kommandanten nach Ily. Wenn sie sich bewährt hatten, wurden sie nach dem System der Meritokratie, der Auswahl nach Leistung, befördert. Als Arbeitskräfte wurden Strafgefangene eingesetzt. Denn Xinjiang war auch eine kaiserliche Strafkolonie. Und schon im vorletzten Jahrhundert siedelten sich Han-Chinesen aus dem überbevölkerten Ostchina in der Provinz an.
Nach dem Zerfall des Kaiserreichs 1911 gehörte dieser Landesteil formal zur Republik China. In Xinjiang wie anderswo in Zentralasien entstanden damals politische Bewegungen für nationale Unabhängigkeit. 1947 wurde mit Unterstützung der sowjetischen KPdSU die kommunistisch geführte Volksrepublik Ostturkestan gegründet. Chinas Volksbefreiungsarmee war zu der Zeit damit beschäftigt, die Bauern in Chinas Landgebieten und schließlich die großen Städte zu befreien. Nach Ausrufung der Volksrepublik 1949 übernahm die chinesische Regierung auch die Kontrolle über die Grenzprovinzen Tibet und Xinjiang.
Als 40 Jahre später die Sowjetunion zerfiel und die an Xinjiang angrenzenden früheren Sowjetrepubliken ihre staatliche Unabhängigkeit erklärten, bekam auch der uigurische Separatismus einen neuen Schub. Die Nachbarschaft zu Afghanistan, wo US-gesponserte Islamisten wenige Jahre zuvor die sowjetischen Besatzungstruppen vertrieben hatten, tat vermutlich ein übriges. In Xinjiang begann eine Welle des separatistischen, islamistischen Terrors.
Brücke statt Extremismus
Bildung, Infrastruktur und wirtschaftliches Wachstum sind elementare Voraussetzungen für gesellschaftliche Entwicklung. Damit hat die chinesische Politik letztlich auch die sozialen Wurzeln von Extremismus und Separatismus in Xinjiang erfolgreich bekämpft.
Xinjiang hat viele Bodenschätze – darunter Öl und Gas und Polysilizium als Rohstoff für die Solarindustrie. Die Landwirtschaft produziert Wein, Obst und Milchprodukte im Nordwesten und Baumwolle. Ein Viertel der Baumwollproduktion der ganzen Welt stammt von hier. Die Wirtschaft wuchs zuletzt um sieben Prozent, deutlich über dem Landesdurchschnitt.
Zwar ist die Region weit entfernt von Chinas wirtschaftlichen Zentren: Bis Shanghai sind es fast 4.000 Kilometer. Aber Xinjiang spielt als Brücke nach Eurasien und nach Europa eine zentrale Rolle im Projekt der »Neuen Seidenstraße«. Schon seit Jahrtausenden wird die Region von Karawanen durchquert. Ausstellungen in den Museen belegen die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung dieser alten Handelswege durch die eurasische Landmasse. Heute sind modernste Logistikzentren für die Route über Kasachstan und im Süden bei Kashgar für den Weg über Tadschikistan entstanden.
In Industrieparks investieren vor allem Unternehmen aus Ost- und Südchina. Der Bahnkonzern CRCC baut riesige Maschinen zur Baumwollernte. Der staatliche Autobauer GAC aus dem Perlflussdelta montiert in Ürümqi Elektroautos. Ein Privatunternehmen produziert nahe der Grenze zu Kasachstan Batterien. Für alle Beschäftigten gelten die gleichen Arbeitsbedingungen und die gleiche Bezahlung.
Westliche Investoren sind aber kaum vertreten. VW hat sein über zehn Jahre bestehendes Montagewerk in Ürümqi wieder geschlossen – wohl auf Druck der USA und westlicher NGOs. Auch hinter der nagelneuen Textilmaschinenfabrik der schweizerischen Saurer-Gruppe in Ürümqi mit den Marken Saurer, Emag und Schlafhorst steckt kein westlicher Investor, sondern ein privater Konzern aus Shanghai, der schon vor Jahren diese Perlen des europäischen Textilmaschinenbaus übernommen hat.
Weil Xinjiang dünn besiedelt ist und zudem Kontinentalklima hat mit viel Sonne und Hitze im Sommer und Kälte im Winter, ist es ein idealer Standort für riesige Solarparks. Aus dem Flugzeug gewinnt man einen Eindruck davon, in welchem Tempo China den Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energieträger speziell im Westen des Landes vorangetrieben hat. Mehrere Gleichstromhochspannungsleitungen transportieren die Energie fast verlustfrei über Tausende Kilometer in die ostchinesischen Metropolen.
Findet in Xinjiang ein kultureller Genozid an den Uiguren statt? Werden Uiguren zwangsweise sinisiert? So der modifizierte Tenor der westlichen Propaganda, nachdem ein Völkermord nicht belegt werden konnte.
Auf unserer Reise durch Xinjiang gab es keine Hinweise auf eine massive Unterdrückung der uigurischen Kultur und der Traditionen und Bräuche. Die Freiheit, die Sprache der eigenen Ethnie oder Nationalität zu nutzen und weiterzuentwickeln, ist in der chinesischen Verfassung festgeschrieben. Die offizielle Zeitung Xinjiang Daily erscheint täglich viersprachig. Verlage publizieren Zeitschriften und Bücher in sechs Sprachen. Auch das Lehrmaterial ist mehrsprachig, wie wir bei zwei Besuchen in Kindergärten erfahren haben. China versteht sich als multiethnischer Staat, der kulturelle Diversität fördert. Chinesische Wissenschaftler betonten, die natürliche Integration und die Inklusion aller Ethnien seien ein Ziel Chinas. Gleichzeitig ist Mandarin die universelle, die Staatssprache. Die einheitliche sprachliche Grundlage fördert den Zusammenhalt und eröffnet Arbeitsperspektiven im ganzen Land.
Allerdings wird die Turksprache Uigurisch an den Schulen nur bis zur unteren Mittelschule unterrichtet. Das kann man kritisieren. Auch chinesische Studien zeigen, dass in Han-Schulen in Ürümqi teilweise schon das Sprechen der uigurischen Sprache sanktioniert wird. Der Sinologe Thomas Heberer zitiert in einem 2024 erschienenen Debattenband zur Region Berichte von Wissenschaftlern, die diskriminierendes Verhalten von hanchinesischen Funktionären gegenüber Uiguren festgestellt haben.
Zur Kulturpolitik in Xinjiang gehören auch über 100 öffentliche Bibliotheken, 60 Museen und 50 Kunstgalerien. Im vorwiegend uigurisch geprägten Kashgar gibt es ein modernes Wissenschaftsmuseum über vier Ebenen, das in der Qualität mit dem Deutschen Museum in München vergleichbar ist und das auch neueste Entwicklungen wie KI und Robotik verständlich und erlebbar macht.
In China gilt Religionsfreiheit. Moscheen, buddhistische oder taoistische Tempel sowie christliche Kirchen werden von vielen Gläubigen besucht. Die Religionspolitik unterbindet aber jede Einmischung von außen. Das gilt für den Vatikan ebenso wie für fundamentalistische US-Evangelikale, für muslimische Religionskrieger oder für den Dalai Lama.
Die strikte Trennung von Religion und Staat hindert die chinesischen Staatsorgane nicht daran, die Renovierung oder den Neubau von Kirchen, Moscheen und Tempeln zu finanzieren. So steht in Ürümqi eines von landesweit zehn islamischen Instituten mit Platz für 1.000 Studenten und angeschlossenem Internat, an dem auch künftige Imame ausgebildet werden. Natürlich sollen gläubige Muslime damit auch auf den chinesischen Staat festgelegt werden. Im katholischen Dom in Beijing gehört das Bekenntnis zur KPCh auch zum Glaubensbekenntnis.
Lage stabilisiert
Eine große Ausstellung in Ürümqi informiert über den uigurischen Terrorismus und Separatismus in der Region und in ganz China. Das ganze Ausmaß des Terrors zwischen 1990 und 2016 ist im Westen kaum bekannt. Nur ein paar Beispiele: In einem Pogrom töteten uigurische Islamisten 2009 in Ürümqi mehr als 200 Han-Chinesen und fackelten ganze Straßenzüge ab. Zwei Jahre später fuhren uigurische Terroristen auf dem Tiananmen-Platz in Beijing mit einem Lkw in eine Menschenmenge und töteten Dutzende. Vor dem Hauptbahnhof Kunming wurden 2014 mit Macheten über 30 Menschen massakriert.
Es ist wahrscheinlich, dass das CIA-Pentagon-Terrorismus-Franchise im benachbarten Afghanistan im Zusammenspiel mit uigurischen Islamisten eine perfekte Kampagne zur Destabilisierung von Xinjiang inszeniert hat. Dafür gibt es viele Belege. So berichtete die frühere FBI-Mitarbeiterin Sibel Edmonds auf der Plattform X, die USA hätten zwischen 1996 und 2002 jede einzelne terroristische Aktion in Xinjiang geplant, finanziert und logistisch unterstützt. Ein hoher US-General nannte 2018 drei Gründe für die US-Truppen in Afghanistan; einer davon war die Nachbarschaft zu Xinjiang und damit die mögliche US-Einflussnahme auf China.
Spätestens nach dem Massaker 2009 in Ürümqi gab es viele Stimmen, vor allem in den sozialen Medien in China, die der Regierung Versagen vorwarfen. Sie habe die Bürger nicht geschützt, außerdem werde in die Gebiete der ethnischen Minderheiten zuviel Geld gesteckt. Besonders die Uiguren und die Tibeter seien undankbar. Im tibetischen Lhasa hatte es 2008, punktgenau zur Olympiade in Beijing, ein Pogrom gegen Han-Chinesen mit Dutzenden Toten gegeben.
Nach den Terroranschlägen in Xinjiang wurden in anderen Provinzen Lokalbehörden auf eigene Faust aktiv und stoppten mit der lokalen Polizei Züge mit Arbeitsmigranten aus der Provinz. Die Züge sollten eigentlich in die Industriegebiete an der Ostküste fahren, mussten aber umkehren. Nach Berichten aus dem Perlflussdelta, dem Herz der »Fabrik der Welt«, weigerten sich Unternehmer, Uiguren zu beschäftigen. Das sei ein Sicherheitsrisiko, außerdem könnten sie nicht gut arbeiten.
Gegen den islamistischen Terror legte die chinesische Regierung ein massives Repressionsprogramm auf. Es zielte vor allem auf Uiguren. Dabei wurden zeitweilig auch persönliche Freiheitsrechte außer Kraft gesetzt, wie chinesische Behördenvertreter eingeräumt haben. Es kann als sicher gelten, dass Uiguren zeitweilig zur Umschulung und politischen Bildung in Arbeitslager gesteckt wurden. Aber die in manchen deutschen Medien ständig wiederholte Zahl von zeitweilig ein bis zwei Millionen Uiguren in Arbeitslagern erscheint absurd bei knapp zwölf Millionen uigurischen Einwohnern Xinjiangs insgesamt – inklusive Kleinkindern und Alten. Offensichtlich hat die chinesische Regierung die Situation in der Autonomen Provinz erfolgreich stabilisiert. Das hat auch unsere Reise gezeigt. Ob der politische Preis dafür zu hoch war, ist schwer zu beurteilen.
Georg Gesk, Thomas Heberer, Norman Paech, Monika Schaedler, Helwig Schmidt-Glintzer (Hg.): Xinjiang – eine Region im Spannungsfeld von Geschichte und Moderne. Beiträge zu einer Debatte. Lit-Verlag, Münster 2024
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
ullstein bild/picture alliance11.10.2024An der Grenze
Henning Kaiser/dpa14.03.2024Bedingungslose Einheit
REUTERS/Shamil Zhumatov07.03.2016Handel statt Krieg
Regio:
Mehr aus: Wochenendbeilage
-
»Geh in die DDR, lerne dort einen Beruf«
vom 24.01.2026 -
Hofhunde des Kapitals
vom 24.01.2026 -
Achterbahnfahrt im Davos-Zirkus
vom 24.01.2026 -
Der Hase schlägt Haken
vom 24.01.2026 -
Suaasat
vom 24.01.2026 -
Kreuzworträtsel
vom 24.01.2026