Reiche Natur, arme Natur
Von Gisela Sonnenburg
Vor dem Botanischen Garten in Hamburg lockt, nahe der S-Bahn-Station, ein korpulenter Nackedei aus Bronze zu Selfies. »Adam plündert sein Paradies« heißt die Skulptur von Waldemar Otto. Sie zeigt einen Dickbäuchigen, der sich unterm goldbuschigen Baum achtlos zur Seite biegt. Eine Inschrift bekräftigt die Absicht des Künstlers: Er warnt davor, dass der Mensch die Natur zerstört. Wie nebenbei führt der Bronzeakt von 1982 aber auch eine Tradition fort, die die Geschichte der botanischen Gärten wie eine anheimelnde Melodie begleitet. Die erste Blütezeit der botanischen Gärten fiel nämlich auch in die Frühphase der Freikörperbewegung. Nacktheit in der Kunst und Gartenkultur gehören einfach zusammen.
Wo und wie fühlt sich der Körper natürlich an? In privaten Gärten und auf Bergen, hinter Dünen und an versteckten Orten im Wald übten Mutige in Grüppchen das Nacktsein. Auf dem Monte Verità in der Schweiz fanden sich gleich mehrere Konzepte vom »naturnahen Leben«. Berühmt wurden ab 1913 die dort Auftanzenden mit dem Tanzpionier Rudolf von Laban. Aber auch ein Nacktgärtner, der sich mit Stirnband und Spaten stolz fotografieren ließ, ist bis heute ein Hingucker.
Figuren in botanischen Gärten sind meist der Verbindung des Menschen zur Natur gewidmet. In Berlin steht das allerdings in Frage. Betritt man hier gegen unverschämte zehn Euro Eintritt den Botanischen Garten – nachdem man ein ziemliches Stück vom S-Bahnhof aus wandern musste –, fällt rechterhand ein schlichter leerer Sockel auf. Jahrzehntelang stand dort »Der Sämann« von Hermann Joachim Pagels. Er übte, nur mit einem Schurz bekleidet, das Aussäen. Besonders schön war er nicht. Aber nackig. Und: Er hatte als Urbauer hier irgendwie seinen Sinn. Dumm nur, dass Pagels mit seiner Kunst später auch Hitler zu Diensten war. Lange störte das niemanden, aber dann musste der Sämann doch vom Sockel.
Wie viele andere (halb-)nackte Standbilder wurde er aus dem Botanischen Garten entfernt und bis auf weiteres eingelagert. Angeblich will man die Provenienz, also die Herkunft und Besitzgeschichte, der Werke klären. Ebenso ergeht es der berühmten »Hingebung« von Arthur Lewin-Funcke. Sie stammt von 1916 und zeigt eine allegorische Nackte, die – offenbar zu Musik – beschwörend symmetrisch die Arme hebt. Zweifellos ist sie der Kunst des Ausdruckstanzes gewidmet, die damals gerade aufkam. Die Familie des Künstlers überließ das Werk dem Botanischen Garten. Trotzdem wird da jetzt die Provenienz überprüft.
Solche Überprüfungen liegen bei Museen derzeit im Trend: entweder, weil eventuell ein Boss dadurch seine Karriere aufpolieren oder nicht verlieren will. Möglicherweise auch, weil oft nicht zu Unrecht zu befürchten ist, dass jüdische Kunstbesitzer im »Dritten Reich« enteignet oder anders benachteiligt wurden. Einen konkreten Verdacht gab es bei Pagels »Sämann« oder der »Hingebung« bisher allerdings nicht.
Auch bei den Putten aus dem 18. Jahrhundert, die früher hier zu sehen waren, dürfte der Holocaust kaum eine Rolle spielen. Und über den Verbleib des Sandsteinreliefs aus dem Art déco, das nahe der Königin-Luise-Straße einen weiblichen Akt zeigte, erfährt man gleich gar nichts. Warum all diese Nackten weggeräumt wurden, bleibt ein Mysterium. Vielleicht will man die wertvollen Stücke einfach nicht mehr pflegen und bewachen müssen.
Auf jeden Fall passt die »Entkunstung« zur großen Lieblosigkeit, mit der Berlins Botanischer Garten herabgewirtschaftet wird. Prof. Thomas Borsch, seit 2008 Direktor des Botanischen Gartens und Botanischen Museums Berlin, tat schon viel, um sich selbst ins Gespräch zu bringen, auch gegen die Interessen der Natur. So etablierte er nächtliche Lichtshows, die Vögel den Schrecktod und unzähligen Lebewesen eine gestörte Ruhe- oder auch Jagdzeit bescheren können. Den Budgetkürzungen durch den Berliner Senat wirkt Borsch damit kaum entgegen. Wie wäre es mal mit Fundraising bei den Berliner Reichen?
Neuerdings wird Borschs Botanischer Garten unter dem lächerlichen Kürzel »Bo« vermarktet. Fakt ist: Von Jahr zu Jahr wird der Rundgang im »Bo« trauriger. Denn angeblich ist »Bo« zwar der größte und artenreichste Botanische Garten Deutschlands. Aber dem Aussehen nach wird er immer struppiger, ungepflegter, unwirtlicher. Berlin ist offenbar zu arm, um das Grundstück in Schuss zu halten. An einem durchschnittlichen Sonntag kann es einem dort passieren, dass umgekippte Absperrgitter en gros auf den Wegen herumliegen, als hätte man am Abend zuvor mitten im Aufräumen den Feierabend ausgerufen. Rollstuhlfahrer müssen dann fliegen können, wollen sie ihren Weg fortsetzen.
Auch der einst hervorragend vielfältig bestückte Souvenirshop wurde ersatzlos abgeschafft. Samentütchen und Porzellan, Servietten und Modeschmuck: ade. Und wo sind die 17 Millionen Euro, die der Berliner Senat für die touristische Erschließung des »Bo« lockermachte? Nun, der Botanische Garten in Berlin braucht ohnehin Pflege, also Investment, und keine weitere Ausbeutung durch wahllos herangekarrtes Partypublikum. Aber das will der Senat nicht wissen. Entsprechend hat er die Mittel zur Sanierung des prächtigen, historischen »Mittelmeerhauses« gekürzt – ein Skandal.
Nur bei der Digitalisierung ist Berlins Botanischer Garten gut drauf. Bis 2030 soll, was nur geht, digitalisiert und weltweit zugänglich sein. Was die örtliche Bevölkerung davon hat? Genau: nichts. Wer hochkarätige Gartenlandschaften mit romantischen Bachläufen und urtümlichen Miniwäldern genießen will, geht besser in Hamburg zum Nulltarif in den top gepflegten Botanischen Garten. Dort sind sogar die Konzerte naturverträglich und kostenfrei – und die Kuchen am Ausschank noch hausgemacht.
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