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Aus: Ausgabe vom 29.08.2025, Seite 12 / Thema
Politische Kultur

Bis zum Kältetod

Ein Essay über den Niedergang des Politischen, die sogenannte Cancel Culture und eine Krise ohne Alternative
Von Marc Püschel
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Aus sicherer Distanz die Faust ballen – eine Vereinzelung, die langfristig schädlich wirkt. Passant bei einem Protest am Berliner Ernst-Reuter Platz (28.4.2023)

Demokratie ist eine unangenehme Sache, besonders in Krisenzeiten. Das wusste bereits der antike Geschichtsschreiber Thukydides, der von der Stimmung berichtet, nachdem Athener Feldherren im Peloponnesischen Krieg das Volk zu mehr Aufrüstung überredet hatten: »So kam es denn, dass bei dem Übereifer der Mehrzahl derjenige, der etwa nicht einverstanden war, aus Furcht, infolge seiner Gegenstimme für einen schlechten Bürger gehalten zu werden, den Mund hielt.«

Wer heute anprangert, man müsse Angst haben, seine Meinung frei zu äußern, ruft selten diese historische Analogie auf. Das mag zum einen daran liegen, dass die Meinung der Majorität bereits so unreflektiert als das Richtige angesehen wird, dass man es bevorzugt, sich als Vertreter einer (tatsächlichen oder fiktiven) Mehrheit zu gerieren. Andere Meinungen unterdrücken, »canceln«, das mache immer nur eine hysterische Minderheit. Zum anderen wäre die Analogie selbst schief, denn der moderne Staat ist nicht im antiken Sinne demokratisch verfasst. War in der Polis der demos, das versammelte Volk, gleichbedeutend mit dem Staat, ist der bürgerliche Staat der Gegenwart eine durch Gewaltenteilung und Repräsentativsystem geprägte Republik.

Die Form dieses modernen Repräsentativ­­staates schälte sich als Reaktion auf die Französische Revolution heraus, in der Robespierre – »Rousseaus blutige Hand« (Heine) – den Anspruch erhob, unmittelbar die volonté générale, den allgemeinen Willen des Volkes, zu vollstrecken. Doch dessen Unbestimmtheit führte, so Hegel, zur Herrschaft erst des Verdachts, wer sich nicht in der Gesinnung befindet, und schließlich des »Schreckens«.

Anders als das Scherbengericht der attischen Demokratie wird dieser Gesinnungsterror oft als Analogie zur Gegenwart herangezogen. Zum Verständnis der sogenannten Cancel Culture trägt sie allerdings kaum etwas bei. Mit historischen Analogien lässt sich zwar auf einen gemeinsamen Aspekt hindeuten, doch das Wesen einer Sache sieht nur ein, wer ihre spezifische Differenz aufzuzeigen vermag. Der Erfassung der politischen Kultur unserer Zeit ist mit Vergleichen, bei der »Cancel Culture« halte es sich um eine »neue Stasi« oder um Hexenverfolgung, um Denunziantenwesen oder eine religiöse Haltung, wenig geholfen.

Ohnehin geht fehl, wer nur auf die ideologische Seite schaut und »Cancel Culture« als Ergebnis lediglich eines falschen Denkens fasst. Zum alleinigen Übel werden dann die Ideen erklärt, die hinter der »Cancel Culture« stecken – Überbewertung der Opferrolle, Essentialisierung von Identitäten, Standortdenken, Fokus auf die Veränderung von Sprache – und die sich auf einzelne Denker wie Michel Foucault zurückführen ließen (wie es etwa die Philosophin Susan Neiman in »Links ist nicht woke« tut). Diese Simplifizierung wird nicht nur den Denkern meist nicht gerecht (Foucault hätte es vor einem Denken in Identitäten gegraut), sondern bleibt auch an der Oberfläche der reinen Theorie stehen. Im Folgenden soll dagegen der Versuch unternommen werden, das Problem von der strukturellen Seite aus zu fassen.

Der allgemeine Wille

Die Form der bürgerlichen Republik soll dazu dienen, die direkte Unterordnung unter einen unbestimmten allgemeinen Willen zu vermeiden. In ihr wird Politik funktional nach Gewalten und repräsentativ nach Parteien, Vereinen etc. ausdifferenziert. Statt einem allgemeinen Willen gibt es nun viele, die jeweils vermittelt Anteil am Staatswesen nehmen. Das eigentliche Problem ist damit aber gleichsam nur verschoben. Man kann zwar zum Beispiel seine Parteimitgliedschaft frei wählen, doch muss, wer einer beitritt, die Mehrheitsmeinung der dortigen Mitglieder akzeptieren. Das Unangenehme der Dominanz einer Mehrheit über eine Minderheit, das in jeder demokratischen Abstimmung steckt, findet weiterhin statt, denn jede Partei, Gewerkschaft oder andere politische Organisation stellt einen allgemeinen Willen her. Die Frage lautet also: Was bringt Menschen dazu, diesen Willen anzuerkennen, selbst wenn sie in ihren Meinungen teilweise von der Mehrheit abweichen und damit Abstriche bei der Durchsetzung ihres je partikularen Willens machen müssen?

Das Problem betrifft Parteien in unterschiedlichem Maße, am stärksten aber die Kommunisten. Denn die Besonderheit ihrer Partei, so schreibt Georg Lukács in »Geschichte und Klassenbewußtsein«, zeige sich »in den höheren Ansprüchen, die sie an ihre einzelnen Mitglieder stellt«. Der Kern dieser Ansprüche aber bestehe im »Verzicht auf individuelle Freiheit. Es bedeutet das bewußte Sich-unterordnen jenem Gesamtwillen, der die wirkliche Freiheit wirklich ins Leben zu rufen bestimmt ist, der heute die ersten, schweren, unsicheren und tastenden Schritte ihr gegenüber zu tun ernsthaft unternimmt. Dieser bewußte Gesamtwille ist die kommunistische Partei.«

Wo dieser Selbstanspruch gelang oder wo er diktatorisch durchgesetzt wurde, folgte zweierlei: Diese Parteien erwiesen sich als die handlungsfähigsten des vergangenen Jahrhunderts, und sie waren beständig von Spaltung bedroht. Denn die radikale Unterordnung unter einen »Kollektivwillen« (Gramsci) erfordert in vielen konkreten Fällen Handeln gegen die eigene Überzeugung. Diese Selbstverleugnung setzt aber wiederum die übergeordnete allgemeine Überzeugung voraus, die Partei, in der man Mitglied ist, sei die richtige. Wo diese Überzeugung schwindet, kommt es bei jedem großen politischen Richtungsstreit zu Spaltungen, die gerade Ausdruck davon sind, dass Abweichungen von der Parteilinie auch in Einzelfällen nicht zugelassen sind. So wird jeder Richtungsstreit zur Frage um alles oder nichts – Mithandeln im Parteiwillen oder austreten.

Diese Spaltungen haben vielfach Spott hervorgerufen, man denke nur an die »Volksfront von Judäa« und die »judäische Volksfront« in dem Monty-Python-Film »Das Leben des Brian«, der trefflich das Sektenwesen der K-Gruppen parodierte. Solch Spott scheint die Kommunisten aus sicherer Position heraus zu treffen, denn die bürgerlichen Parteien (womit hier in neutralem Sinne alle nichtkommunistischen Parteien gemeint sind) haben diesen radikalen Anspruch an ihre Mitglieder nicht. Wer in die SPD oder die CDU eintritt, ist nicht verpflichtet, für sie zu handeln. Selbst wer in ihrem Auftrag Ämter übernimmt, hat in der Regel noch Spielraum für von der Parteilinie abweichende Handlungen und Meinungen. Der Preis dafür ist eine geringere Durchsetzungskraft. Der Lohn: Stabilität.

Doch was lange für eine Besonderheit der Kommunisten gehalten wurde, ist plötzlich allgegenwärtig. Nicht nur ihre Parteien machten in Europa Bankrott, in Italien brach beispielsweise zu Beginn der 1990er Jahre das ganze alte Parteiensystem zusammen. Mittlerweile sind in allen europäischen Ländern auch die bürgerlichen Parteien von Spaltungen betroffen. So stellt sich die Frage, ob nicht dieselben Entwicklungstendenzen, die kommunistische Parteien zerrissen haben, auf Dauer auch alle anderen Parteien und damit das lange für stabil gehaltene politische System des »Westens« zerreißen. Denn offenbar reichen selbst die in bürgerlichen Republiken bestehenden Ausweichmöglichkeiten nicht mehr hin, um dauerhaft zu gewährleisten, dass Menschen ihre subjektive Meinung hintanstellen und den allgemeinen Willen einer Partei akzeptieren.

Fall der Institutionalisierungsrate

In seinem 2023 auf deutsch bei Suhrkamp erschienenen Buch »Hyperpolitik« konstatiert der belgische Historiker Anton Jäger einen zunehmenden Wandel der politischen Strukturen in den vergangenen Jahrzehnten. Vor allem nehme der »Institutionalisierungsgrad« immer stärker ab: Menschen sind immer weniger in feste Organisationen eingebunden. In den vergangenen Jahren habe sich daher eine »Hyperpolitik« entwickelt, die individualistischer und volatiler ist. Ein Engagement in Parteien, Gewerkschaften oder Vereinen verlaufe in immer kürzeren Zeitspannen, die Hürden für einen Austritt seien immer niedriger. Politik werde dynamischer, geradezu überspannt, und bleibe dabei trotzdem oft diffus. In der Hyperpolitik verfügen die Menschen »nicht länger über Heuristiken, die ihre Meinungen themenübergreifend ordnen; statt dessen entstehen flüchtige, episodische und themengebundene Instant-Denkweisen«.

Was Jäger beschreibt, hat verschiedene Gründe, die er teils nicht benennt, teils nur unzureichend ausführt. An dieser Stelle seien lediglich drei Aspekte hervorgehoben. Erstens wurde seit den 1980er Jahren Liberalisierung zunehmend als Waffe eingesetzt. Im Sinne eines Teile-und-herrsche-Prinzips (das auch Margaret Thatchers Maxime »There is no such thing as society« bestimmt) wurden Institutionen geschliffen und gesellschaftliche Organisierung bekämpft. Von Kapitalseite aus gesehen war das eine sinnvolle Strategie, denn die Notwendigkeit, sich zusammenzuschließen, ist asymmetrisch: »Die Kapitalisten sind immer organisiert«, schreibt Friedrich Engels, »in den meisten Fällen brauchen sie keinen formellen Verband, keine Statuten, keine Funktionäre etc. Ihre im Vergleich zu den Arbeitern geringe Zahl, der Umstand, daß sie eine besondere Klasse bilden, ihr ständiger gesellschaftlicher und geschäftlicher Verkehr untereinander machen das alles überflüssig.« Die Arbeiter jedoch sind durchaus auf starke Organisationen angewiesen.

Zugleich liegt in der Abschaffung allgemeiner Strukturen tatsächlich ein befreiendes Moment. In Anlehnung an die berühmte Bestimmung des Arbeiters bei Marx könnte man sagen: Wenn eine Gewerkschaft zerschlagen wird, so werden ihre Mitglieder erneut doppelt frei: frei von der Möglichkeit, im Betrieb mitzubestimmen, aber auch frei davon, sich dem kollektiven Willen der Kollegen unterzuordnen – was durchaus relevant sein kann, etwa wenn es je nach Lebensumständen einzelnen Arbeitern ganz gut passt, dass Arbeitsverhältnisse flexibilisiert werden. Nur wer diesen Doppelaspekt vor Augen hat, versteht, warum die in der Defensive befindliche Linke sich nach 1990 dazu hat verleiten lassen, an dem Abbau bestehender Strukturen mitzuarbeiten. Liberalisierung wurde zu einer linken Angelegenheit – Stichwort New Labour.

Dies koinzidierte mit dem zweiten Aspekt, der voranschreitenden kapitalistischen »Landnahme«. Vom Profit getrieben, müssen immer neue Nischen erschlossen werden, darunter auch jene, Menschen die Infrastruktur für Meinungsäußerungen anzubieten. Dazu zählen nicht nur werbe- oder abofinanzierte soziale Medien, sondern auch geringere Hürden für die Produktion eigener Schriften, billigere Druckmöglichkeiten etc. Das erleichtert schon rein von der materiellen Seite her politische Spaltungen. Im 19. Jahrhundert war beispielsweise der Betrieb einer eigenen, womöglich illegalen Druckerei samt Aufbau von Vertriebswegen für sich schon eine so aufwendige Operation, dass sie nur kollektiv geleistet werden konnte. Wer aus einer solchen Organisation ausschied, ging auch der Möglichkeit verlustig, seine Meinung über den engen Radius seiner Stimme hinaus verbreiten zu können. Vergleichbare materielle Hürden, sich einem Kollektivwillen zu entziehen, gibt es heute dank des Internets kaum mehr.

Drittens ist die Moderne von einer generellen Entwöhnung, sich allgemeinen Strukturen unterzuordnen, geprägt. Von den Bolschewiki hieß es mitunter polemisch, sie hätten die Zarenherrschaft nur fortgeführt. Darin steckt zumindest der wahre Gehalt, dass eine an Ergebenheit gegenüber Zar und Pope gewöhnte Bauernschaft, die das Lesen erst mit kommunistischen Schriften lernte, weniger widerständig war als eine hochgradig individualisierte Bevölkerung, in der sich zahlreiche politische Strömungen bereits »festgesetzt« haben. Doch wie beim Spott über die Spaltungen gilt auch hier: Was das Bürgertum meint, exklusiv am politischen Gegner ausmachen zu können, schlägt längst auf es selbst zurück.

Die Zurückdrängung der kirchlichen Aufsicht, patriarchaler Familienstrukturen, autoritärer Behörden etc. ist an sich ein großer Gewinn. Selbst die immer weitergehende Flexibilisierung der Arbeitswelt hat positive Aspekte. Während die erste Nachkriegsgeneration oft noch ein Leben lang bei einem »Arbeitgeber« blieb und dabei krude Loyalitäten entwickelte, ist die Hemmschwelle, sich weniger gefallen zu lassen und zu kündigen, heute weit niedriger. All diese Tendenzen tragen aber auch zur Entwöhnung der Akzeptanz eines allgemeinen Willens bei, auf die Parteien und das ganze politische System angewiesen sind.

Nie endende Kritik

Was hat all das mit »Cancel Culture« zu tun? Sieht man genauer hin, ist es gerade der geringe Institutionalisierungsgrad und die damit verbundene Dezentralisierung der Willensbildung und -durchsetzung, die den Unterschied zu den in den Debatten um die »Cancel Culture« oft herangezogenen historischen Analogien darstellen. Das entscheidende Neue an ihr ist gerade das, was manchen Linken als das Progressive daran gilt: dass keine Institution mehr hinter einer kritisierenden Bewegung steht.

Nehmen wir als Beispiel einen Fall, der in der »Cancel Culture« vorkommt: Ein Professor vertritt in einer Vorlesung eine politische Position, eine Reihe von Studenten vertritt die gegenteilige. Sind sie in einer starken Studentenorganisation organisiert, können sie sich dafür einsetzen, dass eine Kampagne gestartet wird. Da eine Studentenorganisation viele Arbeitsfelder und Projekte hat, ist es eine zweckrationale Abwägungssache, ob sie die Kapazitäten hat, gegen den Professor vorzugehen. Die Studenten müssen daher zunächst andere Studenten mit – mehr oder weniger rationalen – Argumenten überzeugen. Setzen sie sich durch und haben Erfolg, etwa indem der Professor sich revidiert, ist es wiederum eine Frage der Zweckmäßigkeit, ob die Studenten weiter gegen den Professor vorgehen, etwa ihn von der Universität vertreiben, oder lieber andere Projekte verfolgen will.

Man sieht schon an diesem simplen Fall, dass die Zweckrationalität, die jeder handlungsfähigen Organisation innewohnt, mäßigend wirkt. Ob und wie gegen einen politischen Gegner vorgegangen wird, ist zumindest eine Frage der Abwägung. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Studentenorganisation tatsächlich eine verbindliche Entscheidung für alle ihre Mitglieder festlegen kann. Anders formuliert: Sie muss einen allgemeinen Willen verkörpern.

Da ein allgemeiner Wille in der Gegenwart aber eher als Belastung denn als Voraussetzung von Handlungsfähigkeit aufgefasst wird, ist der Regelfall ein anderer: Studenten kritisieren den Professor, ohne den Umweg über eine Organisation zu nehmen. Die Willensbildung, die früher innerhalb von Parteien oder Vereinen stattfand, verschiebt sich in die Öffentlichkeit; kollektive politische Aktionen beruhen bestenfalls auf Ad-hoc-Bündnissen. Die Frage, wer ein sinnvolles Ziel von Kritik ist, wird dann nicht mehr diskutiert, sondern erst im Prozess des Kritisierens dadurch beantwortet, ob sich eine Masse an einzelnen Kritikern zusammenschließt oder nicht.

Die Konsequenzen sind nicht unerheblich. Prinzipiell muss man erst öffentlich kritisieren, um dann sehen zu können, ob sich andere anschließen. Dies führt zu einer Entgrenzung der Kritik: Die Anlässe werden immer nichtiger und tendenziell hört sie nie auf. Denn es finden sich immer welche, die auch nach Erreichen eines Ziels weiter Kritik üben, da sie näher damit befasst sind als andere. Umgekehrt können Opfer von Kritik sich nicht mehr sinnvoll wehren, da es keine Instanz mehr gibt, an die sie sich wenden können, etwa das leitende Gremium einer Studentenorganisation.

Sind Menschen, denen man Fehlverhalten vorwirft, bereits organisiert, so werden sie immer öfter ausgeschlossen oder entziehen sich den Vorwürfen freiwillig durch Austritt. Doch mit jedem weiteren Ausschluss oder Austritt wird nicht nur die entsprechende Struktur geschwächt, sondern auch die Tendenz verstärkt, Vorwürfe öffentlich zu verhandeln und dabei nur noch das Argument der Masse gelten zu lassen.

Letztlich führt die Individualisierung des Politischen dazu, dass Aushandlungsprozesse und Funktionsweisen von Organisationen gar nicht mehr verstanden werden. Dass in jeder Organisation, in der viele Menschen zusammenwirken, Kompromisse eingegangen werden, dass man auch einmal taktisch handeln und seine Ziele verschleiern muss, dass nichtöffentliche Verhandlungen mit politischen Gegnern geführt werden und Institutionen diplomatisch kommunizieren müssen – all diese Prinzipien der politischen Kultur geraten unter Beschuss. An ihre Stelle tritt ein Kult der Unmittelbarkeit, bei dem zu jeder Zeit eine sofortige und möglichst ungefilterte persönliche Stellungnahme erwartet wird. Donald Trump mag einen besonders erratischen Charakter haben, aber sein Stil, fast alle politische Kommunikation über die sozialen Medien laufen zu lassen, entspricht nur zu genau dem Zeitgeist. In dieser Atmosphäre gerät bereits in Verdacht, wer es unterlässt, sich jederzeit politisch zu positionieren.

Der geringere Institutionalisierungsgrad stößt eine Entwicklung an, die sich verselbständigt. Dadurch, dass immer mehr und einfachere Möglichkeiten zur Verfügung stehen, seine Meinung zu äußern – was isoliert betrachtet erfreulich ist –, drehen sich Machtverhältnisse in der öffentlichen Sphäre um. Wo früher der einzelne Autor von Medienunternehmen abhängig war, erreichen heute einzelne Influencer ein größeres Publikum als ganze Medienhäuser mit Hunderten Mitarbeitern. In der Folge wird es immer attraktiver, sich nicht mehr dem allgemeinen Willen einer Partei oder der politischen Linie eines Mediums anzuschließen, sondern als Einzelgänger aktiv zu sein – als Influencer, freier Autor, Dozent ohne politische Anbindung, Bildungsreferent, Kulturveranstalter usw.

Teufelskreis

Eine solche individualisierte Aktivität bringt zwei große Vorteile mit sich: Man kann erstens nicht mehr in Haftung genommen werden für politische Positionen, die man nicht oder nur teilweise vertritt, was besonders in der diskursiv aufgeladenen Gegenwart eine ungeheure Entlastung darstellt. Wer nur seine eigene Position vertreten muss, kann sowohl radikaler als auch versöhnlicher als politische Organisationen auftreten. So geraten diese unter zunehmenden Druck von Aktivisten und sind mit den entgegengesetzten Vorwürfen, zu radikal und zuwenig radikal zu sein, immer zugleich konfrontiert.

Zweitens ist man in Sachen Arbeitsaufwand immer im Vorteil: Wer Lebenszeit dafür aufwendet, die Infrastruktur von Organisationen aufrechtzuerhalten, indem er sich etwa um die Durchführung von Parteitagen, Sitzungen und Abstimmungen kümmert, Protokolle schreibt oder andere einfache Aufgaben übernimmt, gerät auf Dauer ins Hintertreffen gegenüber denjenigen, die als Trittbrettfahrer Organisationen nur benutzen, um sich zu profilieren, und dann doch als Einzelgänger aktiv zu werden, oder die von vornherein ihre Energie nur dafür verwenden, den eigenen »Marktwert« zu steigern. So wird nicht selten ein regelrechter Negativwettbewerb in politische Gruppen getragen: Wer sich als Letzter herauszieht und am wenigsten für sich selbst arbeitet, an dem bleibt die meiste Arbeit hängen, was nicht selten zu Überarbeitung und Burnout führt.

Die Folgen sind gravierend: Wenn immer weniger Menschen allgemeine, klar definierte Positionen beziehen oder Verantwortung für sie übernehmen, werden sie zunehmend unangreifbar. Wer ausschließlich seine eigenen Standpunkte vertritt, ist wendig: Posts können gelöscht, Pseudonyme verwendet, im direkten Gespräch Positionen nach Belieben abgemildert oder zurückgezogen werden, wie es gerade passt. Doch was man dabei als potentiell Kritisierter gewinnt, verliert man als möglicher Kritiker. Wer andere nicht mehr »dingfest« machen kann, weil Individualisten nun mal weniger festgelegt sind als etwa Parteien mit ihren ausgehandelten und schriftlich fixierten politischen Zielen, bekommt das Bedürfnis nach Kompensation.

Die meisten diskursiven Probleme, die der »Cancel Culture« zugerechnet werden, sind auf Bemühungen zurückzuführen, im Sinne dieser Kompensation den Menschen eine allgemeine politische Position zuzuschreiben. Unredliche Methoden, etwa den Kontaktschuldvorwurf oder wenn das Schweigen einer Person zu einem politischen Konflikt bereits als explizite Stellungnahme gewertet wird, gab es zwar schon immer. Doch das gestiegene Ausmaß, in dem sie angewandt werden, lässt sich nur verstehen, wenn man das zugrundeliegende Bedürfnis, als Kritiker sein Gegenüber auf eine Position festlegen zu können, versteht. Daraus entsteht ein Teufelskreis: Durch die immer absurderen Vorwürfe steigt wiederum das Bedürfnis bei allen, sich einer (möglichen) Kritik zu entziehen, indem man sich noch weniger zuordnen lässt. Aktivisten reagieren darauf, indem sie entweder noch häufiger die genannten Methoden anwenden oder sich noch stärker an Organisationen abarbeiten, da sie nur noch hier ein klares Ziel ausmachen können.

In der Folge treten noch mehr Menschen aus Organisationen aus, um sich zu entlasten, werden ganz unpolitisch oder verlagern ihr Engagement auf ein nur scheinbar politisches Feld. An die Stelle der Arbeit in Parteien, Gewerkschaften, Antifagruppen usw., in denen ein allgemeiner Wille gebildet wird, der zu einem kollektiven Handeln führt (mit Abstrichen gilt das auch für die Mitarbeit an einer Zeitung oder anderen kollektiven Medien), treten dann die Soli-Party, der Lesekreis oder die Kulturveranstaltung. So kann zwar Streit vermieden werden, da man sich nicht mehr auf ein gemeinsames Ziel einigen muss, doch verwischt man gerade dadurch die Grenze zwischen Politischem und Privatem immer weiter. Die Folge ist ein pseudo-politischer »Kulturalismus«, dessen negative Folgen Stefan Ripplinger ausgeführt hat (vgl. junge Welt vom 30.1.2021).

Ausweglose Lage?

Es ist in letzter Zeit gelegentlich der Topos einer »Krise ohne Alternative« aufgerufen worden (vgl. Oliver Weber in der Zeitschrift Merkur, Nr. 905). Der Gedanke geht auf den Althistoriker Christian Meier zurück, demzufolge sich in der späten Römischen Republik eine historische Konstellation herausgebildet hatte, in der kein Akteur das Ganze der Gesellschaft und ihrer Probleme ins Auge zu nehmen vermochte, da das Bestehen der jahrhundertealten Republik für alle eine unhinterfragte Voraussetzung bildete. So verstärkten alle Akteure in ihrem Handeln die Krise und kurierten bestenfalls Symptome. »Die Konstellationen des Handelns ließen sich lange Zeit nicht zum Gegenstand von Politik machen«, so Meier in seiner Caesar-Biographie.

Eine vergleichbare Unfähigkeit, die Konstellationen des Handelns verfügbar zu machen, könnte in der Gegenwart vorliegen. Das Aufrechterhalten von Strukturen, in denen gemeinsames Handeln unter einem allgemeinen Willen stattfinden kann, wird im Angesicht der Effektivität, mit der man sich ihnen entziehen kann, zu einer Belastung. Wer sich aus der Verantwortung für ein kollektives Projekt nimmt, macht sich weniger angreifbar und entlastet sich persönlich, vergrößert aber zugleich das Bedürfnis nach künstlicher Zuordnung im öffentlichen Diskurs und damit gerade einen der Mechanismen, weswegen er sich der Verantwortung für einen allgemeinen Willen entzieht. Und ein Aushandeln, in welchem Maße man kollektiv agiert, würde bereits voraussetzen, dass alle Beteiligten das Ergebnis akzeptieren – eben die Akzeptanz eines solchen allgemeinen Willens aber steht zur Disposition.

Die letzte Konsequenz läge dann darin, dass aus politischen Diskussionen überhaupt nichts mehr folgt, weil jede Einigung auf etwas bereits ein Allgemeines konstituiert, dem man sich unterordnen müsste. So wird aus dem Diskurs ein Reden um des Redens willen, ein bloßes gegenseitiges Herzeigen von Meinungen. Linke halten in der Regel wenigstens noch in der »Cancel Culture« daran fest, dass aus Kritik etwas folgen soll. Die rechte »Cancel Culture« dagegen, die meist im Gewand des Beharrens auf absolute Meinungsfreiheit vorgebracht wird, zielt auf die extremste Ungebundenheit, die denkbar ist: Jede politische Maßnahme, jedes Reagieren auf objektive Problemlagen wird bereits als bevormundend und totalitär diffamiert.

Unserer Zeit eignet damit nicht nur etwas von dem Niedergang der Römischen Republik, sondern auch der zentrifugalen Kräfte der Spätantike, als die politischen Akteure aufs Land flüchteten und sich den staatlichen Strukturen entzogen. Die Vergleichsgröße für die Gegenwart, die an einer umfassenden »Krise des Allgemeinen« (Andreas Reckwitz) leidet, wäre dann das frühe Mittelalter, die völlige Zerdehnung der Gesellschaft – vergleichbar dem prognostizierten Kältetod des Universums, in dem kein Gravitationszentrum mehr stark genug ist, die Materie zusammenzuhalten. In dieser Lage muss eine andere, radikalere Alternative aufgerufen werden als nur die vage Forderung Anton Jägers nach einer Reinstitutionalisierung des politischen Engagements. Der erste Schritt dahin wäre, ein Bewusstsein über die Dynamiken zu entwickeln, die eine solche erforderlich machen.

Marc Püschel ist Redakteur im Thema-Ressort dieser Zeitung.

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