Fortwährende Tristesse
Von Lucas Zeise
Den Widerspruch zwischen steigenden Börsenkursen und faden Konjunkturdaten hat uns Anja Kohl in der ARD-Börsensendung schon mehrfach erklärt: Die deutschen Prachtunternehmen, die im Börsenindex Dax die große Rolle spielen, sind nur zu geringen Teilen vom Geschäft in Deutschland abhängig. Wenn das Statistische Bundesamt wie am Donnerstag daher die flauen, vorläufigen Wirtschaftsdaten des vergangenen Jahres präsentiert, schadet das der Börsenstimmung genauso wenig wie den Aktienkursen. Man sollte überhaupt das Positive in den Vordergrund rücken: Also zunächst die gute Nachricht, dass 2025 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach zwei Jahren der Schrumpfung überhaupt wieder gewachsen ist. Um inflationsbereinigte 0,2 Prozent.
Handelsblatt und FAZ weisen darauf hin, dass dieses Miniwachstum, das noch dazu einer späteren Korrektur des Statistikamtes zum Opfer fallen kann, nichts daran ändert, dass die Stagnationsphase der deutschen Wirtschaft nun schon länger dauert als je seit dem letzten Weltkrieg. Sie zitieren die Präsidentin der Statistikbehörde, Ruth Brand, mit der Feststellung, dass das BIP des vergangenen Jahres nur um 0,3 Prozent höher war als 2019 – sechs Jahre Stagnation also. Die FAZ zieht Vergleiche zu anderen Ländern: Danach ist China in derselben Zeit um 33 Prozent, die USA um 15 Prozent, das EU- und Euro-Land Spanien um zehn und sogar das seit langem stagnative Japan seit 2019 um 1,9 Prozent gewachsen. Auch unter allen EU-Staaten war Deutschland zuletzt Wachstumsschlusslicht.
»Die Exportwirtschaft sah sich heftigem Gegenwind ausgesetzt durch die höheren US-Zölle, die Euro-Aufwertung und die stärkere Konkurrenz aus China«, wird Brand vom Handelsblatt zitiert. Entsprechend gingen die deutschen Exporte (von Waren und Dienstleistungen) um 0,3 Prozent und damit das dritte Jahr in Folge zurück. Die Einfuhren stiegen dagegen um 3,6 Prozent, womit der Außenbeitrag – also die Differenz von Exporten und Importen – auf 110 Milliarden Euro schrumpfte. Ohne die Verschlechterung der Außenhandelsbilanz wäre die BIP-Wachstumsrate um 1,5 Prozentpunkte höher gewesen.
Wirklich verheerend fällt in der statistischen Grobdarstellung des vergangenen Jahres der weitere Verfall der Bautätigkeit in Deutschland aus. Die Bauinvestitionen sind nun das fünfte Jahr in Folge auch 2025 weiter gefallen. Und das, während der Mangel an Wohnraum und die entsprechend unaufhörlich steigenden Mieten und Kaufpreise für Wohnungen und Häuser selbst im Konsens der veröffentlichten Meinung zu den Hauptübeln im Land zählen. Friedrich Merz hat vor zwei Monaten verkündet, dass seine Regierung daran gemessen werden soll, dass die Investitionen endlich wieder ansteigen. Die Investitionen in Ausrüstungen – also Maschinen, Geräte und Fahrzeuge – nahmen aber 2025 noch stärker ab als die Bauinvestitionen. Merz ist immer noch der Meinung, dass er mit Steuererleichterungen und Senkung der Lohn- und sonstigen Kosten die Kapitaleigner zu mehr Investitionen veranlassen kann. Das wird nicht gelingen, solange die Nachfrage nach produzierten Gütern nur bei der Rüstung expandiert. Ein trister Blick zurück und nach vorn.
Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Aachen
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