»Die Bedingungen sind seit Jahren mies«
Interview: Gitta Düperthal
Die Gewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt, IG BAU, hat am Montag einen Bericht zur Erntesaison vorgestellt: Bei der diesjährigen Spargel- und Erdbeerernte waren die Arbeitsbedingungen wie auch die Unterbringung der meist aus Mittel- und Osteuropa angereisten Saisonarbeitskräfte oft unterirdisch. Wie ist die Entwicklung?
Die Arbeitsbedingungen in der Branche sind seit Jahren mies und überhaupt nicht besser geworden. Wir vom Beratungsnetzwerk »Faire Mobilität« fahren während der Spargel- und Erdbeerernte von April bis Ende Juni über die Felder von Betrieb zu Betrieb, verteilen Informationsmaterial und sprechen mit Beschäftigten. Es gibt große Probleme. Etwa mussten Saisonarbeitskräfte für einen Schlafplatz im Mehrbettcontainer für vier Personen pro Tag jeweils 26 Euro zahlen: 18 Euro für die Unterkunft, acht fürs Essen. Auf den Monat hochgerechnet pro Person: ungefähr 550 Euro. Diese Schlafgelegenheiten ließ sich der Betrieb also mit etwa 2.000 Euro vergüten!
Vermutlich bleibt dann vom Monatslohn wenig übrig?
Allerdings. Wieviel genau, ist zudem unübersichtlich. Der Mindestlohn liegt bei 12,82 Euro pro Stunde. Die Stundenzahl wird nach Saisonende abgerechnet, dann erst wird der Lohn ausgezahlt. Oft lassen sich Betriebe zwar Arbeitsverträge unterschreiben, händigen diese aber nicht aus. Beschäftigten werden Kosten aufgebürdet, etwa für An- und Rückreise oder für die Nutzung des Internets, einer Waschmaschine oder für Spargelmesser.
Die IG BAU kritisiert ständige lange Arbeitstage und betrugsanfällige Arbeitszeiterfassung. Was geht da vor sich?
In einem Fall mussten Saisonarbeitskräfte 14 Stunden pro Tag arbeiten; ohne freie Tage während der ganzen Saison. Für einen Ruhetag mussten sie 50 Euro Strafe zahlen. Eine frühere Abreise ins Herkunftsland wollte der Arbeitgeber zunächst nicht akzeptieren. Nicht zum Ende der Arbeitszeit, zum Saisonschluss zahlte er den Lohn! Als wir mit ihm über die Missstände sprechen wollten, verweigerte er das Gespräch; leugnete gar, dass es seine Arbeitskräfte wären. Wir zeigten Fotos der Feldarbeit mit Kisten, die mit dem Betriebsnamen beschriftet waren. Als er uns später mit Beschäftigten sprechen sah, kam er hinzu, um sie einzuschüchtern. »Sie behandeln uns wie Schweine«, sagte einer.
Bauern können Arbeiter 70 Arbeitstage lang ohne Zugang zu Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung beschäftigen. Welche Risiken bringt das mit sich?
Erkranken Saisonarbeitskräfte nach erst kurzem Einsatz, etwa für zwei Wochen, schickt man sie oft nach Hause. Was für sie ein Verlustgeschäft bedeuten kann, zumal sie ja oft für Miete etc. zahlen müssen.
Die CDU/SPD-Bundesregierung plant, die sozialversicherungsfreie kurzfristige Beschäftigung auf 90 Tage auszuweiten. Kapitalverbände fordern, den Mindestlohn auf 80 Prozent zu senken. Werden Arbeitsrechte ausgehebelt?
Ausgerechnet für diese Branche – mit überlangen Arbeitstagen und hohen Akkordvorgaben – solche Ausnahmen einplanen zu wollen ist ungeheuerlich. Wird wegen miesen Wetters oder aus anderen Gründen der Akkord nicht geschafft, tauscht man Beschäftigte einfach aus. Vermittlungsagenturen im Herkunftsland liefern dann neue Saisonkräfte. Ihre »Leistung« stellen sie oft den Arbeitskräften in Rechnung: mit einem Betrag bis zu 150 Euro.
Die Gewerkschaften mühen sich seit Jahren, Saisonarbeiter zu organisieren. Was konnten Sie erreichen?
Da wir schon viele Jahre lang auf den Feldern unterwegs sind, verfügen zumindest jene über Informationen, die regelmäßig nach Deutschland zur Ernte kommen. Doch selbst wenn der gesetzliche Mindestlohn mitunter korrekt ausgezahlt wird, gibt es weitere ausbeuterische Bedingungen.
Was muss sich ändern?
Ob der Mindestlohn eingehalten wird oder etwa Mieteinnahmen dem Mietpreisspiegel in der Gegend entsprechen, wird kaum kontrolliert. Kontrollbehörden des Zolls sollten während der circa 70tägigen Saisonarbeit nicht nur in Unterlagen nachschauen oder mit Arbeitgebern sprechen, sondern auch mit Beschäftigten. Hierfür ist es wichtig, dass sie sich sprachlich verständigen können.
Letitia Matarea-Tuerk ist Mitarbeiterin des beim DGB-Bundesvorstand angesiedelten Beratungsnetzwerkes »Faire Mobilität« in Frankfurt am Main
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