Gegründet 1947 Freitag, 29. August 2025, Nr. 200
Die junge Welt wird von 3019 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 29.08.2025, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Der Aufmerksame

Zum Tod des Schauspielers, Regisseurs, Dramaturgen und Publizisten Thomas Keck
Von Kai Köhler
10.jpg
Ein Leben für die Sprache: Thomas Keck

Am 19. August starb 68jährig der Schauspieler, Regisseur und Herausgeber Thomas Keck. Wer ihn, wie der Verfasser dieses Nachrufs, erst spät kennengelernt hat, kann den Ertrag dieses Lebens nur skizzieren: Die Schauspielkunst, zumal im Theater, ist flüchtig. Am Max-Reinhardt-Seminar in seiner Geburtsstadt Wien studierte Keck bis 1979 Schauspiel und Regie. Danach hatte er Engagements an verschiedenen westdeutschen Theatern, war aber vor allem freischaffend tätig. Einige Fernsehauftritte brachten Geld, doch Keck fand es bei Dreharbeiten abscheulich, nach langen Wartezeiten kleine Ausschnitte aus Szenen oft zu wiederholen. Lieber spielte er auf der Bühne an einem Abend eine Rolle ganz, vom Anfang der Handlung bis zu ihrem Ende. Ebenso widmete er sich der theaterpädagogischen Arbeit.

In späteren Jahren trat das Schauspiel in den Hintergrund, und Keck beschäftigte sich mit wichtigen Editionen. Sein wahrscheinlich größtes Verdienst besteht darin, zentrale Arbeiten kommunistischer Autoren zugänglich gemacht zu haben. Einen Schwerpunkt bildete der Nachlass von Kecks Lebensgefährten, dem 1991 früh verstorbenen Ronald M. Schernikau. Keck war daran beteiligt, dass Schernikaus kurz vor dessen Tod beendetes Hauptwerk, »legende« 1999 erscheinen konnte. Für die Neuausgabe der »legende«, die 2019 im Verbrecher-Verlag erschien, arbeitete er am Kommentarteil mit und sicherte so für die Nachwelt die Kenntnis zahlreicher zeitgenössischer Bezüge, die schon jetzt schwer zu erschließen sind. Im Verbrecher-Verlag gab Keck auch »Königin im Dreck« heraus, einen Band mit Essays von Schernikau. Für eine umfangreiche Sammlung der Briefe Schernikaus, die hoffentlich bald erscheint, konnte er noch Informationen beisteuern.

Ebenfalls bleibende Bedeutung hat die »Berlinische Dramaturgie«. Zusammen mit Jens Mehrle hat Keck die Protokolle jener Arbeitsgruppen ediert und kommentiert, die Peter Hacks an der Akademie der Künste der DDR geleitet hat. Mit vier Textbänden und einem Materialband liegen damit Gespräche vor, die nicht nur für eine sozialistische Theatergeschichte und Dramaturgie wichtig sind. Auch ästhetische Grundsatzfragen und Probleme einer zweckgerichteten Kulturpolitik wurden damals auf einem heute kaum mehr vorstellbaren Niveau besprochen.

Thomas Keck hat als Editor nicht die kleinteilige Arbeit gescheut, die Voraussetzung dafür ist, einen Text korrekt zu übermitteln und seine Zusammenhänge zu klären. Zugleich blieb er Künstler und trug durch Arrangements dazu bei, Hacks-Texte für eine Zeit produktiv zu machen, die für klassische Kunst wenig Verständnis hat. Wichtig waren ihm die Inszenierung des »Gesprächs im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe« mit Simone von Zglinicki als Charlotte von Stein und eine Lesung des »Omphale«-Dramas am Deutschen Theater Berlin.

Ebenso beschäftigte er sich mit dem »Nachwendewerk« von Hacks, etwa 2017 mit einer szenischen Lesung von »Der falsche Zar«. In besonderer Erinnerung ist dem Verfasser aber eine Aufführung des »Bischof von China«, des spätesten Stücks, das Hacks in seine Werkausgabe aufgenommen hat. Bei der Lektüre unterschätzt man das kurze Werk leicht als ein wenig zielgerichtetes Geplauder. In Kecks Inszenierung wurde deutlich, dass durch den scheinbar geschwätzigen Wortwechsel zwischen dem Bischof als Vertreter des Imperialismus und dem chinesischen Kaiser als Verteidiger gegen die Aggression ein erbarmungsloser Kampf mit Worten geführt wird, wie er dem mit Waffen oft vorausgeht. Man hörte, wie sich hinter herausgestellter Nachlässigkeit gezielte Missachtung verbirgt, wie ein nebenbei erwähntes Detail tatsächlich eine Drohung ist.

Dies ist Resultat genauen Hinhörens und genauer Umsetzung. Ein bildungsbürgerlicher Hintergrund war dafür hilfreich: Keck erzählte einmal, wie seine Schulklasse als Ferienaufgabe ein Gedicht zu lernen hatte und ihn seine Mutter dafür zum Osterspaziergang aus Goethes »Faust« verpflichtete; und dies sind leider viele, viele Verse. Aber wer sie im Kopf hat, kennt sprachliche Qualität und kann mit ihr arbeiten, auch gegen die Vorstellungen des Bürgertums.

Zumindest in seiner vorletzten Lebensphase war Keck skrupulös und beschränkte die Zahl seiner Lesungen so stark, dass eine gewissenhafte Vorbereitung gewährleistet war. Der Verfasser hat dies 2017 bei der Vorbereitung zu einer Veranstaltung zu Gisela Elsners 80. Geburtstag erlebt, einer weiteren für die Gegenwart zentralen kommunistischen Schriftstellerin. Wo sein Anspruch nicht erfüllt wurde, oder wo Leute aus Eitelkeit überflüssigen Ärger erzeugten, konnte Keck durchaus unwirsch werden. Als Freund war er zuverlässig, suchte er – wie der Verfasser es erlebt hat – Einverständnis über kluge Sprachspiele, wodurch zugleich eine gewisse Distanz gewahrt blieb. Andere mögen anderes erlebt haben.

In den letzten Lebensjahren schränkte eine nie genau diagnostizierte Krankheit seine Bewegungs- und schließlich auch Kommunikationsfähigkeit ein. Für jemanden, der für sprachliche Differenzierung lebte, muss das quälend gewesen sein. Am Ende aber bleibt der Ertrag der Arbeit.

75 für 75

Mit der Tageszeitung junge Welt täglich bestens mit marxistisch orientierter Lektüre ausgerüstet – für die Liegewiese im Stadtbad oder den Besuch im Eiscafé um die Ecke. Unser sommerliches Angebot für Sie: 75 Ausgaben der Tageszeitung junge Welt für 75 Euro.

 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Mehr aus: Feuilleton

                                                                 Aktionsabo: 75 Ausgaben für 75 Euro