Logik der Vergeltung
Von Knut Mellenthin
Zwar markieren die Massaker von Karantina und Damur am 18. und 20. Januar 1976 vor 50 Jahren einen Höhepunkt der Brutalität des libanesischen Bürgerkrieges, doch dessen Beginn waren sie nicht. Dieser wird in einer Art stiller allgemeiner Übereinkunft mit dem »Busmassaker« vom 13. April 1975 angesetzt, wobei auch dies relativ beliebig ist. Milizen der größten und wichtigsten Bevölkerungsgruppen existierten schon vor diesem Datum. Wo sich deren Wohn- und Einflussgebiete überschnitten, gab es bereits früher vereinzelte Kämpfe. Der Übergang zum Bürgerkrieg war fließend.
Was am 13. April 1975 geschah, war ebenso wie die späteren Massaker von Karantina und Damur von einer Logik der absoluten Vergeltung bestimmt. In den Morgenstunden war es vor einer Kirche in Ain El-Remmaneh, einem mehrheitlich von Christen bewohnten Bezirk in Ostbeirut, zu einem vermutlich eher zufälligen Streit mit anschließendem Feuergefecht zwischen vorbeifahrenden bewaffneten Palästinensern und Angehörigen christlicher Milizen, die eine in der Kirche stattfindende Taufe schützen sollten, gekommen. Mehrere Menschen, darunter der Vater des Kindes, Angehöriger der extrem rechten christlichen Kataeb-Miliz, die auch als Falange bezeichnet wurde, wurden dabei getötet.
Nach dem Zwischenfall positionierten sich im Westen und Osten die Milizen der dort jeweils dominierenden Bevölkerungsgruppen an zentralen Straßen und Plätzen: Palästinenser und einheimische Muslime, die meist der Linken zugerechnet wurden, im Westen, Falangisten und Milizkämpfer anderer christlicher Parteien im Osten. An einer Kontrollstelle schossen Angehörige der Falange und ihrer Verbündeten gegen Mittag auf einen Bus, in dem bewaffnete Palästinenser von einer Versammlung zurückkehrten. 27 oder 28 von ihnen wurden getötet. Bei Kämpfen in den folgenden Tagen gab es mehr als 300 Tote.
Eskalation in Ostbeirut
Im Unterschied zu dem Angriff auf den Bus gilt das Massaker in Karantina, einem von Muslimen bewohnten Viertel im überwiegend christlichen Ostbeirut, am 18. Januar 1976 als erstes großes Verbrechen an der muslimischen Zivilbevölkerung. Falangisten und Mitglieder anderer bewaffneter Formationen christlicher Parteien wie der Tiger-Miliz hatten das Viertel besetzt, Männer und männliche Jugendliche von Frauen und Kindern separiert und systematisch erschossen. Die Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt. Die Zahl der Getöteten wird zwischen 600 und 1.500 geschätzt, wobei die höhere Zahl die wahrscheinlichere ist.
Das Ziel der rechten christlichen Parteien war, Ostbeirut von Palästinensern und einheimischen Muslimen zu »säubern« und darüber hinaus die PLO und die bewaffneten Kräfte der ihr angeschlossenen Organisationen aus dem Libanon zu vertreiben. Hintergrund: Als Folge der Kämpfe in Jordanien im Herbst 1970 (»Schwarzer September«) waren zwar nur wenige zehntausend Palästinenser als neue Flüchtlinge in den Libanon gekommen, aber die PLO hatte ihre Führungsstrukturen und einen Großteil ihrer Kämpfer dorthin verlegt. Das gefährdete die privilegierte Stellung der Christen in Staat und Gesellschaft, die immer noch die Zustände während des französischen Völkerbundmandats (1922–1943) widerspiegelte. Die Falange und andere rechte christliche Parteien wurden so durch weitgehende Übereinstimmung der Interessen zu natürlichen Verbündeten Israels.
Das Massaker vom 20. Januar 1976 in der Stadt Damur, einer christlichen Enklave an der Küstenstraße südlich von Beirut, war eine Vergeltung für den Überfall auf Karantina. Beteiligt waren neben Kämpfern der Fatah und kleinerer PLO-Organisationen sowie libanesischen Linken auch Angehörige der Organisation As-Saika, die zwar aus Palästinensern bestand, aber von der syrischen Regierungspartei Baath kontrolliert wurde. Es gab, wie schon in Karantina, Massenerschießungen vor allem von Männern und männlichen Jugendlichen sowie Vergewaltigungen, vielfach mit anschließender Ermordung. Auch Kinder und Alte waren unter den Toten, deren Zahl zwischen 150 und 500 geschätzt wird.
Invasion von zwei Seiten
Zwei Interventionen von außen änderten den Charakter und den Verlauf des libanesischen Bürgerkrieges erheblich: zum einen das Eingreifen Syriens, das am 1. Juni 1976 mit 12.000 Soldaten in den Libanon einmarschierte, zum anderen die Invasion Israels, die am 6. Juni 1982 begann und zur Belagerung Beiruts führte. Syriens Staats- und Parteipräsident Hafez Al-Assad unterstützte bei der Intervention im Nachbarland ohne erkennbare politisch-ideologische Zielstellung mal diese, mal jene Kräfte, um keine Seite zu stark werden zu lassen. Seit Oktober 1976 hatte er ein Mandat der Arabischen Liga. Bis zu 40.000 Syrer bildeten den Kern der »Arabischen Abschreckungsstreitmacht«, an der – eher aus repräsentativen Gründen – auch kleine Kontingente anderer Länder beteiligt waren.
Israels Invasion 1982 führte nach raschem Vormarsch zur militärischen Einschließung und zu heftigem Beschuss Beiruts. Die Konfrontation endete mit einem hauptsächlich vom Beauftragten der US-Regierung, Philip Habib, mit Jassir Arafat ausgehandelten Abkommen, das die geordnete Evakuierung von 14.000 palästinensischen Kämpfern in arabische Staaten, unter anderem Jordanien, Syrien, Irak, Tunesien und Jemen – je nach Zugehörigkeit zu bestimmten Organisationen – regelte. Nach Abschluss des Abzugs und nachdem auch eine internationale Truppe, die diesen überwacht hatte, Beirut verlassen hatte, ermöglichten die israelischen Streitkräfte auf Anweisung ihrer Regierung den rechten christlichen Milizen das mehrtägige Massaker von Sabra und Schatila (16. bis 18. September 1982), indem sie das angegriffene Flüchtlingslager von außen abriegelten. Schätzungen der Zahl der ermordeten Zivilisten liegen zwischen 1.300 und 3.500.
Der Bürgerkrieg endete offiziell mit der Unterzeichnung des Abkommens von Taif am 22. Oktober 1989, auch wenn er von manchen Kräften noch bis 1991 fortgesetzt wurde. In den 15 Kriegsjahren war aus einem Land, das aufgrund einer anachronistischen Volkszählung aus dem Jahr 1932 von einem institutionalisierten Ungleichgewicht zugunsten der christlichen Parteien bestimmt war (was auch soziale Gegensätze widerspiegelte), ein Staat geworden, der die Gleichberechtigung aller Bürger garantiert. Das unterscheidet den Libanon von Israel, das sich als »einzige Demokratie des Nahen Ostens« hofieren lässt.
»Die Bevölkerung darf nicht (…) kategorisiert werden«
A. Der Libanon ist ein souveräner, freier und unabhängiger Staat und die endgültige Heimat für alle seine Bürger.
B. Der Libanon ist arabisch geprägt und identifiziert sich mit der arabischen Welt. Er ist aktives Gründungsmitglied der Arabischen Liga und bekennt sich zu deren Charta. Er ist aktives Gründungsmitglied der Vereinten Nationen und bekennt sich zu deren Charta. Der Libanon ist Mitglied der Bewegung der Blockfreien Staaten. (…)
C. Der Libanon ist eine demokratische parlamentarische Republik, die auf der Achtung der bürgerlichen Freiheiten, insbesondere der Meinungs- und Glaubensfreiheit, auf sozialer Gerechtigkeit und auf der Gleichheit aller Bürger in Rechten und Pflichten ohne Diskriminierung oder Bevorzugung gegründet ist. (…)
F. Eine kulturell, sozial und wirtschaftlich ausgewogene Entwicklung ist eine tragende Säule der Einheit des Staates und der Stabilität des Systems.
G. Es werden Anstrengungen unternommen, um durch fiskalische, wirtschaftliche und soziale Reformen umfassende soziale Gerechtigkeit zu erreichen.
H. Der libanesische Boden ist vereint und gehört allen Libanesen. Jeder Libanese hat das Recht, in jedem Teil des Landes unter der Geltung des Gesetzes zu leben und ihn zu nutzen. Die Bevölkerung darf nicht aufgrund irgendeiner Zugehörigkeit kategorisiert werden, und es darf keine Zersplitterung, keine Teilung und keine Rückführung von Palästinensern aus dem Libanon geben.
I. Keine Autorität, die gegen die Charta des gemeinsamen Zusammenlebens verstößt, ist legitim.
Aus dem Abkommen von Taif (22. Oktober 1989), mit dem der libanesische Bürgerkrieg beendet wurde
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