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Aus: Ausgabe vom 23.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Zeitdiagnose

Plötzlich waren sie weg

Spitzensoziologe Hartmut Rosa beklagt in »Situation und Konstellation« das Verschwinden der Spielräume
Von Norman Philippen
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Alles, nur nicht kreativ: Lego ist wie Ikea-Möbel für Kinder

Die Klage, der mittels Bürokratie, Technik und Massengesellschaft forcierte Rationalisierungs- und Transparenzprozess der Moderne koste menschliche Handlungsfreiheit und mache aus Handelnden Getriebene, ist etwa so alt wie die Kulturkritik der Entmachtung/Entfremdung selbst. Um Aktualisierung dieser kritischen Tradition bemüht, konkretisiert der Soziologe Hartmut Rosa in seinem neuen Buch die von ihm schon öfter postulierte Resonanzkrise: Anstelle »resonanter« Beziehungen, die einmal gute axiale Beziehungen zur Welt und anderen qua »situationssensiblem« Handeln ermöglicht hätten, zwinge eine von Algorithmen und Vorschriften bestimmte, zerstörerische Konstellationslogik einstige Ermessensspielräume zunehmend in binäre Vollzugsakte.

Was in meiner Zusammenfassung kompliziert klingt, kann der Public Intellectual der Burnout-Ära mit leicht verständlichen Beispielen illustrieren. Da ist der »Burgerbräter«, der einem Mädchen den heruntergefallenen Burger ersetzen will, aber damit Dienstvorschriften verletzen würde, da ist die per Videobeweis aufgehobene Schiedsrichterentscheidung, da sind »digitale Hürden« bei Sozialhilfeanträgen in Dänemark oder die Ärztin, »die Bildschirme statt Patienten« behandelt. Schleichend, doch in allen Lebensbereichen merklich, verändert sich (nicht nur) Hartmut Rosas Analyse zufolge der Charakter menschlichen aktiven Handelns fortwährend hin zum Passiven. »Eine Kernthese des Buches lautet daher, dass wir in zunehmendem Maße von Handelnden zu Vollziehenden (gemacht) werden oder vielmehr: dass wir uns selbst dazu machen.« Alltäglich entstünden so »Interaktionssituationen (…), die alle Beteiligten frustriert und ohnmächtig zurücklassen«. Wenn Zugschaffner Bußgelder erheben müssen, anstatt wie früher das Nachlösen von Fahrtickets ermöglichen zu können, wenn Kinder vorgefertigte Legomodelle zusammenbauen, anstatt Bauklötzchen ohne Fremdplan kreativ zu kombinieren, wirke »die konstellationsbasierte Vollzugslogik der Maschinen, mit denen wir tagein, tagaus hantieren. ›Stimme zu‹ / ›Stimme nicht zu‹.«

Leben heißt handeln

Rosa kontrastiert dynamische »Situationen« – ambivalent offene Momente, die Urteilskraft und Ermessen erfordern – mit starren »Konstellationen«, in denen Algorithmen, Richtlinien und Apps vorfabrizierte Entscheidungen diktieren. Leben aber bedeute Handeln, nicht To-do-Listen abzuarbeiten, mahnt Rosa, der vor drohender Ohnmacht bei zunehmender Entfremdung warnt und sich dabei zu fragwürdigen politischen Diagnosen versteigt. Er fragt, wie es möglich sei, »dass ausgerechnet in jenem Land, das als Speerspitze moderner Rationalität gilt – in den USA – ein so infernalisch-komisches Duo wie Donald Trump und Elon Musk die politische Macht erringen konnte«. Und erklärt sich »das überraschende, weltweite, mächtige Vordringen populistischer, autoritärer und sogar faschistischer Strömungen« quasi damit, »dass diese Leute gegen die konstellativen Kontrollansprüche der Moderne antreten«. Schließlich stünden Trump und Musk »für die radikale Ablehnung und Ignorierung nahezu sämtlicher konstellativer Vorgaben in Form von Verträgen, Rechtsansprüchen, Gesetzen, Regeln …« Dieser unterkomplexen Erklärung des Siegeszugs des rechten »Populismus« aufgrund von Sehnsucht nach Handlungsfähigkeit schließt sich ein Plädoyer für die »Rückeroberung der Ermessensspielräume« und »Unverfügbarkeit«, von Orten jenseits der Totalverwaltung an.

Mit seinem im letzten Kapitel formulierten »versuchsweisen Vorschlag, Handlungsspielräume auf allen Ebenen des sozialen Lebens zurückzugewinnen«, liefert Rosa nun gerade keine substantielle Kritik der beanstandeten Verhältnisse. Vielmehr rundet er einen potentiellen Bestseller für besorgte (linksliberale) Bürger ab, die die Prekarität des Status quo zwar spüren, aber nicht konkret benennen (können/wollen/dürfen). Fragen nach Klassenmacht, Kapitalakkumulation, Produktionsverhältnissen oder neoliberalen Enteignungstaktiken bleiben dabei systematisch ungefragt. Ganz so, wie die bemühte »Ärztin, die Bildschirme statt Patienten« behandelt, das Klischee von Ohnmacht per Bürokratie bedient, ohne dass die per Austeritätspolitik und Profit­maximierung getriebene Krise des Gesundheitssystems genauer beleuchtet würde.

Wir sollten mal …

Wenn Rosa konstatiert, »Regulatorien verschiedenster Art« schränkten »Freiheitsspielräume im Dienste angeblicher Zweckmäßigkeit« zunehmend ein, stellte sich die Frage, wer diese Regulatorien denn diktiert – zum Subjekt gereifte asoziale Algorithmen? Oder doch eher Konzerne und ihre McKinsey-Berater, die die auch von Rosa beklagten »Bullshitjobs« (David Graeber) stetig bullshittiger machen? Wo Graeber Streiks forderte, liefert Rosa vage Appelle à la »Wir sollten uns aus Vernunftgründen davor hüten, Situationen restlos in Konstellationen aufzulösen.« Wir sollten »menschliche Handlungsfähigkeit auf allen Ebenen stärken«. Ja, wie denn?

Dass in diesem eloquent harmlosen Buch nebenbei der Siegeszug der Rechten, wie erwähnt, mit einer »Sehnsucht nach Handlungsfähigkeit« erklärt und damit prominent verharmlost und de facto legitimiert wird, ist leider nicht ganz ungefährlich. Ansonsten ist es aber eine auch für interessierte Laien leicht lesbare Ohnmachtsdiagnose für alle, die den »Masterplan der Moderne« (»lückenlose Transparenz«) scheitern sehen, ohne ihn eigentlich ändern zu wollen.

Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2025, 247 Seiten, 25 Euro

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