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Aus: Ausgabe vom 24.01.2026, Seite 2 / Ansichten

Merz sieht blau

Kanzlers Wut über Krankheitstage
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Wer Zeit für Lohn verausgabt, sollte verstehen, was er ist: variables Kapital. So kann er noch froh sein, wenn man ihm wenigstens dasselbe Recht einräumt wie dem konstanten Kapital. Produktionsmittel werden aus dem Betrieb genommen und repariert, wenn sie kaputt sind. Krankgemeldete Menschen dagegen müssen mit dem latenten Verdacht der Blaumacherei leben. So hatte Friedrich Merz denn bloß ausgesprochen, was solche, die von der Arbeit anderer leben, lieber denken als sagen. In Bad Rappenau bezeichnete er Krankmeldungen als »Wachstumsbremse«. 14,5 Krankentage pro Jahr nehme ein Beschäftigter in Deutschland. »Das sind fast drei Wochen … Ist das wirklich notwendig?« Notwendig nicht, unvermeidlich. Doch Merz weiß, dass drei Wochen auf jeden Fall zuviel sind. Woher er das weiß, weiß er allein. Da er kaum an jedem Krankenbett stehen kann, dürfte die Einschätzung aus Common sense gebildet sein. Blaumacher gibt es schließlich immer. Schon recht, nur Leute, die sich malad zur Arbeit schleppen, halt auch. Was den Mann, der Interessen zu vertreten hat, natürlich weniger interessiert.

Merzens Zorn über Krankschreibungen provozierte erstaunlich gesunde Reaktionen. Der Vorsitzende der KV Nordrhein, Frank Bergmann, bezeichnete die Debatte über telefonische Krankschreibungen gegenüber der Zeit als »Phantomdiskussion«. Der vergleichsweise hohe Krankenstand lasse sich durch die vergleichsweise niedrige Zahl telefonischer Meldungen gar nicht erklären. »Nach Angaben des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung machen telefonische Krankschreibungen bundesweit lediglich 0,9 Prozent aller Fälle aus.«

Auch die Süddeutsche Zeitung zieht vor, dem kapitalfreundlichen Bias des Kanzlers mit Zahlen statt mit ideologiekritischer Dekon­struktion zu begegnen. »Sieben bis acht Prozent« räumen in Umfragen ein, 2025 »auch mal ohne triftigen Grund auf der Arbeit gefehlt« zu haben, allerdings stehen dem »24 Prozent gegenüber«, die gegen »den ausdrücklichen Rat ihres Arztes« arbeiten gegangen sind, zitiert das Blatt den Soziologen Helmut Schröder vom Wissenschaftlichen Institut der AOK. Seit 2024 sei die Zahl der Krankmeldungen zudem rückläufig. Und ebenfalls interessant: Kurze Krankschreibungen (bis sieben Tage) machen 69 Prozent der Fälle aus, in Tage umgerechnet aber nur 21,1 Prozent, langzeitige hingegen (mehr als sechs Wochen): 3,3 der Fälle, 42,1 in Tagen. Merz verzerre also das Bild. »Mehr als ein Drittel der Beschäftigten ließ sich 2024 übrigens überhaupt nicht krankschreiben.«

Im Merkur packt die Psychologin Ivon Ames die Sache von einer anderen Seite. Es müsse »schon viel in der Beziehung zwischen Arbeitgeber und -nehmer kaputtgegangen sein«, wenn oft blaugemacht wird. Häufig handle es sich dabei um »Selbstschutz« – »der letzte Ausweg vor Arbeitsbedingungen, die ich nicht mehr aushalte«. (fb)

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (24. Januar 2026 um 21:46 Uhr)
    Mit diesem Thema – und noch dazu zur Unzeit, da eine hartnäckige Wintererkältungswelle das ganze Land heftig überzieht – hat der Möchtegern-Cheerleader Freddy March sich mal wieder ebenso heftig selber hinten reingetreten. Das kann er nun mal, das muss man ihm lassen. Nur gutfinden muss man solche nach billigem Applaus haschenden zynischen Verbalverrenkungen dennoch nicht unbedingt.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (24. Januar 2026 um 10:34 Uhr)
    Merz sieht blau – und entdeckt den Sündenbock. Wer Krankmeldungen kurzerhand zur »Wachstumsbremse« erklärt, erspart sich die mühsame Beschäftigung mit Ursachen. Zahlen und Fakten zeichnen zwar ein anderes Bild, aber sie sind bekanntlich weniger dankbar als ein moralischer Zeigefinger. Von massenhafter Blaumacherei kann jedenfalls keine Rede sein – auch wenn sich diese Erzählung politisch erstaunlich bequem macht. Wenn sich ein Drittel der Arbeitnehmer 2024 kein einziges Mal krankmeldete, wirkt die Empörung über angebliche Fehlzeiten nicht nur überzogen, sondern fast schon ehrgeizig. Statt strukturelle Probleme anzugehen, wird ein Schuldiger präsentiert – idealerweise einer, der weder Lobby noch Pressestelle hat. Die Aufgabe eines Bundeskanzlers ist es eigentlich nicht, Sündenböcke zu identifizieren oder einfache Erklärungen zu liefern. Seine Aufgabe wäre, still und wirksam dafür zu sorgen, dass es vorwärtsgeht. Doch wo Handeln anstrengend wird, hilft Rhetorik. Merz sucht den Sündenbock dafür, dass es unter seiner Führung nicht vorangeht – und nennt das dann Analyse. In Wahrheit ist es die bequemste Form politischer Untätigkeit.

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