Acht Milliarden Krüppel
Von Stefan Ripplinger
Keine extrem rechte Partei auf der Welt ist so behindertenfeindlich wie die AfD. Das ist die am meisten überraschende Feststellung der US-Historikerin Dagmar Herzog in ihrem Büchlein »Der neue faschistische Körper«. Sie belegt sie unter anderem mit einer 2018 auf Facebook geschalteten Propaganda des AfD-Politikers Markus Frohnmaier. Frohnmaier ist als lächelnder Eierkopf vor einer Tafel mit mathematischen Formeln zu sehen. Darüber findet sich das Zitat »Leistungsprinzip statt Inklusion und Kuschelunterricht«.
Frohnmaiers Propaganda suggeriert, er wäre ein brillanter Mathematiker, dabei hat er lediglich ein Jurastudium in den Sand gesetzt. Diese Irreführung führt direkt ins Phantasma der rechten Politik, »Inklusion«, also Umgang mit als schwach Empfundenen, schade den Starken. Kaum ein Rechter, der nicht viel Wesens um den Intelligenzquotienten (IQ), diesen Traum der Eugeniker, macht. Wir erinnern uns, wie besessen der ehemalige SPD-Senator Thilo Sarrazin vom IQ war, den er durch Einwanderung bedroht sah. Herzog verweist auf einen Artikel von Ulf Poschardt, dem Herausgeber der Welt, aus dem Oktober 2023. Darin vergleicht dieser die Hamas mit den Nazimassenmördern Amon Göth, Heinrich Himmler und Josef Mengele, doch »minus deren teuflischem IQ«.
Zu Recht erkennt Herzog in Poschardts Formulierung rassistische und narzisstische Obertöne. Wie die Fälle Frohnmaier und Sarrazin beweisen, steht der IQ via »Leistungsprinzip« mit dem Sozialdarwinismus in Verbindung. Weil Behinderten (oft zu Unrecht) mangelnde Leistung unterstellt wird, sollen sie systematisch vernachlässigt, wenn nicht ausgelöscht werden. Letzten September schlug Brian Kilmeade, ein Moderator von Fox News, vor, geisteskranke Obdachlose totzuspritzen. Er nahm das zwar kurz später zurück, doch hatte sich wieder einmal die Euthanasie als Rückseite des Leistungsprinzips gezeigt.
Die Einsicht, wie eng die Diskussion um Inklusion mit dem Kapitalismus verbunden ist, verdanken wir der Marxistin Marta Russell (1951–2013). Behinderung ist für Russell eine Kategorie, die nicht etwa von einer jeweiligen körperlichen oder geistigen Verfassung, sondern von den Arbeitsverhältnissen definiert wird. Allerdings schreibt sie selbstverständlich nicht von »Behinderung«, sondern von »Disability«, was hier mit »Unfähigkeit« oder besser mit »Nichtangepasstheit« zu übersetzen wäre. Wer immer an die vom Kapital definierten Arbeitsanforderungen nicht angepasst ist, ist aus Sicht des Kapitals ein Unfähiger, ein Krüppel. Wir sind demnach potentiell alle behindert und werden es ohnehin früher oder später sein. Faktisch bestätigt wird Russells Theorie neuerdings mit der Einführung der »künstlichen Intelligenz« (KI), die in einem Prozess der Entqualifizierung (Deskilling) Millionen zu Unfähigen und Überflüssigen macht.
Russell weist darauf hin, dass auch die als unfähig und überflüssig aus dem Arbeitsprozess Ausgeschiedenen eine Rolle als industrielle Reservearmee spielen, die bei Bedarf einspringen kann. Bei hoher Nachfrage nach Arbeitskräften verhindert diese Armee es, dass die Löhne steigen. Das erklärt, weshalb der Staat als Partner des Kapitals Programme auflegt, die das Überleben von Behinderten, wenn auch in Armut, garantieren. Dank solcher Programme werden auch die Überflüssigen zu Waren. Mit ihrer notdürftigen Versorgung lassen sich enorme Profite erzielen.
Beatrice Adler-Bolton und Artie Vierkant, zwei Aktivisten und Künstler, stimmen in ihrem Pamphlet »Health Communism« sowohl Herzog als auch Russell zu. Wie Herzog und übrigens das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK), dem sie ihr Buch widmen, erkennen sie in »Gesundheit«, so wie sie bei uns propagiert wird, eine »biologische, faschistische Phantasie«. »Kapitalismus definiert ›Gesundheit‹ als die Fähigkeit, sich selbst der Arbeit zu unterwerfen.« Das Kapital trenne folglich in Arbeiterklasse und »Abfallklasse«.
Adler-Bolton und Vierkant gehen in ihrem historisch hervorragend informierten Buch auf das Schicksal derer ein, die nicht nur aus der Arbeitswelt, sondern auch aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Ausführlich referieren sie die Geschichte des SPK, das Anfang der 1970er in Heidelberg die Losung von der »Krankheit als Waffe« ausgegeben hat. Gemeint war damit keineswegs nur die Geisteskrankheit. Jean-Paul Sartre schrieb 1972 in einem Vorwort zu einer Schrift des SPK, »Heilung« diene »ausschließlich der Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit, wobei man weiter krank bleibt«. Also gelte es, diese »Heilung« zu verweigern und ein »sozialistisches Kollektiv« zu bilden.
In »Health Communism« heißt es, totes Kapital habe sich in der Gesundheit der Lebendigen eingenistet, aber könne auf die Körper derer, die es in Besitz genommen hat, doch nicht verzichten. Da das Kapital auf Gesundheit, sprich Arbeitsfähigkeit, angewiesen sei, zeige es sich gerade in diesem Punkt angreifbar. Gesundheit müsse dem Kapital entrissen werden. Die Autoren stimmen der rechten Propaganda ausdrücklich zu, bereits die »vergesellschaftete Gesundheitsversorgung« – zu der auch Inklusion und Assistenz gehören – bereite den Boden für kommunistische Verhältnisse.
Adler-Boltons und Vierkants Optimismus erfrischt, aber kann die Zweifel doch nicht beseitigen. Der zu erwartende weitere Abbau von Sozialleistungen wird zeigen, in welchem Maß unser kapitalistisches System auf Gesundheit wird verzichten wollen. Widerstand ist immerhin möglich. Wer sich nicht länger ausbeuten lassen kann und sich dennoch nicht »behindert« vorkommt, hat bereits Widerstand geleistet.
Dagmar Herzog: Der neue faschistische Körper. Aus dem Englischen von Lisa Jay Jeschke. Nachwort von Alberto Toscano. Wirklichkeit Books, Berlin 2025, 122 Seiten, 18 Euro
Beatrice Adler-Bolton, Artie Vierkant: Health Communism. Verso, London/New York 2025, 222 Seiten, circa 10 Euro
Marta Russell: Capitalism & Disability. Selected Writings. Herausgegeben von Keith Rosenthal. Haymarket Books, Chicago 2019, 212 Seiten, circa 19 Euro
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