»Weniger ist illegal«
Von Susanne Knütter
Vier Jahre lang gab es keine Probleme, dann begannen die Schikanen. Rashid wurde unter anderem vorgeworfen, seinen Account geteilt zu haben und seine Aufträge nicht selbst auszufahren. Als der Berliner Lieferando-Fahrer sich beschwerte, drohte ihm sein Vorgesetzter: Er solle die Beschwerde zurücknehmen, oder »wir ficken dein Leben«. Und das war buchstäblich gemeint, erklärte Moritz W. vom Lieferando-Betriebsrat in Berlin. Es sei bekannt gewesen, dass der Syrer auf Arbeitsvertrag, Sozial- und Krankenversicherung angewiesen war und ist. Er wollte seine Familie nach sechs Jahren endlich nach Deutschland holen. Doch im März wurde er gekündigt.
Sein Zweitjob bei Uber Eats reichte nicht aus, um das nötige Gehalt von 2.700 Euro vorzuweisen. Die Behörden entschieden, er dürfe seine Frau nachholen, seine Kinder nicht. Zwar unterlag Lieferando im Kündigungsschutzprozess. Seit Sonntag arbeitet Rashid wieder bei Lieferando. Aber erst in zweieinhalb Jahren kann er für seine Kinder, die derweil bei den Großeltern in Pakistan sind, wieder einen Antrag stellen. Diese Geschichte sei kein Einzelfall, oft gehe es für die Fahrer um einzelne Monate, sagt Moritz W. am Freitag im Gespräch mit jW.
Seit ziemlich genau einem Jahr läuft der Stellenabbau bei dem Lieferdienst Lieferando in Berlin auf Hochtouren. Von 2.000 Fahrern Anfang des Jahres gebe es jetzt noch 1.500. Früh warnte das gewerkschaftliche Kollektiv »Lieferando Workers Collective« vor Massenentlassungen und Schließungen. Lange Zeit passierte der Abbau indirekt über Schikanen und Gängelungen. Die Lohnabrechnungen hätten regelmäßig erhebliche Fehlbeträge aufgewiesen, Arbeitsgerichtsprozesse gegen Lieferando gab es am laufenden Band. Nicht selten schmissen die Fahrer, die bei Lieferando für den Mindestlohn schuften, von sich aus hin. Seit Juli ist klar, das Unternehmen will das kurz zuvor in Österreich verkündete Modell auch in Deutschland anwenden. Bundesweit sollen bis Jahresende mindestens 2.000 Fahrer entlassen und deren Arbeit an Subunternehmen oder Drittdienstleister wie Fleetlery ausgelagert werden. 45 Standorte sind betroffen, 34 werden ganz geschlossen. Darunter der in Potsdam mit 60 Beschäftigten. Aus diesem Grund informierte der Betriebsrat die Kolleginnen und Kollegen am Freitag auf einer Betriebsversammlung in Potsdam.
Jordan und Ewgeni arbeiten seit zwei bzw. einem halben Jahr bei Lieferando in Potsdam. Die beiden Bulgaren sind froh über das gute Team, dass sie einen Arbeitsvertrag haben, sozialversichert sind und normal Steuern zahlen. »Wir wollen legal arbeiten und unseren Beitrag leisten«, sagt Ewgeni gegenüber jW. »Nicht illegal, ohne Schutz«, ergänzt Jordan. Und weniger wäre illegal, so Betriebsrat Moritz W. Aber genau das könnte ihnen bei Fleetlery blühen. Das »Lieferando Workers Collective« spricht von einem kriminogenen Subunternehmersumpf, wo nicht zuletzt Gehaltszahlungen nach kurzfristiger Bekanntgabe des Ortes bar auf der Straße ausgezahlt werden, wie nicht zuletzt Recherchen der ARD-Sendung »Kontraste« und von ZDF-»Wiso« ergaben.
Auch Wolt und Uber Eats arbeiten mit sogenannten Flottenpartnern, die die Lieferkuriere beschäftigen und verwalten. Verantwortung kann so ausgelagert, arbeitsrechtliche Verpflichtungen wie Löhne, Arbeitsbedingungen oder Kündigungsschutz können umgangen werden. Fleetlery sei in diesem System noch einmal eine »Zwischenlinie«, eine »weiße Weste«, so Max Muszak von »Lieferando Workers Collective«. Dass die Kuriere bei Fleetlery gleichzeitig Aufträge für Wolt, Uber Eats und Lieferando ausführen, ist dabei kein Widerspruch. Der Wettbewerb werde auf anderen Ebenen entschieden, so Gewerkschafter Muszak. Etwa wer die bedeutenderen Kunden hat und dergleichen. Das Hauptgeschäft mache Lieferando ohnehin nicht mit dem Ausliefern von Essen, sondern als Bestellplattform. Die meisten Restaurants, die ihre Bestellungen über Lieferando abwickeln, liefern selbst aus. Die Lieferando-Betriebsräte repräsentieren gerade einmal fünf Prozent der Fahrer, die Lieferando-Bestellungen ausfahren. Und diese fünf Prozent, für die arbeitsvertragliche Mindeststandards gelten, wolle Lieferando nun offenbar auch noch loswerden, ergänzt Moritz W.
Die Hoffnung ist, dass Lieferando es sich noch einmal überlegt, mit Firmen wie Fleetlery zusammenzuarbeiten. Gleiches gilt für die weiteren Subunternehmen. Betriebsrat und »Lieferando Workers Collective« in Berlin fordern einerseits die Rücknahme der Schließungspläne, andererseits, dass die Potsdamer Kollegen vom Berliner Zweig übernommen werden. Doch was jahrelang gang und gäbe war, nämlich der flexible Einsatz der Berliner und Potsdamer Fahrer, soll nun nicht mehr möglich sein, wie Moritz W. kritisiert. Die Streikversammlung, die am Freitag parallel zur Betriebsversammlung verlief, dauerte bis zum Abend. Falls die Kollegen Arbeitsniederlegungen beschließen sollten: Ewgeni und Jordan wären dabei.
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