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Aus: Ausgabe vom 30.08.2025, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Nietzsche, Mann und der »Neue Humanismus«

Zu jW vom 23./24.8.: »Hass auf die Masse«

Der zweiteilige Beitrag von Ingar Solty anlässlich des 125. Todestages von Friedrich Nietzsche beginnt hoffnungsvoll mit der Aussicht auf eine »linke Nietzsche-Rezeption«. Indes endet er leider nur mit einer Warnung: »Man halte sich von ihm fern.« Letzteres wird zwar mit Bezug auf einen »Nietzsche-Besoffenen« postuliert, aber das dient letztlich eher der Ablenkung. Von welchem Besoffenen – also von welcher Philosophie auch immer besoffen – sollte man sich nicht fern halten?

Statt – wie der Autor – in seiner Nietzsche-Kritik, vor allem im zweiten Teil, vornehmlich auf Karl Kautsky zu rekurrieren oder Hans Heinz Holz, hätte ich mir gewünscht, dass auch ein anderer Name erwähnt worden wäre: Thomas Mann!

Der Schriftsteller, dessen 150. Geburtstag in den Medien schon das ganze Jahr über als Ereignis gilt, hielt auf seiner ersten Europareise nach dem Zweiten Weltkrieg bei der PEN-Club-Tagung in Zürich am 2. Juni 1947 einen Vortrag unter dem Titel: »Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrungen«. (Wenige Tage zuvor hatte er den gleichen Text übrigens im Hunter College von New York City vorgetragen.)

Und mit diesen im Titel angesprochenen »Erfahrungen« waren zuvorderst der deutsche Faschismus und Imperialismus gemeint, sowie dessen katastrophale Hinterlassenschaften in Europa und weltweit. Was Thomas Mann, der als junger Mensch weltanschaulich selbst ursprünglich stark von Nietzsche beeinflusst war, in dieser Rede herausarbeitet, darf völlig berechtigt als dialektische Negation bezeichnet werden.

Er, der ja kein Marxist ist, unterzieht Nietzsche sowohl einer schonungslosen Kritik (inklusive impliziter Selbstkritik), wie er zugleich eine Würdigung bzw. Herleitung aller bei Nietzsche brauchbaren Gedanken und Ideen leistet. Was dabei herauskommt, ist ein »Neuer Humanismus« (eben über den »alten« der Aufklärung weit hinausgehend), wie ihn Thomas Mann besonders in den letzten zehn Jahren seines Lebens von 1945 bis 1955 vertrat – und wofür er von immer noch oder wieder starken rechten Kräften in den damaligen USA und ebenfalls der neu entstehenden BRD verachtet und sogar verfolgt wurde. Leider ist besagter Aufsatz im Diskurs des Jubiläumsjahres bislang kaum behandelt worden und ist auch fast nur noch antiquarisch zu erhalten. Den »nichtbesoffenen« Interessenten an Nietzsche und überdies Thomas-Mann-Freunden oder -Kritikern wie -Neueinsteigern sollte die Suche danach dennoch der Mühe wert sein.

Peter Bowa, Stuttgart

»Wieder mit den Wölfen geheult«

Zu jW vom 21.8.: »Aus Leserbriefen an die ­Redaktion«

Bezugnehmend auf den Brief von Joachim Becker unter der Überschrift »Falscher Freund: Westfernsehen«. Die Frage, warum Deutschland bereits zum vierten Mal das Land der gescheiterten Revolutionen genannt wird, werden die Geschichtsschreiber beantworten müssen. Die Macht, die für einen Augenblick auf der Straße gelegen hatte, wurde mit Füßen getreten und verröchelte in wahnsinnstrunkenem Geschrei. Großsprecherisch wurde das Ende der Geschichte verkündet. Kurze Zeit später lief die Geschichte im Krebsgang. Jetzt erfüllte sich der Traum der deutschen Industrie! Endlich war in ganz Osteuropa das Kriegsziel erreicht, die östlichen Gebiete lagen dem Kapital zu Füßen. Für die Lohnsklaverei. Für den Absatzmarkt. Und plötzlich waren sie wieder da. Die Gespenster aus der Vergangenheit. Kamen gekrochen aus den Trümmern der verdrängten Erinnerungen. Aus den Kellern des Vergessens. Aus sämtlichen Scheiß- und Dreckshaufen des noch immer geteilten Landes, dessen Wunden noch lange bluten werden. Ein Dokument aus längst vergangenen Zeiten wurde zum Wegweiser für die Zukunft. Eilig wurden die neuen Vokabeln gelernt. Und dann wurde wieder mit den Wölfen geheult. Oder es wurde wieder geschwiegen. Wenn es von Vorteil war. Ostdeutschland wurde sogar mit einem Schweinekoben verglichen, ohne dass es lauten Widerspruch gab. Die Gürtel wurden enger geschnallt. Und in einem Nobelrestaurant in Hamburg machten sich vier Geschäftsleute lustig, weil im naiven Osten der Köhlerglaube kursierte, man könne mit fünfzig Prozent weniger Lohn den Betrieb retten. Im Originalton: Die haben immer noch nicht kapiert, dass sie tot mehr wert sind als lebendig. Die alten und die neuen Nazis grinsten mit erhobenem Arm der Welt frech ins Gesicht. Dann kamen die neuen Ämter, die Arbeit verteilten oder Almosen. Und die Welt war offen für alle. Und jeder konnte alles erreichen, wenn er nur wollte. Unüberschaubare Möglichkeiten, unbegrenzter Spielraum. Da kann ein kleiner Mensch sich schnell verlieren. Und dann die Frage von Schernikau, wo denn alle ihre Geschichtsbücher gelassen hätten. Scheint so, als würden sich einige jetzt erinnern.

Christiane Baumann, Leipzig

Ohne Praxis abgehoben zum Mars

Zu jW vom 13.8.: »Freie Bahn fürs Kapital«

Der Libertarismus ist ein trefflicher Beweis dafür, wie nutzlos scholastisches Denken ist. Man käut seine eigenen Grundannahmen so oft wieder, bis ein einigermaßen logisch scheinender Brei entsteht, mit dem man getrost Unbedarfte abfüttern kann. Dass die Praxis das Kriterium der Wahrheit ist, stört bei dieser Theorie nur. Weshalb man auch die Frage getrost im Schrank lassen darf, wie der Staat seine repressiven Funktionen ausüben soll, wenn er doch von den Eigentümern kein Geld nehmen darf, um seine Repressionen bezahlen zu können. Natürlich alles nur Kleinkram für eine Theorie, die davon absieht, dass eine Gesellschaft auch einer Infrastruktur bedarf, Bildung und gesunde Menschen und vieles andere mehr braucht, woran der einzelne Eigentümer niemals denken würde. Dieses Denken ist so abgehoben von den Erfordernissen der realen Welt, dass seine Werke eher auf dem Mars aufschlagen würden, als in dem Papierkorb, in den sie unbedingt gehören. Und solcher Mist darf heute vorgeben, die Welt im dritten Jahrtausend regieren zu können. Was für ein Graus!

Joachim Seider, Berlin

Was Thomas Mann, der als junger Mensch weltanschaulich selbst ursprünglich stark von Nietzsche beeinflusst war, in dieser Rede herausarbeitet, darf völlig berechtigt als dialektische Negation bezeichnet werden.

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