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Aus: Ausgabe vom 24.10.2020, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Mitten ins Grillfest

Es geht mal wieder die Welt unter: Ric Roman Waughs »Greenland« ist die US-Air-Force-Version der Apokalypse
Von Peer Schmitt
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Nichts wie weg hier: Kinderfreundliche Soldaten evakuieren die Suburbiahölle

Sorge. Der Blick gen Himmel verheißt mal wieder wenig Gutes. Der Blick verdüstert sich in Ric Roman Waughs Low-Budget-Katastrophenfilm »Greenland«, und der Himmel auch.

Der schottisch grantelnde Actionheld Gerard Butler rettet darin diesmal keinen Präsidenten, statt dessen rettet er sich und seine Kernfamilie. Es rettet sich, wer kann, denn natürlich geht in »Greenland« mal wieder die Welt unter, allerdings mit Aussicht auf Wiederaufbau.

Butler spielt darin einen Bauingenieur, kennt sich also von Berufs wegen aus mit dem Blick nach oben. Er baut Wolkenkratzer. Und das allein bringt schon genug Probleme – die Gewerkschaften, die Zulieferer, die Behörden – nichts als Ärger und Friktionen.

Währenddessen üben am Himmel die Kampfjets Formationsflug. Ihre Kondensstreifen bilden eindringliche Muster. Weiß der Teufel, was die Jets wieder versprüht haben fürs Klima. Der Bauingenieur blickt skeptisch gen Himmel. Selten kommt Gutes von oben. Diesmal ist es ein Komet, das Fernsehen tauft ihn freundlich Clarke, der darauf wartet, auf die Erde herabzustürzen. Und das, obwohl das Fernsehen und die Wissenschaft vorerst behaupten, besagter Clarke würde knapp (allerdings sehr knapp) an der Erde vorbeifliegen und somit lediglich für familienfreundliche Abendunterhaltung am Himmel und am Fernsehapparat sorgen, statt für die Katastrophe.

Natürlich haben Fernsehen und Wissenschaft sich gründlich verrechnet bzw. von Anfang an gelogen, dass sich die Balken biegen. Das war vorauszusehen. Wer denen traut, kann sich gleich begraben.

Das eine oder andere footballfeldgroße Teilchen, das Clarke am Himmel mit sich führt, fällt also z. B. auf die Stadt Tampa, die in der wirklichen Welt unlängst erst den Quarantäne-Stanley-Cup in der Finalserie gegen Dallas gewonnen hat. Danach ist von Tampa Bay Area natürlich nichts mehr übrig. Den Einschlag sieht man in »Greenland« indirekt am Fernsehbildschirm. Das Budget war eher klein, also lässt man die große Katastrophe eher aus der Ferne wirken. Das kommt billiger. Es sind ohnehin eher die kleinen Katastrophen, die unter die Haut gehen.

Eine echte Katastrophe zum Beispiel ist die suburbane Landschaft – die Vorgärten und Einfamilienhäuser –, durch die sich zu Beginn des Films der Bauingenieur von seiner Wolkenkratzerbaustelle zu seiner Wohnstatt bewegt. Diese sterile Landschaft ist wahrlich dem Untergang geweiht.

Eine noch größere Katastrophe ist die offensichtliche Ehekrise im Haus des Bauingenieurs: getrennte Betten, gespannte Atmosphäre, das traumatisierte Kind (männlich) leidet vorsorglich an Diabetes. Die Zerrüttung der Familie ist die eigentliche Krise. Die Katastrophe, das Weltende, ist dann nur ein Vorwand für die Familienzusammenführung. Das war schon im »Krieg der Welten« nicht anders, vor allem in der Steven-Spielberg- Version von 2005 mit Tom Cruise.

Andere, größer angelegte, großzügiger budgetierte Kometenkatastrophenfilme wie »Armageddon« (Michael Bay, 1998) oder »Deep Impact« (Mimi Leder, 1998) inszenierten statt dessen Todestrieb und inzestuöse Vater-Tochter-Beziehungen. In »Greenland« hingegen geht es neben der leidigen Familie tatsächlich um »Systemrelevanz« – nichts anderes als ein Euphemismus für: ­Hierarchie. Noch mitten in den Vorbereitungen für eine Grillparty bekommt der Bauingenieur eine Nachricht von der Regierung aufs Telefon. Ausgewählte Bürger werden aufgefordert, sich zum nächstgelegenen Militärflughafen zu begeben, um zu entsprechenden Schutzräumen ausgeflogen zu werden. Die Freunde und Nachbarn des Bauingenieurs bekommen die besagte Nachricht nicht. Sie scheinen der Regierung nicht systemrelevant und dürfen mehr oder minder arglos das Ende erwarten.

Die Evakuierung wird dann mit Hilfe von Armbändern und QR-Codes organisiert, also ungefähr so wie eine beliebig hierarchisierte Premierenparty. Das muss natürlich schiefgehen. Wenn die staatliche Ordnung versagt, sind Bürgerkrieg und Plünderung von Apotheken nicht weit. Der Bauingenieur darf beweisen, dass er auch kämpfen kann.

Familie, Armbänder (i. e. Identitätsdokument), Fernsehnachrichten und Militär – zusammen bildet das so etwas wie einen Staat; obgleich nichts davon unbedingt selbst dem Staat gehören muss: Es gibt Privatfernsehen, Familien ohne Kindergeld, Firmenausweise, Söldnerarmeen und Milizen. Das ist es, was diesen Film letztlich ausmacht: das Verhältnis des Familienvaters zum Staat und seinen Hierarchien. Von der Skepsis bis zum Gottvertrauen.

Als Hintergrundgebrabbel darf auch die Erwähnung der Klassiker nicht fehlen: »Und der dritte Engel posaunte: Und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und über die Wasserbrunnen. Und der Name des Sterns heißt Wermut. Und der dritte Teil der Wasser ward Wermut; und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie waren so bitter geworden.« (Offb. 8,10–11)

In den USA kommt »Greenland« übrigens voraussichtlich nicht regulär in die Kinos. Wozu auch? Dass die Sterne vom Himmel fallen, sagen dort die Fernsehprediger in hübscher Regelmäßigkeit voraus, und geplünderte Apotheken gibt’s in den regulären Abendnachrichten zu sehen. Dieser Film gehört nach Europa. Er ist die US-Air-Force-Version von Lars von Triers Endzeitfilm »Melancholia«: Das Bild der Zerrüttung ist immer ein Himmelskörper.

Doch wenn die Welt untergeht, erwachen gerade die Strauchelnden, Grantelnden und Depressiven zu neuem (Familien-)Leben, und sogar das ansonsten Steuergelder vergeudende Militär erweist sich plötzlich als durchaus nützlich. Die Soldaten sind in Sanitätszelten freundlich zu diabeteskranken Kindern, fliegen die zur Rettung Auserwählten zu den Schutzbunkern auf Grönland usw.

Sämtlicher der Rede werte »production value« in »Geenland« stammt tatsächlich von der US Air Force. Filmkultur anno 2020.

»Greenland«, Regie: Ric Roman Waugh, USA 2020, 120 Min., bereits ­angelaufen

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