Erdölstrategien
Von Lucas Zeise
Hier mal etwas Positives über das vergangene Jahr: Der Rohölpreis ist 2025 um 18,5 Prozent gefallen. An Silvester kostete das Fass (Sorte Brent) an der Börse in London 60,9 US-Dollar. Das relativ billige Öl hat in Deutschland (und im übrigen Westeuropa) das Benzin an der Tankstelle ermäßigt und die Energiekosten für Industrie und Handel reduziert. Die Inflation ist wieder auf etwa zwei Prozent zurückgegangen.
Der Rohölpreis liegt derzeit ungefähr auf dem Niveau von Anfang 2021. Vor allem wegen der Sanktionen gegen Russland stieg er 2022 bis auf 120 US-Dollar je Fass, also gut das Doppelte des jetzigen Preises. Man kann konstatieren: Ohne die einsetzende Verbilligung des Erdöls wäre die seit Jahren andauernde Wirtschaftskrise hierzulande noch drastischer ausgefallen. Ausgeblieben wäre sie aber auch ohne das vorangegangene Preiswachstum nicht. Denn vieles spricht dafür, dass die zyklische Krise bereits 2019 eingesetzt hatte und danach zunächst durch die Restriktionen während der Coronaepidemie sowie durch den Konfrontationskurs gegen Russland verschärft wurde. Relativ zu anderen Ländern hat sich die ökonomische Lage in Deutschland verschlechtert. Statt der zuvor relativ günstigen Energiezufuhr muss die deutsche Wirtschaft heute mit vergleichsweise hohen Energiekosten haushalten.
Für die Weltwirtschaft als Ganzes ist die relative Position Deutschlands nicht von Interesse. Aber auch für die globale Ökonomie gilt: Steigende Ölpreise erhöhen die Produktions- und Transportkosten, was die Inflation befeuert, die Kaufkraft mindert und das Wirtschaftswachstum dämpft, während fallende Preise tendenziell die Inflation senken und die Wirtschaft ankurbeln. Für Länder, die Erdöl importieren müssen – wie Deutschland, Indien oder China – gilt das uneingeschränkt. Für Ölexporteure wie Russland, Iran oder Saudi-Arabien sieht das natürlich anders aus.
Die USA sind, wie immer, ein Sonderfall. Sie sind sowohl das größte (oder je nach Rechnungsmethode hinter China das zweitgrößte) Industrieland der Welt als auch das größte Rohölförderland auf dem Globus. Sie verfügen drittens auch über eine Strategie, um den weltweiten Ölmarkt zu steuern.
Ziele dabei: Erstens soll der Ölpreis nicht zu hoch werden, um die Gewinne von Industrie und Handel im eigenen Land nicht zu gefährden und die Kaufkraft der Bevölkerung so weit zu erhalten, dass die Konjunktur nicht abschmiert. Die Trump-Regierung setzt dabei noch konsequenter als ihre Vorgänger auf die Förderung von Öl im eigenen Land. Umweltrestriktionen gegen Ölbohrungen wurden abgeschafft. Im »One Big Beautiful Act« vom Juli 2025 wurden die Förderabgaben von 16,7 auf 12,5 Prozent gesenkt.
Um den Gewinn der Ölkonzerne nicht einbrechen zu lassen und um die Ölproduktion im eigenen Land nicht zu gefährden, darf Öl zweitens nicht zu billig werden. Die mit Fracking arbeitenden Ölproduzenten auf dem US-Festland brauchen nach Angaben der Federal Reserve Bank of Dallas einen Mindestrohölpreis von etwa 65 US-Dollar je Fass. Um das weltweite Angebot an Rohöl einzuschränken, sanktioniert Washington seit Jahrzehnten bevorzugt Erdölexportländer wie den Irak, den Iran, Russland und Venezuela.
Da für 2026 und 2027 wieder ein Überangebot an Erdöl und tendenziell fallende Preise prognostiziert werden, darf man mit weiteren Attacken, wie zuletzt auf Venezuela, rechnen.
Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Aachen
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