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Aus: Ausgabe vom 05.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Rock ’n’ Roll

Vergesst uns nicht!

Motörhead – die schlechteste Band der Welt
Von Frank Schäfer
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Will man wirklich tot von der Bühne fallen? Motörhead

Die Gruppe Motörhead wurde 1975 in London von Lemmy Kilmister gegründet. Frank Schäfer geht in der Serie »50 Jahre Motörhead – die schlechteste Band der Welt« dem sehr lauten Rock-’n’-Roll-Phänomen auf den Grund.

Bevor das letzte Album »Bad Magic« im August 2015 erscheint und alle bisherigen Charts-, wenn auch nicht Verkaufsrekorde bricht, sind Motörhead schon wieder auf der Straße, und das fällt Lemmy immer schwerer. Im April sind sie für São Paulo gebucht, aber kurz vor dem Konzert bricht er erneut zusammen und muss ins Krankenhaus. Die Untersuchungen ergeben keinen unmittelbar lebensbedrohlichen Befund, aber man sieht ihm seine Gesundheitsprobleme an. Er hat viel Gewicht verloren, seine Wangen sind eingefallen, die Hände zittern. Trotzdem berappelt er sich wieder und bringt die Südamerika-Auftritte in Brasilien, Argentinien und Chile über die Bühne.

So geht es das ganze Jahr hindurch. Auf tapfer durchstandene folgen immer wieder fahrige Auftritte – und kleine Katastrophen. Ihr enormes Tourpensum hätte allerdings auch einen gesunden Frontmann angestrengt. Lemmy will offenbar noch einmal aus dem Vollen schöpfen, und die Nachfrage ist groß, nicht zuletzt wegen ihres 40. Bandjubiläums. Das überfordert ihn regelmäßig.

In Salt Lake City, Utah, leidet er an Atemnot, angeblich wegen der dünnen Luft da oben, und muss bereits nach vier Songs aufgeben. Denver wird vorsorglich gecancelt, aber in Austin, vier Tage später, am 1. September, wähnt er sich schon wieder bei Kräften und muss bei »Metropolis«, also bereits nach zwei Songs, die Bühne verlassen. Er kommt nach einer Weile noch einmal zurück, aber auch dieser Versuch scheitert kläglich. Schließlich tritt er ein drittes Mal vor die Menge, auf einen Gehstock gestützt, und entschuldigt sich. »I would love to play for you, but I can’t do it anymore.«

Erklärtermaßen will Lemmy irgendwann tot von der Bühne fallen. Aber will er das wirklich? Diese ständigen Niederlagen gehen nicht spurlos an ihm vorbei. Man sieht ihn kaum noch lächeln, und selbst dann sieht man die Melancholie in seinen Augen, die bereits von Vergeblichkeit kündet. Er trägt jetzt oft eine Sonnenbrille, damit die Fans seine Traurigkeit nicht mitbekommen.

Die Bluesmen durften in Würde altern. Was sie an Fingerfertigkeit und Energie eingebüßt hatten, konnten sie mit Gefühl und Weisheit wettmachen, und das Auditorium meckerte auch nicht, wenn sie sich einen Stuhl auf die Bühne stellten. Aber was muss jemand anstellen, der das Energielevel eines Motörhead-Auftritts nicht mehr aufbringt? Wie man als Motörhead-Frontmann abtritt, dafür gibt es schlicht keine Vorbilder. Vielleicht will Lemmy gar nicht unbedingt so leben wie in seinen letzten Jahren, vielleicht weiß er einfach nur keinen Ausweg. Und so lässt er das Management für Januar und Februar 2016 bereits die nächsten zwanzig Konzerte buchen.

Am 13. Dezember, gleich nach dem Ende der Europatour, organisiert ihm Matt Sorum im Whisky a Go Go eine vorgezogene Geburtstagsparty zum Siebzigsten mit großem Szeneaufgalopp. Es gibt Livemusik u. a. von Slash, Anthrax und Steve Vai. Lemmys Sohn Paul Inder traut sich ebenfalls auf die Bühne. Lemmy soll später mit Head Cat ein paar Rock-’n’-Roll-Klassiker zum Besten geben, aber dazu kommt es nicht mehr. Er feiert ohnehin nicht richtig mit, sitzt auf einem der Balkons, schaut von dort oben wie eine greise Majestät auf das Treiben der Jüngeren hinunter.

In den folgenden Tagen geht es ihm schlechter, er wirkt apathisch, nimmt kaum noch etwas zu sich, Lemmys langjährige Freundin Cheryl Keuleman, die schon vor einiger Zeit zu ihm gezogen ist und sich nun zusammen mit Sohn Paul um ihn kümmert, ist besorgt, weil er noch undeutlicher spricht als sonst. Als er über Schmerzen in der Brust klagt, bringen sie ihn ins Krankenhaus, aber sein angeschlagenes Herz ist es diesmal nicht. Die Ärzte ordnen vorsichtshalber eine Computertomographie an. Sie zeigt einen aggressiv streuenden Krebs, der Lemmys Körper bereits an verschiedenen Stellen befallen hat, auch seinen Kopf. Die Ärzte geben ihm zwei, allenfalls sechs Monate Lebenszeit. »Er hat es besser weggesteckt als wir alle«, erzählt ihr Manager Todd Singerman später dem Rolling Stone. »Sein einziger Kommentar war: ›Oh, nur zwei Monate, hm?‹«

Zwei Tage nach dem endgültigen Befund, am 28. Dezember 2015, besucht ihn sein Freund Mikael Maglieri. Der Besitzer des Rainbow hatte ihm zuvor seinen Lieblingsspielautomaten aus dem Club vorbeibringen lassen und will schauen, ob er noch etwas für ihn tun kann. Lemmy sitzt ihm gegenüber auf dem Sofa, irgendwann während ihres Gesprächs fallen ihm vor Müdigkeit die Augen zu. Er wird nicht wieder wach.

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