Kahlschlag im Gesundheitswesen Italiens
Von Gerhard Feldbauer
Ein erschreckender Bericht der italienischen Gesundheitsbehörde Cittadinanzattiva mit dem Titel »Bürgerbericht zur Gesundheit 2025« verdeutlicht, dass nicht die Qualität der Versorgung, sondern der Zugang zu ihr vielfach das größte Problem im Land darstellt. Kranke werden oft mit Wartelisten vertröstet, bis häufig eine Behandlung nicht mehr möglich ist und sie sterben. Das kommunistische Magazin Contropiano enthüllte dazu zum Jahresende auf seinem Onlineportal, dass laut dem Bericht die Wartezeiten für Untersuchungen und Termine systematisch überschritten werden. Die genannten Beispiele: Auf eine Darmspiegelung müsse man bis zu zwei Jahre warten, auf ein MRT des Gehirns anderthalb und ein Jahr auf eine Computertomographie. Vielfach käme dann die lebensnotwendige Untersuchung zu spät.
Die Verzögerungen, so der Cittadinanzattiva-Bericht, beschränkten sich nicht nur auf Routine- oder Vorsorgeuntersuchungen, sondern betreffen auch Notfälle. Auf eine besonders dringende Darmspiegelung müsse jeder vierte Patient länger als 105 Tage warten, obwohl die gesetzliche Frist in diesem Fall bei 72 Stunden liege. Selbst bei den aufschiebbaren Untersuchungen, die Fristen betragen hier 60 Tage, liegen die Wartezeiten bei 147 Tagen für eine Mammographie und bei 177 Tagen für eine dermatologische Untersuchung. Das bedeutet eine gravierende Beeinträchtigung des Rechts auf Gesundheitsversorgung, das in der italienischen Verfassung in Artikel 32 verankert ist und allen Menschen den gleichen Zugang zur medizinischen Versorgung garantieren soll. Der Bericht zeigt außerdem ein deutliches Nord-Süd-Gefälle – und die Datenlage hat viele Dunkelfelder. Auf die Anfrage von Cittadinanzattiva zur Anwendung des Gesetzes zur Kürzung der Wartelisten hätten nur acht Regionen Italiens vollständig geantwortet.
Die Folgen der Verzögerungen sind dramatisch, insbesondere für Patienten mit chronischen Erkrankungen und seltenen Krankheiten. 83,6 Prozent von ihnen berichten von übermäßig langen Wartezeiten, und 55 Prozent geben an, 2024 aufgrund mangelnder öffentlicher Gesundheitsversorgung Termine oder Untersuchungen gar nicht erhalten zu haben. 85,9 Prozent der Bürger mussten zudem Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel und private Arztbesuche selbst bezahlen. Besonders prekär sei die Situation für Menschen mit seltenen Erkrankungen, was 43 Prozent der Befragten betrifft.
Die Gewerkschaft CGIL zeigte sich immer wieder alarmiert, dass sich die Lage im Gesundheitswesen unter der seit Oktober 2022 regierenden Giorgia Meloni katastrophal verschlimmert habe. Bereits 2023 sei knapp die Hälfte des Budgets zusammengestrichen worden, wodurch dem Gesundheitssektor allein zur Aufrechterhaltung eines Versorgungsminimums mindestens 50 Milliarden Euro fehlten. Das hat, wie die größte italienische Ärztegewerkschaft, ANAAO Assomed, schon 2024 einschätzte, dazu geführt, dass 40.000 Ärzte fehlten, was für 91 Prozent der Krankenhäuser einen Personalmangel bedeutete. Nach der Streichung von mehr als 32.000 Krankenhausbetten in den vergangenen vier Jahren fehlte es vielerorts an stationären Behandlungsmöglichkeiten. Zur gleichen Zeit wurden 95 Kliniken geschlossen, haben rund 11.000 Ärzte das öffentliche Gesundheitswesen verlassen.
Die Milliarden, die den Kranken entzogen werden, fließen stetig in die Rüstungsindustrie. Laut Budgetplanung Melonis sollen bis zu 200 Milliarden Euro fürs Militär mobilisiert werden. Die CGIL protestiert gegen »die Wiederaufrüstung, um Löhne, Gesundheitsversorgung und die Rechte der Menschen in den Mittelpunkt zu rücken«.
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