Netanjahu will mehr Krieg
Von Wiebke Diehl
Der Krieg im Nahen und Mittleren Osten droht an mehreren Fronten zu eskalieren: Nachdem am Sonntag früh eine von den jemenitischen Ansarollah abgefeuerte Hyperschallrakete neben dem Terminal 3 des internationalen Flughafens Ben-Gurion in Tel Aviv eingeschlagen war, bereitet die israelische Armee laut Medienberichten eine umfangreiche militärische Reaktion vor. Verteidigungsminister Israel Katz drohte, man werde dem Jemen den »siebenfachen Schaden« zufügen, Medien sprachen von der »gefährlichsten Operation seit Kriegsbeginn«, die Zeitung Maariv nannte den Angriff »dramatisch von globalem Ausmaß«. Mitte März hatte US-Präsident Donald Trump gedroht, den Iran künftig für »jeden Schuss«, den die Ansarollah abfeuern, verantwortlich zu machen. Offenbar war es weder dem israelischen Abfangsystem »Arrow 3« noch dem eigens in Israel installierten US-amerikanischen Abwehrsystem THAAD gelungen, das auf den Flughafen abgefeuerte Geschoss abzufangen.
Acht durch den Raketeneinschlag Verletzte wurden in Krankenhäuser gebracht. Der Flug- wie auch der Zugverkehr mussten eingestellt werden. Die deutsche Lufthansa setzte ihre Flüge von und nach Tel Aviv vorerst bis Dienstag aus. Auch die Schweiz, Österreich und die spanische Fluggesellschaft »Air Europa« strichen Flüge, nachdem die Ansarollah alle internationalen Airlines aufgefordert hatten, den Flughafen Ben-Gurion aus Sicherheitsgründen zu meiden.
Bereits am Sonnabend bombardierte die israelische Luftwaffe erneut Syrien, nachdem bereits am Freitag Ziele in der Nähe des Präsidentenpalastes getroffen worden waren. Tel Aviv behauptet, die Drusen schützen zu wollen, die sich zuletzt schwere Auseinandersetzungen mit den dschihadistischen De-facto-Machthabern von Haiat Tahrir Al-Sham (HTS) liefern mussten. Tatsächlich weitet Israel seine Besatzung unter dem Vorwand des Minderheitenschutzes seit dem Sturz der Regierung von Baschar Al-Assad im Dezember deutlich aus und hat bereits neun Militärstützpunkte eingerichtet. Namhafte israelische Politiker und Kabinettsmitglieder träumen öffentlich von einem »Groß-Israel«, das Teile Syriens, des Libanons, Ägyptens, Jordaniens, des Iraks und Saudi-Arabiens umfassen soll.
Israel plant, auch den Krieg gegen Gaza erheblich auszuweiten. Das sogenannte Sicherheitskabinett von Premier Benjamin Netanjahu sollte am Sonntag abend in Jerusalem zusammenkommen, um seine Zustimmung zu geben. Medienberichten zufolge schickt das Militär bereits Einberufungsbescheide an Zehntausende Reservisten. Sie sollen laut Ynet reguläre Truppen an der Nordgrenze zum Libanon oder im besetzten Westjordanland ablösen, damit diese zum Kampfeinsatz in den Gazastreifen verlegt werden können.
Eine neuerliche Intensivierung des Kriegs würde die humanitäre Lage in der abgeriegelten Enklave weiter verschärfen. Diese ist ohnehin katastrophal, nachdem Israel seit über zwei Monaten erneut eine Komplettblockade verhängt hat. Wie das washingtonnahe Portal Axios berichtet, stehen die USA, Israel und eine private US-Firma kurz davor, ein Abkommen über die zukünftige Verteilung von Hilfsgütern im Gazastreifen zu schließen, obwohl internationale Hilfsorganisationen heftige Kritik an dem Vorhaben geäußert haben. Palästinensische Familien sollen dann unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und erheblichen Schikanen einmal wöchentlich ein Lebensmittelpaket erhalten.
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (6. Mai 2025 um 09:32 Uhr)Statt auf Frieden hinzuarbeiten, setzt die demokratisch gewählte israelische Regierung weiterhin auf militärische Eskalation. Wie kann das sein? Nach eineinhalb Jahren Krieg sind die erklärten Ziele – die Zerschlagung der Hamas und die Befreiung der Geiseln – nicht erreicht worden. Dennoch fehlt es an ernsthaften Bemühungen um eine diplomatische Lösung oder den Aufbau eines friedlichen Zusammenlebens mit den Nachbarn. Natürlich: Die geopolitische Lage ist komplex, und viele der angrenzenden Staaten sind selbst keine einfachen Partner. Doch eine dauerhafte Eskalation des Konflikts ist ein Irrweg. Israel ist ein kleines Land mit etwa sieben Millionen jüdischen Einwohnern – umgeben von zahlreichen islamisch geprägten Staaten. Unter diesen demografischen und geopolitischen Voraussetzungen ist eine dauerhafte militärische Lösung nicht nur unrealistisch, sondern auch höchst riskant. Wer möchte auf Dauer in einem Zustand permanenter Bedrohung leben? In einer digital vernetzten Welt, in der Bilder und Informationen in Echtzeit weltweit verbreitet werden, lässt sich militärisches Handeln nicht mehr dauerhaft vor internationaler Kritik oder rechtlicher Aufarbeitung schützen. Zudem stellt sich die Frage, wie lange die USA noch willens und in der Lage sind, Israels Kriege politisch und finanziell zu unterstützen. Ohne diese Unterstützung wäre es fraglich, ob Israel seine Besatzungspolitik und die militärischen Operationen im Gazastreifen überhaupt aufrechterhalten könnte. Was Israel – und die gesamte Region – braucht, ist nicht mehr Krieg, sondern den politischen Mut zu diplomatischen Kompromissen, die den Weg zu einem gerechten und dauerhaften Frieden ebnen.
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