Patientenfeind des Tages: Ärztelobby
Von Luca von Ludwig
Kaum kann das Merz-Regime nach Monaten des medialen Dauerfeuers den Erwerbslosen finanziell auf die Pelle rücken, da wird sich schon nach neuen Opfern der Kürzungskanonade umgesehen. Im Visier: die Kranken – die können sich nämlich nicht wehren. Todfeind jedes Mediziners, muss man meinen, wenn man dem Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, glaubt, der sich am Montag von der Bild zitieren ließ. Dem sind Arztbesuche aktuell entschieden zu billig: »Statt einer Praxisgebühr könnte es künftig als Eigenbeteiligung bei Arztbesuchen eine Kontaktgebühr geben«, so Gassen. Den Unterschied zwischen Kontakt- und Praxisgebühr zu erläutern, würde hier zu weit führen, und vermutlich erschließt er sich ohnehin nur nach intensivem Kontakt mit Desinfektionsalkohol. Jedenfalls soll beim Gang zum Arzt eine Zahlung von »drei oder vier Euro« fällig werden, »wie zum Beispiel in Japan«.
Bevor Gassen auch noch anfängt, die Japaner für die vielen Arztbesuche, die sie durch die bekanntlich hohen Selbstmordraten einsparen, zu loben, lieber schnell zum nächsten Thema. Denn auch der Lobbyverein namens Deutsche Krankenhausgesellschaft will Verschlimmerungen und künftig pro Klinikaufenthaltstag 20 statt zehn Euro erheben. Können Sie ja für Ihren nächsten Schlaganfall schon mal einplanen, damit der nicht ausgerechnet am Monatsende kommt. Vielleicht sind steigende Gebühren in Verbindung mit der anhaltend hohen Zahl der Behandlungsfehler aber auch einfach gelebte Kreislaufwirtschaft.
Soviel sei jedenfalls gesagt: Erstens sind die durch derlei Vorschläge zu erwartenden Einnahmen, volkswirtschaftlich gesprochen, lächerlich. Und zweitens ist schon jetzt nicht davon auszugehen, dass die Leute aus Spaß Arztpraxen blockieren. Wer in diesem Land zuletzt überhaupt einen Facharzt zügig zu Gesicht bekam, als er erkrankte, werfe den ersten Böller.
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Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (1. Januar 2026 um 21:38 Uhr)»Kontaktgebühr« – was für eine kreative Idee! Dass man darauf nicht schon längst und anderenorts gekommen ist, z. B. in Hamburg. Eine Gebühr zur Berechtigung des Betretens des Kontakthofes, beispielsweise des »Eros-Centers« auf der Reeperbahn, als monetärer Beleg für die ernsthaften Anliegen, eindeutigen Absichten und dringenden Bedürfnisse des Besuchers. Das schafft Klarheit, bringt zusätzliches Geld in die Kassen der Zuhälter und hält geizige Gaffer und Spanner fern. »Wartezimmer« zu »Kontakträumen«, das ist die »reformierte« Service-Zukunft im Großbordell Deutschland. Denn mit der »Kontaktgebühr«, öffnet sich so manche Tür!
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf Schuster aus Gießen (29. Dezember 2025 um 21:10 Uhr)»Und zweitens ist schon jetzt nicht davon auszugehen, dass die Leute aus Spaß Arztpraxen blockieren.« Doch genau das, vielleicht weniger aus »Spaß«, sondern viel mehr aus Langeweile. Denn dass für viele Rentner Arztbesuche eine Art Beschäftigungs- und Kontaktherapie sind (man hat ja sonst nichts zu tun und die Enkel melden sich auch nie), ist ja wohl offenkundig. Und irgendein Wehwehchen findet man ja eh immer, wenn man Ü60 ist und sich sein Leben lang nie um seine Gesundheit gekümmert hat (vor allem die Männer, die ja nicht umsonst in der Regel deutlich früher das Zeitliche segnen). Grundsätzlich ist die Idee schon gut, und würde eben auch zu weniger blockierten Arztpraxen führen. Das Problem wäre freilich, dass die gerade jetzt in Rente gehenden Babyboomer oft über auskömmliche Renten verfügen und sich die Kontaktgebühr locker leisten könnten und würden. Also würde es wieder die falschen treffen.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim Seider aus Berlin (30. Dezember 2025 um 12:48 Uhr)Ist nicht das eigentliche Problem, dass Kanonen und Butter immer weniger zusammenpassen? Aber nein: Der Rentner ist’s.
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