Gegründet 1947 Freitag, 16. Januar 2026, Nr. 13
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 15.01.2026, Seite 1 / Titel
Außenhandel

Neuer China-Schock

Der Außenhandel der Volksrepublik erreicht einen Rekordüberschuss. Die deutschen Reaktionen schwanken zwischen sachlich und giftig
Von Arnold Schölzel
1.jpg
Chinesische Exporte ziehen an. Hafenarbeiter im Frachthafen von Qingdao, Januar 2026

Chinas Außenhandel hat 2025 mit einem Überschuss von 1,2 Billionen US-Dollar abgeschlossen. Das entspricht ungefähr der Wirtschaftsleistung Saudi-Arabiens und ist ein neuer Rekord; 2024 lag der Überschuss bei 990 Milliarden US-Dollar, 2023 bei 822 Milliarden. Nach Daten des chinesischen Zolls vom Mittwoch stiegen die Exporte 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 5,5 Prozent auf einen Gesamtwert von rund 3,8 Billionen US-Dollar an. Die Importe beliefen sich unverändert auf rund 2,6 Billionen US-Dollar.

Die Volksrepublik, die 2009 von Deutschland die »Exportweltmeisterschaft« übernahm, lag mit ihren Ergebnissen weit über den Schätzungen sogenannter Analysten und löste hierzulande säuerliche bis giftige Reaktionen aus. So versah dpa die Meldung aus Beijing mit dem Kommentar: »Die Bilanz macht auch die Schieflage in der chinesischen Wirtschaft deutlich, die viel produziert und in den Weltmarkt exportiert, jedoch wegen der schwachen Nachfrage im Inland wenig aus dem Ausland einführt.« Solange die deutsche Exportwalze zahlungsfähige Länder zu Schuldnern machte, wurden ähnliche Hinweise aus der EU oder von internationalen Institutionen abgebügelt. Das deutsche Geschäftsmodell basierte im Verhältnis zur hohen Arbeitsproduktivität auf Dumpinglöhnen und jahrelangem Reallohnrückgang. Insbesondere die deutsche Autoindustrie erzielte international und in China enorme Gewinne, machte aber wenig daraus. Am Dienstag wurde bekannt: Sie verkaufte dort 2025 weniger als 3,9 Millionen Fahrzeuge – ungefähr der Stand von 2012. Tendenz fallend.

Angesichts der internationalen Lage äußerte sich aber auch Wang Jun, Vizeminister der Zollbehörde Chinas, am Mittwoch in Beijing vorsichtig zu den Aussichten 2026: »In bezug auf die Lage des Außenhandels in diesem Jahr fehlt dem globalen Handelswachstum allgemein gesagt Dynamik, und das äußere Umfeld für die Entwicklung des chinesischen Außenhandels bleibt schwierig und komplex.« Im vergangenen Jahr brachen die chinesischen Exporte in die USA auf Grund der Trumpschen Strafzölle um etwa 20 Prozent ein. Besonders stark legten sie nach Afrika (25,8 Prozent) und nach Südostasien (13,4 Prozent) zu. Nach Deutschland exportierte China 10,5 Prozent mehr (118,3 Milliarden US-Dollar); die Importe von hier sanken um 2,1 Prozent auf 92,8 Milliarden US-Dollar. Seit Oktober ist China damit wieder Deutschlands Handelspartner Nummer eins und löste die USA ab.

Besonders allergisch reagierte das industrienahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) auf die Nachrichten aus Beijing: »China stabilisiert seine Wirtschaft auf Kosten des Auslands. In Verbindung mit einem staatskapitalistischen System, das den Wettbewerb massiv verzerrt, ist absehbar, dass sich Chinas Handelspartner das nicht mehr lange gefallen lassen.« Dem stand entgegen, dass die EU am Tag zuvor auf Zollaufschläge für in China produzierte E-Autos verzichtet hatte. Es sollen nun Mindestpreise festgesetzt werden.

Offenbar schlägt bei einigen im deutschen Kapital der zweite China-Schock (nach dem, der auf Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation 2002 folgte) in Panik um. Das Handelsblatt kommentierte am Mittwoch dagegen sachlich: »China ist nicht mehr die Werkbank der Welt, sondern eine Wirtschaftsmacht auf Augenhöhe, die technologisch längst mit den ›Hidden Champions‹ des deutschen Mittelstands mithalten kann.« Am Vortag hatte die Zeitung berichtet, China erfinde »das Stromnetz der Zukunft« und mache seinen technischen Vorsprung bei der Installation von Stromübertragungsleitungen über Tausende Kilometer zum Exportschlager.

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus Berlin (15. Januar 2026 um 15:12 Uhr)
    Der private Reichtum in Deutschland und China. Aspekte der kapitalistischen Dynastien und Perversion in Deutschland und China. Reichtum in Deutschland: Die Max-Planck-Gesellschaft schätzt: Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung besitzen etwa 67 Prozent des gesamten Privatvermögens. Das große Vermögen wird vor allem innerhalb von deutschen Familiendynastien weitergegeben. Etwa acht Prozent der größten Vermögen stammen von Reichtum, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts angehäuft wurde. Durch Heirat entstehen strategische Allianzen zwischen Vermögensdynastien – eine Art der Sicherung des Reichtums, die schon vom Adel gerne genutzt wurde. Der große private Reichtum verschafft ökonomische Macht und politischen Gestaltungsspielraum. So beispielsweise der Hamburger Logistikunternehmer und Investor Klaus-Michael Kühne. Mit einem geschätzten Privatvermögen von 36 Milliarden US-Dollar seit vielen Jahrzehnten gehört er zu den reichsten Deutschen. Er führt in dritter Generation das Familienunternehmen Kühne+Nagel, das unter seiner Führung zu einem der größten Speditionsunternehmen der Welt aufgestiegen ist. Diese Superreichen üben Einfluss auf die deutsche Politik und die gesamte Gesellschaft aus. ● Vgl. hierzu in einem Beitrag von Daria Tisch/Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Reichtum in China: Das Fachjournal der Welthungerhilfe schreibt: Die Weltbank stellt anerkennend fest, dass in China seit den Wirtschaftsreformen 1978 »mehr als 850 Millionen Menschen der Armut entkommen sind«. Die Weltbank zieht die absolute Armutsgrenze bei 1,90 Dollar pro Tag – allerdings für Länder mit niedrigem Einkommen (LIC). Für Länder mit gehobenem mittleren Einkommen (UMIC), und dazu zählt das Schwellenland China, empfiehlt sie eine Armutsgrenze von 5,50 Dollar. China benutzt die selbst definierte Grenze für die Einkommensarmut von ungefähr 2,30 Dollar pro Tag. ● Vgl. Fachjournal: Entwicklungspolitik und Agenda 2030 | 04/2021.
    Der private Reichtum in Deutschland und China. Aspekte der kapitalistischen Dynastien und Perversion in Deutschland und China. ► Allerdings, mit der zunehmenden kapitalistischen Entwicklung und dem sichtbaren Erfolg bei der Bekämpfung der Armut steigt auch die bourgeois-sozialistische psychische Perversion der chinesischen Bourgeoisie weiterhin an. So schreibt Hilja Müller im »fluter« – das »Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung« über die chinesische »Bling-Bling-Dynastie«: »Aber einige sind auch so reich, dass sie ihren Hunden demonstrativ goldene Uhren kaufen. Die Masse lebt von der Hand in den Mund. Aber einige sind auch so reich, dass sie ihren Hunden demonstrativ goldene Uhren kaufen. China ist beeindruckend dynamisch geworden – aber auch ein sozial gespaltenes Land.« ● Vgl. Die Bling-Bling-Dynastie: www.fluter.de/armut-und-reichtum-in-china 15.01.2026, R.S.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (15. Januar 2026 um 10:24 Uhr)
    Der Vorwurf, China stabilisiere seine Wirtschaft »auf Kosten des Auslands«, wirkt bemerkenswert kurzsichtig. Genau dieses exportgetriebene Modell hat Deutschland über Jahrzehnte selbst erfolgreich praktiziert – und gegen entsprechende Kritik aus EU und internationalen Institutionen stets verteidigt. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch nicht im Prinzip, sondern in der Verwendung der daraus resultierenden Gewinne! Während China massive Investitionen in Infrastruktur, Industrie, Technologie und Wohnungsbau tätigte und große Teile der Bevölkerung die wirtschaftliche Dynamik real erfahren, blieb in Deutschland ein erheblicher Teil dieses Wohlstands folgenlos: Die Infrastruktur verfiel, öffentliche Investitionen wurden verschleppt und breite Bevölkerungsschichten profitierten kaum vom Exporterfolg. Dass nun ausgerechnet jene Kreise Alarm schlagen, die jahrelang vom deutschen Exportmodell profitierten, offenbart weniger ökonomische Einsicht als eine strategische Verunsicherung angesichts eines Konkurrenten, der technologisch – um Ulbricht zu zitieren – »überholt, ohne einzuholen«. Ein Großteil der hiesigen Berichterstattung über China ist daher weniger Analyse als Projektion – geprägt von Verlustangst und Neid darüber, dass wirtschaftlicher Erfolg dort sichtbar in Entwicklung umgesetzt wird, während er hierzulande versickert ist.
    • Leserbrief von AndreasPietsch aus Berlin (15. Januar 2026 um 11:05 Uhr)
      Offenbar verkennt die »westliche« Ökonomie einen entscheidenden Punkt. Der chinesische »Staatskapitalismus« vermag es immer besser, die Bedürfnisse seiner Bevölkerung zu befriedigen, statt schnöde Profite zu maximieren.
      • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (15. Januar 2026 um 12:37 Uhr)
        Abwarten! Auch der sogenannte rheinische Kapitalismus hat rund ein Vierteljahrhundert lang bemerkenswert gut funktioniert. Wirtschaftssysteme können aus dem Nichts heraus über eine Generation hinweg erhebliche Erfolge erzielen. In der zweiten Generation treten strukturelle Spannungen zutage, und in der dritten werden die Probleme häufig offen sichtbar – mitunter kaum noch lösbar. So verlaufen viele Kapitel der Wirtschaftsgeschichte.

Ähnliche:

  • Der Wahn von den goldenen Zeiten, die unter seiner Ägide anbrech...
    24.12.2025

    Die Politik des Regelbruchs

    Globale Verwerfungen. Mit Beginn der Amtszeit von Donald Trump ist die internationale Lage noch unübersichtlicher geworden
  • Lateinamerika stehen geopolitische Turbulenzen bevor: Chinesisch...
    13.12.2025

    Neue Front im Handelskrieg

    Mexiko kündigt hohe Zölle auf ausländische Güter an. China besonders getroffen. USA wollen Dominanz stärken, EU ringt um Zugeständnisse
  • Wenn EU-Vertreter über funktionierende Handelsketten sprechen, m...
    27.11.2025

    Lektionen und heiße Luft

    Geschichten von Avocados und Rohstoffen: In Angola trafen sich die Spitzen von Afrikanischer und Europäischer Union zum 7. EU-AU-Gipfel

Regio: