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Aus: Ausgabe vom 14.07.2025, Seite 15 / Politisches Buch
Antikommunismus

Feindbild Arbeitereinheit

Ein lesenswertes Buch über den »globalen antikommunistischen Kreuzzug« der US-Gewerkschaften nach 1945
Von Leo Schwarz
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Im Ziel einig, in den Methoden nicht ganz: AFL-Chef George Meany (l.) und Walter Reuther (CIO) (22.1.1953)

Zu den interessantesten, in der politischen und historischen Publizistik in Deutschland aber noch immer so gut wie gar nicht erörterten Dimensionen des Kalten Krieges gehört die offene oder verdeckte Aktivierung von Personen, Parteien und anderen Organisationen, die dem äußeren Anschein nach der breiteren politischen Linken bzw. der Arbeiterbewegung zuzurechnen sind, für die antikommunistische und imperialistische Agenda des »Westens«. In den USA erscheinen seit einigen Jahrzehnten kritische (vereinzelt auch apologetische) Veröffentlichungen zu diesem komplexen und, was die Vielzahl der Schauplätze angeht, in der Tat globalen Thema. Sie beschäftigen sich vor allem mit der – für den Gegenstand fraglos zentralen – Rolle der US-amerikanischen Gewerkschaften (oder präziser: der führenden Funktionäre dieser Gewerkschaften) und deren Einbindung in die Aktivitäten des US-Außenministeriums und der Geheimdienste in ganz unterschiedlichen Ländern.

Nun ist eine sehr lesenswerte neue, viele verstreute Erkenntnisse zusammenführende Arbeit des Historikers Jeff Schuhrke über den »globalen antikommunistischen Kreuzzug« des US-Gewerkschaftsdachverbandes AFL-CIO und einzelner seiner Mitgliedsgewerkschaften erschienen. Wer dieses Buch gelesen hat, wird nicht mehr daran zweifeln, dass die gängige Verballhornung von AFL-CIO zu »AFL-CIA« die Realität ganz gut zusammenfasst.

Bündnis mit dem Staat

Schuhrke zeigt überzeugend, in welchem Ausmaß sich die US-amerikanischen Gewerkschaftsfunktionäre in Europa, Lateinamerika, Afrika und Asien ins Zeug legten, um kommunistische, linkssozialdemokratische oder auch nur allgemein klassenkämpferische Tendenzen vor allem in der Gewerkschaftsbewegung zu blockieren und nach Möglichkeit auszuschalten. Anstatt der Macht der Konzerne entgegenzutreten, »sich gegen Militarismus und Krieg zu organisieren und eine echte Gewerkschaftsdemokratie im In- und Ausland zu fördern«, so das Fazit des Autors, pflegten »hochrangige Gewerkschaftsfunktionäre« ein Bündnis »mit dem außenpolitischen Apparat Washingtons – und gelegentlich auch mit den amerikanischen Konzernen –, um klassenbewusste, militante Arbeiterbewegungen weltweit zu untergraben«.

Schuhrke versteht dieses Buch auch als Beitrag zu der Debatte über die Ursachen für den »Niedergang der US-Arbeiterbewegung im späten 20. Jahrhundert«: Resultat des von den Gewerkschaftsfunktionären unterstützten bzw. geführten Kampfes gegen tatsächliche und vermeintliche Kommunisten sei eine Welt gewesen, in der die Arbeiterklasse immer weniger Einfluss hat und eine »zunehmend rücksichtslose Kapitalistenklasse« den Ton angibt.

Das Buch ist auch deshalb wertvoll, weil es nicht den Fehler macht, diese Verstrickung ausschließlich auf das Konto der zum Teil direkt mit der CIA kooperierenden »konservativen« Gewerkschaftsführer aus der AFL-Tradition wie George Meany (in dessen Umfeld der für die Konzeption und Umsetzung des antikommunistischen Kurses weithin verantwortliche Jay Lovestone operierte) zu buchen, sondern auch die Rolle ihrer »linken«, aus der CIO-Tradition kommenden Kritiker (AFL und CIO hatten sich 1955 zusammengeschlossen) wie Walter Reuther in den Blick nimmt.

Die Grundlagen für die Einbindung der US-Gewerkschaften in die Außenpolitik Washingtons wurden bereits in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs gelegt. Die meisten Gewerkschaftsführer hatten seit den 1930er Jahren in den eigenen Organisationen Erfahrungen in Auseinandersetzungen mit Kommunisten und anderen linken Gewerkschaftern gesammelt. Als der Krieg zu Ende ging, waren die »Säuberungen« vielfach längst abgeschlossen. 1944/45 nahm Washington sehr rasch Kontakt zunächst zu den AFL-Funktionären auf (der CIO war wegen des in den 1930er Jahren starken kommunistischen Einflusses vorläufig noch verdächtig), um deren Expertise für den Kampf gegen den stark gewachsenen Einfluss der kommunistischen Parteien in der Arbeiterbewegung zunächst vor allem in Europa fruchtbar zu machen. Überzeugungsarbeit geleistet werden musste bei diesen Leuten nicht: Funktionäre wie Meany, schreibt Schuhrke, »dämonisierten unerbittlich Kommunisten und versuchten, eine Konfrontation mit den Sowjets zu provozieren, noch bevor der Zweite Weltkrieg vorbei war«.

Die Hauptachse dieser Politik der verdeckten Einflussnahme war die Losung einer »freien« Gewerkschaftsbewegung (»free unions«), wobei unter »frei« schlicht die Abwesenheit von Kommunisten verstanden wurde. Die Schaltzentrale für Personal und Geld – mehrere hundert Millionen US-Dollar kamen über die Jahrzehnte von der US-Regierung, mit denen in anderen Ländern unter Gewerkschaftsflagge Einfluss »gekauft« wurde – war zunächst das von dem rabiaten Antikommunisten Lovestone, der 1929 aus der KP der USA ausgeschlossen worden war, geleitete Free Trade Union Committee.

Spaltungen forciert

Die Vorgehensweise war je nach Land unterschiedlich. Während die AFL-Abgesandten etwa in Frankreich und Italien oder auf der Ebene des Weltgewerkschaftsbundes eine Spaltungspolitik entlang politischer und konfessioneller Grenzen forcierten, setzten sie in Westdeutschland, wo angesichts der Durchgriffsmöglichkeiten der Militärregierungen ein gewisses »Risiko« in Kauf genommen wurde, auf perspektivisch »gesäuberte«, von zuverlässigen Funktionären geführte Einheitsgewerkschaften.

Das war eine Ausnahme, denn das Feindbild der US-Gewerkschafter (und natürlich, da lag die Priorität, der Taktgeber bei den Geheimdiensten und im Außenministerium) war ohne jeden Zweifel die gewerkschaftliche Einheit aller politischen Richtungen der Arbeiterbewegung. Angefangen beim Weltgewerkschaftsbund, wurden in den 40er und 50er Jahren »die Arbeiterbewegungen in Westeuropa, Lateinamerika und Asien in enger Zusammenarbeit mit dem Außenministerium und der CIA entlang der neuen Frontlinien des Kalten Krieges gezielt gespalten«. Wenn es auch eine Verzerrung wäre, jede dieser Spaltungen allein auf Aktivitäten von Einflussagenten aus den USA zurückzuführen, so steht doch für Schuhrke fest, dass die AFL und ihre staatlichen »Partner« »kleine und unbedeutende Splitterorganisationen« wie die französische Force Ouvrière (FO) stabilisierten und so dafür sorgten, dass »die Spaltungen anhielten und sich verschärften«.

Schuhrke zeigt, wie die antikommunistische Einflussnahme immer wieder modifiziert und modernisiert wurde, in den 60er Jahren etwa durch das in Kooperation mit USAID ins Leben gerufene American Institute for Free Labor Development (AIFLD), das vor allem in Lateinamerika eine verhängnisvolle Rolle spielte: einerseits, indem es lateinamerikanische Gewerkschafter auf einen konservativen »Business Unionism« festlegte, und andererseits, indem es mit seinem Personal dabei half, dass tatsächlich »progressive, demokratische Führer wie Cheddi Jagan in Guyana, João Goulart in Brasilien und Juan Bosch in der Dominikanischen Republik« gekippt bzw. von der Macht ferngehalten wurden.

Zuschuss für Solidarność

Die AFL-CIO-Führung unterstützte in aller Form den Krieg in Vietnam. Und trotz der wachsenden Opposition einer jüngeren Generation von Gewerkschaftern hielt sie auch dann noch den antikommunistischen und neokonservativen Scharfmachern in Washington die Treue, als die US-Unternehmen in den 70er Jahren damit begannen, im großen Stil Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern: Im Gleichschritt mit Ronald Reagan »eskalierte der Verband in den 1980er Jahren seinen antikommunistischen Feldzug« und wurde erstmals im großen Stil direkt im sozialistischen Lager aktiv, indem er die polnische Solidarność finanziell unterstützte. Die parallele Unterstützung für »Reagans gewaltsame Aufstandsbekämpfung in Mittelamerika« führte schließlich zu lauten Protesten von Tausenden Mitgliedern und Funktionären.

Auch wenn Schuhrke betont, dass sich die US-Gewerkschaftsführer bewusst für »ihren« Staat in die Bresche warfen – neben ihrem authentischen Antikommunismus nennt er als Hauptmotiv, dass sie den Erfolg einer »von den USA gelenkten internationalen kapitalistischen Ordnung« wollten, »weil sie glaubten, dass dies ihren Mitgliedern wirtschaftliche Vorteile bringen würde« –, so lässt er doch keinen Zweifel daran, wer Koch und wer Kellner war: Letztlich machten diese Funktionäre die Arbeiterbewegung »zu einem Anhängsel des außenpolitischen Apparats Washingtons«.

Das Buch ist auch jenseits des unmittelbar verhandelten Stoffes von Bedeutung: Lernen kann eine sich neu politisierende junge Generation anhand dieses Materials zum Beispiel, dass es sehr ratsam ist, einen Blick dafür zu entwickeln, was die konkrete Agenda von Akteuren ist, die auf den ersten Blick unverdächtig oder sogar als Bündnispartner erscheinen. Es gibt nämlich in einer Zeit, in der zwar nicht mehr die Gewerkschaften, aber doch allerlei NGOs blühen, keinerlei Grund zu der Annahme, dass der »außenpolitische Apparat« in den USA (oder in anderen Ländern) vergessen hat, wie nützlich es gewesen ist, gewisse Aufgaben von Dritten bzw. unter falscher Flagge erledigen zu lassen. Schon aus diesem Grund wäre es zu begrüßen, wenn sich ein deutscher Verlag findet, der dieses Buch übersetzen lässt.

Jeff Schuhrke: Blue-Collar Empire. The Untold Story of US Labor’s Global Anticommunist Crusade. Verso, New York 2024, 352 Seiten, 29,95 US-Dollar

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  • Leserbrief von Doris Prato (14. Juli 2025 um 12:57 Uhr)
    Während des bewaffneten Widerstandes gegen das Besatzungsregime der Hitlerwehrmacht 1943 bis 1945 war auf Initiative der Kommunistischen Partei (PCI) – in Übereinstimmung mit der Sozialistischen Partei (PSI) und der katholischen Strömung der Arbeiterbewegung am 9. Juni 1944 der einheitliche Gewerkschaftsbund Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL) gegründet worden. Die CGIL war die Nachfolgeorganisation der 1906 von den italienischen Sozialisten gebildeten Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGdL), die im Zuge der Errichtung der faschistischen Diktatur verboten worden war. Mit dieser Wiedergründung wurde auch der Versuch der westlichen Besatzungsmächte vereitelt, die faschistischen Gewerkschaften in »Freie Gewerkschaften« umzuwandeln. Die CGIL leistete besonders in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten einen wichtigen Beitrag sowohl bei der illegalen Betriebsarbeit und der Sabotage der Kriegsproduktion als auch bei der Vorbereitung des Generalstreiks und des bewaffneten Aufstands im Frühjahr 1945. Nach der Niederlage des Faschismus trug die CGIL aktiv zum Aufbau einer auf antifaschistisch-demokratischen Grundsätzen beruhenden Nachkriegsordnung bei. 55,8 Prozent ihrer Mitglieder gehörten dem PCI an oder sympathisierten mit ihm, 22,6 standen dem PSI nahe. Etwas mehr als ein Zehntel orientierte sich an der Christdemokratischen Partei (DC), die mit den USA die Restauration der angeschlagenen kapitalistischen Machtverhältnisse betrieb.
    Der maßgeblich von den Kommunisten beeinflusste einheitliche Gewerkschaftsbund war deshalb den USA und den Rechtskräften in der DC ein Dorn im Auge. Bereits 1948 spaltete sich der katholische Flügel der Gewerkschaftsbewegung von der CGIL ab, danach folgte eine rechts- und eine linkssozialistischen Strömung. Letztere bildete im März 1950 die Unione Italiana del Lavoro (UIL), und wenige Wochen später gründeten die Katholiken und die Rechtssozialisten die Confederazione Italiana Sindacati Lavoratori (CISL). Damit wurde die Gewerkschaftseinheit zerschlagen. Wie der Mailänder Corriere della Sera am 8. März 1975 enthüllte, waren Initiatoren der Spaltung Vertreter des US-amerikanischen Gewerkschaft AFL, die mit der CIA verbunden waren. Die Operation leitete der »Gewerkschafter« Irving Brown, der später als Agent der CIA enttarnt wurde. Brown war ein enger Mitarbeiter von Jay Lovestone. Der ehemalige Kommunist koordinierte nach 1945 weltweit Manöver, mit denen der Einfluss von Kommunisten in der Gewerkschaftsbewegung reduziert werden sollte. Die Gewerkschaftsspalter konnten ihre Ziele jedoch lange Zeit nur teilweise realisieren, denn die CGIL blieb mit über vier Millionen Mitgliedern (heute 5,6) mit Abstand die nicht nur zahlenmäßig stärkste, sondern auch politisch einflussreichste Gewerkschaft. Sie stand dem PCI, so lange dieser existierte, nahe. Aber die Spaltung hat bis heute eine Langzeitwirkung, die durch den Untergang des PCI 1989/90 und die folgende tiefe Krise der Linken verstärkt wurde, nicht nur die CISL oder die UIL, auch wenn letztere oft zusammen mit der CGIL auftritt, agieren, wie auch die CGIL, vor allem auf tariflicher Ebene und betreiben eine Sozialpaktstrategie. Bei allen Kampfaktionen steht neben den sozialen Forderungen immer das Angebot von CGIL-Generalsekretär Maurizio Landini, darüber mit der Meloni-Regierung zu verhandeln. Das nimmt den Forderungen die Stoßkraft.
  • Leserbrief von Rayan aus Unterschleißheim (13. Juli 2025 um 22:12 Uhr)
    Bestimmt sinnvoll, dies im Detail aufgeschlüsselt lesen und entsprechend lernen zu können. Grundsätzlich dürfte allerdings klar sein, dass es bei der Funktionsweise des kapitalistischen Systems und der des Menschen gar nicht anders sein kann, als dass vertikal organisierte Gewerkschaften früher oder später korrumpiert werden: Es ist schließlich für das Kapital spottbillig, ein paar leicht steuerbare Hansel an deren Spitze zu setzen und damit Abermillionen von arbeitsfähigen und kapitallosen, damit ausbeutbaren, Menschen in die genehme Richtung zu bringen, also zu Ausgebeuteten zu machen bzw. die bestehenden Ausbeutungsverhältnisse zu Gunsten des Kapitals zu intensivieren. Hierzu bietet sich als deutsches Stichwort die so genannte »Sozialpartnerschaft« (tm & *haha*) an. Etwaige »Störer« in der Gewerkschaftsbasis lassen sich so auch durch die Gewerkschaftsstruktur selbst superleicht ausschalten. Dass solche U-Boot-Pseudogewerkschaften so viele Mitglieder haben, zeigt auch eine gehörige Portion Naivität bei diesen Millionen Betrogenen. Gegen diese Naivität könnten Bücher dieser Art sicher gut anstinken, was es dann wiederum dem Kapital erschweren dürfte, seine Opfer weiter wie bisher millionenfach an der Nase durch die Manege zu zerren. Bezogen auf das Gewerkschaftsthema könnte ich mir auch gut vorstellen, dass es für die Kapitalisten um einiges teurer sein dürfte, horizontal organisierte Gewerkschaften, wie z. B. die syndikalistische FAU, in gleichem Maße zu korrumpieren, sollten solche mal nennenswerte Größenordnungen erreichen.

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