Die Entdeckung der Dinos
Von Marc Hieronimus
Spätestens seit den Steinbrüchen der Antike sind fossile Skelette bekannt. Die Menschen nahmen an, dass die Tiere noch irgendwo lebten – daher die Sagen über Drachen und Meeresungeheuer. Die recht junge Einsicht, dass die Ungeheuer schon ewig lange ausgestorben sind, steht im Widerspruch zu den Legenden um Drachentöter wie Marduk, Herkules, Siegfried, Erzengel Michael und den Heiligen Georg und damit auch zur jüdisch-christlichen Schöpfungslehre, die nach strenger Auslegung keine Zeit vor den Menschen vorsieht. Die ersten neuzeitlichen Paläonto- und Geologen mussten sich also nicht nur gegen die Lehrmeinungen ihrer Kollegen durchsetzen, sondern legten sich auch mit der Kirche an.
Der britische Zeichner Richard Cowdry hat nun einen Comic in einem bunt-naiven Kinderbuchstil über die frühe Dinoforschung gemacht, die weit zufälliger, kleingeistiger und intriganter verlief, als die noblen Porträts der großen Entdecker glauben machen. Die einen kamen nach langem Streben zu akademischen Ehren, die anderen lebten in Armut und ohne Anerkennung. Die verdienstvolle Ausgräberin Mary Anning zum Beispiel wird bis heute um ihren Ruhm gebracht und im ausführlichen deutschen Wikipedia-Artikel nicht einmal erwähnt. Mal förderte, mal hinderte auch die bewegte Weltgeschichte des 18., 19. Jahrhunderts den Erkenntnisfortschritt.
Leider endet »Das Geheimnis der Knochen« mit Richard Owens Benennung der Urzeittiere als Dinosaurier, und viele große Fragen bleiben offen: Heute heißt es, die Tiere lebten von 235 bis 66 Millionen Jahre v. u. Z. – aber wie kann man überhaupt das Alter der Knochen bzw. Gesteinsschichten bestimmen? Was hat die Genetik zu den Dinosauriern zu sagen? Sind Vögel und Krokodile Überlebende des Massensterbens? Was weiß man heute über Bewegung, Lebensweise, Vielfalt der Riesenechsen? »Es passierte noch viel mehr ... Jede Menge cooles Zeug! Zu viel für diese Seiten ... Vielleicht ein andermal?« fragt Cowdry am Ende seiner Geschichte. Ja, hoffentlich!
Richard Cowdry: Das Geheimnis der Knochen. Eine Geschichte der Paläontologie. Aus dem Englischen von Jochen Stremmel. Avant-Verlag, Berlin 2025, 152 Seiten, 25 Euro
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