Gegründet 1947 Donnerstag, 22. Januar 2026, Nr. 18
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 22.01.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
»Cybersecurity Act«

Brüssels Sabotagesorgen

EU verbannt chinesische Hersteller aus Funknetzen. Panikmache auch vor angeblichen Sicherheitsrisiken durch E-Autos
Von Luca von Ludwig
8.JPG
Hinter den Platinen moderner Technik vermutet man in Brüssel kleine Spione

Die EU tut, was man nun einmal tut, wenn man an jeder Front verliert: Sie igelt sich ein. Am Dienstag stellte die EU-Kommission ihre neuesten Beschlüsse zur »Cybersecurity« vor. Kernpunkt ist der angestrebte vollständige Ausschluss von »Hochrisikoausrüstern« aus den europäischen 5G-Mobilfunknetzen, was in der Praxis eine zuvorderst gegen die chinesischen Branchenführer Huawei und ZTE gerichtete Maßnahme darstellt.

Das Verfahren soll dabei so ausgestaltet sein, dass nicht die EU selbst dekretiert, welche Unternehmen und Länder als Partner beim Telekommunikationsausbau genehmigt oder verboten sind, sondern die einzelnen Mitgliedstaaten sollen verdächtige Konzerne und Staaten auf die schwarze Liste schreiben. Bislang hatte Brüssel lediglich die Möglichkeit, Empfehlungen gegen Geschäfte mit bestimmten Akteuren auszusprechen. Die jüngste Überarbeitung des »Cybersecurity Acts« soll die Mitglieder nun verpflichten, als solche identifizierte »Hochrisikoausrüster« zu meiden. Ferner sollen in der Vergangenheit verbaute Komponenten binnen drei Jahren ausgetauscht werden.

Betroffen wären neben den Telekommunikationssystemen auch weitere »Schlüsselsektoren«, darunter die Strom- und Wasserversorgung, Clouddatenspeicher sowie die Medizintechnik. Die BRD hat den Einsatz chinesischer Bauteile im künftigen 6G-Netzwerk bereits verboten, schon beim 5G-Netz wurde die Benutzung von Huawei und ZTE angefertigten Komponenten weitgehend untersagt.

Vordergründig scheinen die Maßnahmen vor einer regelrechten Panikwelle angesichts vermuteter Sabotagerisiken beschlossen zu werden. Mit der Revision wolle man sich die Mittel geben, »unsere kritischen Lieferketten besser zu schützen und Cyberangriffe entschieden abzuwehren«, so EU-Kommissarin Henna Virkkunen bei der Vorstellung des Pakets. In Regierungskreisen macht man sich Sorgen, die Unternehmen könnten auf Geheiß Beijings Hintertüren in die Software der Komponenten einbauen, die im Spannungsfall ausgenutzt werden könnten.

Passend dazu machen Berichte über aufkommende Angst vor Spionage durch chinesische E-Autos die Runde. Nachdem der chinesische BYD-Konzern kürzlich seinen US-amerikanischen Konkurrenten Tesla von der Marktführerposition verdrängt hat, werden Sorgen um die zahlreichen Sensoren laut, die in modernen Autos verbaut sind. »Die Spionagegefahr durch chinesische Elektroautos ist real«, sagte Stephan Kramer, Präsident des Verfassungsschutzes in Thüringen, dem Handelsblatt (Dienstagausgabe). So liefen insbesondere der Staat und Unternehmen Gefahr, dass beispielsweise Standortdaten oder Gespräche übers Bordtelefon abgegriffen werden könnten. Er bezeichnete chinesische E-Autos als »rollende Computer« und spiegelte damit im Wortlaut Überlegungen der US-Amerikaner. John Moolenaar, Vorsitzender des China-Ausschusses im US-Repräsentantenhaus, brachte im Dezember weitgehend gleichlautende Bedenken hervor.

Fraglich allerdings, warum dieselben Einwände nicht für technologische Produkte aus US-Fertigung gelten. Es wäre unbekannt, dass es ähnliche Diskussionen um die Flotten von autonom fahrenden Tesla-Autos gegeben hätte. Ähnliches ließe sich auch für kritischere Technologien wie die Datenspeicherung in der Cloud oder die Millionen von PCs, die in EU-Büros mit US-Betriebssystemen betrieben werden, anmerken.

Man muss nicht auf die Sabotagehysterie aus Brüssel hereinfallen. Hinter den jüngsten Abschottungsbestrebungen dürfte eher Industriepolitik stecken: China steht im Zentrum fast jeder als zukunftsträchtig angesehenen Branche, der wichtigste Konkurrent sind US-Unternehmen. Für die EU bleibt da nicht nur international kein ihr genügendes Stück vom Kuchen übrig. Auch auf dem Binnenmarkt ist es oftmals billiger, auf chinesische Technologie zu setzen. Die Kommission schlägt – vermeintlich – zwei Fliegen mit einer Klappe, wenn sie auf diese Art die Konkurrenz beschneidet. Fragt sich nur noch, woher das benötigte Equipment in Zukunft kommen soll. Möglich auch, dass man sich in Brüssel hier nicht nur von Abhängigkeiten, sondern gleich ganz vom Anschluss an die wirtschaftlich-technologische Entwicklung auf der Welt isoliert.

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (22. Januar 2026 um 12:54 Uhr)
    Anmerkungen zu den letzten beiden Sätzen des Artikels: »Fragt sich nur noch, woher das benötigte Equipment in Zukunft kommen soll. Möglich auch, dass man sich in Brüssel hier nicht nur von Abhängigkeiten, sondern gleich ganz vom Anschluss an die wirtschaftlich-technologische Entwicklung auf der Welt isoliert.«: Wenn chinesische Lieferanten für Funknetzausrüstung vom europäischen Markt ferngehalten werden, profitieren unmittelbar die beiden verbliebenen, Nokia und Ericsson. Allerdings müssen die auch Teile zukaufen. In die eigenen können sie eigene Hintertüren einbauen, die anderen kaufen sie (wissentlich oder unwissentlich) mit ein. Es muss ja nicht immer Sprengstoff drin sein. Also direkt von der technischen Entwicklung abkoppeln wird sich Europa nicht, die Spionage- und Sabotagefähigkeiten kauft sie dann halt über die Atlantikbrücke ein.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (21. Januar 2026 um 22:48 Uhr)
    »Die Spionagegefahr durch chinesische Elektroautos ist real.« Wer ist Stephan Kramer und wie gelangte er in seine Position? Aus der er vernichtende Einschätzungen wie diese begründen will/kann? Lässt sich seine Fachkunde nachweisen?
  • Leserbrief von Mitter Albert aus Gmunden (21. Januar 2026 um 22:22 Uhr)
    Es ist ebenso ungeheuerlich wie absurd. Der VR China, die noch nie einen Angriffskrieg geführt oder einen solchen unterstützt hat. Für Beziehungen der Gleichberechtigung, der territorialen Integrität und Souveränität jedes Staates und der Nichteinmischung in seine inneren Angelegenheiten, für Kooperation statt Konfrontation eintritt. Gegen jede Herrschaft eines Landes über ein anderes ist (alles im diametralen Gegensatz zum westlichen Imperialismus), wird aus bloßem Vorteil, genährt aus einer verlogenen antisozialistischen Propaganda der herrschenden Klasse, ihres politischen und journalistischen Personals, dem aller schlimmsten in ihren Geheimdiensten wie diesem sogenannten Verfassungsschutz ( der die kapitalistischen Klassengesellschaft und ihres aggressiven weltweiten Imperialismus schützt), entgegen allen Fakten, eine feindliche Einstellung unterstellt, deren angebliche »Spionage« (für die wiederum keine Spur eines Beweises erbracht wird) die »Sicherheit« eines Landes wie der BRD »bedroht«. Gegenüber den USA, die der wirkliche »Weltmeister« in Cyberspionage, Bespitzelung und Aushorchung der ganzen Welt, einschließlich ihrer sogenannten Verbündeten ist (sogar die bekanntgewordenen Bespitzelung der früheren Kanzlerin Merkel durch die NSA wurde von den Herrschenden in dieser BRD, ihrem Verfassungsschutz, demütig hingenommen) wird gar kein Misstrauen entgegengebracht. Dass die Technologie made in USA von den amerikanischen Geheimdienstesten bei ihrer, den aggressiven Vorherrschaftsinteressen des USA-Imperialismus (nicht selten der Vorbereitung von Aggressionen gegen Länder wie zuletzt gegen Venezuela) dienenden weltweiten Bespitzelungen genutzt wird, ist für die EU-Kommission wie für die Regierung der BRD und eine Figur der kapitalistischen Stasi wie diesem Herrn Kramer natürlich kein Hochrisiko. Aber die aus einem Staat, der keinen anderen bedroht, alle als Partner für Zusammenarbeit sieht. Wie verlogen ist das denn?

Ähnliche:

  • Schattenboxen im Handelskrieg. Donald Trump trifft auf Ursula vo...
    27.05.2025

    Angebot und Nachdruck

    Zollkrieg: EU verständigt sich mit den USA auf Verhandlungen bis zum 9. Juli. EU-Gegenzollpaket zugleich geschnürt. ASEAN berät ebenfalls über US-Handelshemmnisse
  • China kontrolliert mehr als 90 Prozent der verfügbaren seltenen ...
    25.09.2024

    Mineralienkrieg gegen China

    Unter US-Führung will der Westen seine Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen aus Volksrepublik verringern. 14 Staaten und EU gründen dazu ein Netzwerk

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit