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Aus: Ausgabe vom 05.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Die Demütigung aus der Ferne

Ein Sammelband mit literarischen Texten Geflüchteter
Von André Dahlmeyer
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Viel zu erzählen. Geflüchtete in Gießen (10.2.2025)

Flüchtlinge respektive »Zugewanderte« gelten den meisten Teutonen als ungeliebter Kostenfaktor, dem man irgendwie beizukommen hat. Zwar basiert der trotz aller Unkenrufe noch immer enorme deutsche Wohlstand auf der Ausbeutung quasi der ganzen Welt, doch was soll’s: Selbst Brotkrumen will man sich nicht vom Tellerrand stibitzen lassen, es handelt sich ja nicht um den Spatz vom Wallrafplatz. Selbst Kleinvieh macht Mist und Mist macht Geld.

Rassismus und »Ausländerfeindlichkeit« sind in der bundesdeutschen Wahlkampfstrategie seit 1986 das Nonplusultra. Immer wenn die Politheinis nicht mehr weiter wissen, heißt es: »Das Boot ist voll«. Die Hassmetapher als letzte Rettung der Pfründe. Zieht immer, schließlich geht’s um viel Schotter. Der deutsche Wähler ist, pardon, nicht sehr intelligent (schon weil er wählen geht). Während man etwa der einen und anderen südamerikanischen Regierung, die nicht direkt den deutschen Wertekanon zelebriert, Populismus vorwirft und dass deren Machthaber zu lange an derselben kleben würden, hatten Kohl und Merkel jeweils 16 Jahre. Das ist undemokratisch, aber erklären Sie das mal jemandem im Chambre Séparée der Bonzen. Die waren zusammen 32 Jahre an der Macht, alles CDU, 32 Jahre, in denen Deutschland versaut wurde. (Die Unfallsregierung dazwischen hat Jugoslawien überfallen.) Zum Glück habe ich die Amtszeit Merkel selbst nicht mehr vor Ort erleben dürfen müssen. Ich war im Jahre 2005 einer von über 100.000 deutschen Auswanderern, die die Schnauze gestrichen voll hatten.

Seitdem ist es schlimmer geworden. Westliche Werte klingt nur noch wie »Germoney hat die Made«, was produziert wird, soll möglichst rasch kaputtgehen, das hält den Betrieb am laufen. Da wird ein »Kollateralschaden« nach dem anderen kreiert und Deutsche werden gegen Ausländer ausgespielt. Es war schon immer so, und weil es schon immer so war, ist es so wichtig, das immer wieder zu erwähnen. Damit man es nicht vergisst. Man hat nicht nach unten zu treten und auch nie zur Seite, sondern immer nach oben. Oben ist nicht der Gegner, oben ist der Feind. Oben versteht keinen Spaß. Unten auch nicht. Und das ist gut so.

Das Poetry Project, ein literarisches Dialogprojekt, hat zusammen mit dem PEN Berlin im Verbrecher-Verlag eine Anthologie mit Texten von Flüchtlingen und Hilfesuchenden publiziert. Das Ganze wurde teilweise staatlich finanziert, dafür können die dichtenden Flüchtlinge nichts, doch bei mir geht da erst mal automatisch die rote Laterne an. Vertreten sind zirka 30 Autorinnen und Autoren (die meisten in den Zwanzigern), deren Beiträge überwiegend in Arabisch, Kurdisch (Kurmandschi), Persisch und Ukrainisch verfasst und nun übersetzt wurden. Sie verbindet, dass sie seit 2015 als Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind, viele als Kinder. Wenige hatten Schreibkenntnisse literarischer Art. Die Kapitel des Buchs, sortiert nach den Originalsprachen, werden von einem Essay oder Interview der jeweiligen Workshopleitung flankiert.

Die Beiträge thematisieren Entwurzelung, Wunden, Identitätsprobleme. Manche schreiben sich frei, versuchen es zumindest. Andere beschreiben die Flucht über das Mittelmeer in wackeligen, völlig überfüllten Kähnen, ohne Nahrungsmittel, den größten Friedhof im Meer, wo der Deutsche so gerne urlaubt und sich mittlerweile vermeintlich grämt. Oder die Ankunft am Hauptbahnhof in Berlin. Immer wieder schwingt in den Texten die Sehnsucht nach den altvertrauten Gassen mit, die Demütigung aus der Ferne. Das Buch ist vor allem deshalb wichtig, weil es nicht über Flüchtlinge schwadroniert, sondern sie zu Wort kommen lässt. Früher war so was normal. In den 80ern war ich Stammautor der Saarbrücker Zeitschrift Die Brücke, sie war ein absolutes Vorbild für Völkerverständigung. Es gibt keine Grenzen, es gibt keine Nationen. Kein Ausländer ist illegal! Hugh, ich habe gesprochen.

The Poetry Project/PEN Berlin (Hg.): Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist. Verbrecher-Verlag, Berlin 2024, 240 Seiten, 20 Euro

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